dietmar's blog

Der ehrlose, tapfere Bäcker

Der Kriegsfilm als Kammerspiel: Mit "Letters from Iwo Jima", dem zweiten Teil seines Doppelfilm-Projekts, reicht Clint Eastwood die japanische Sicht auf die Endphase des Zweiten Weltkriegs nach

Wie erinnert man an einen Krieg? Sieger und Besiegte der Schlacht um Iwo Jima, die auf den Tag genau heute vor 62 Jahren im Südpazifik wütete, haben ihre je eigenen Strategien gefunden, von den Ereignissen zu erzählen. Die amerikanische Öffentlichkeit bekam ihren Sieg vor allem in Form der Rosenthal-Fotografie vom Hissen der Flagge auf Mount Suribachi präsentiert. Davon, wie diese Aufnahme und ihre Protagonisten durch den Propagandawillen der US-Regierung zur nationalen Ikone stilisiert und millionenfach reproduziert wurde, handelte Clint Eastwoods "Flags of our Fathers".

"Gewalt im Kino ertrage ich nicht"

Sein neuer Film "Rescue Dawn" läuft auf dem Münchner Filmfest: Regisseur Werner Herzog über radikale Menschenwürde und Chaos im Weltall

Herr Herzog, 1998 haben Sie den Dokumentarfilm "Little Dieter Needs to Fly" gedreht, über einen jungen Deutschen, der sich der U.S. Navy anschließt. Wann haben Sie den Entschluss gefasst, aus dem Stoff den Spielfilm "Rescue Dawn" zu machen?

Schon bei der Produktion des Dokumentarfilms - ich sage ja lieber: "ein Spielfilm in Verkleidung" - war uns klar, dass daraus ein großer Film werden muss, mit einem großen Schauspieler. Nur gab es zunächst kein Geld. "Rescue Dawn" ist entstanden, nachdem Organisation, Finanzen und Star gesichert waren.

In "Little Dieter" sagen Sie, das Besondere an einer Figur wie Dieter Dengler sei, dass er eigentlich ein ganz gewöhnlicher Mensch ist. Ist es dann nicht ein Widerspruch, ihn mit einem Star zu besetzen?

Wenn man für die große Kinoleinwand arbeitet, dann liegt es auf der Hand, dass man einen Star braucht, jemanden, der etwas ganz Großes an sich hat. Die Geschichte von Dieter Dengler ist an sich eine epische Kinogeschichte.

Never Mind the Biopics

LAST DAYS: Man kann Gus Van Sant's Film über die letzten Tage eines Rockstars, der Kurt Cobain ist und nicht ist, als radikalen Gegenentwurf zum Genre des Tote-Musiklerlegenden-Biopics von Ray bis zu Walk the Line, und, in diesem Fall wohl am naheliegendsten, The Doors lesen. GVS's eigene Einstellung dazu wäre wohl: Filmgenres interessieren mich nicht, schon gar nicht deren Überschreitung, Durchkreuzung oder sonstige transgressiven Aktionen. Eher noch die Frage, wie eine reflektiert distanzierte Annäherung an die Wahrheit über einen Freitod gelingen kann, der das Klischee derart übererfüllt, dass alle Erklärungen notwendig fehl gehen müssen.

Schöne Helden sind wir

"Zu sagen, das sind die Ausgebeuteten, schaut, wie furchtbar, das wäre zu einfach, das würde für mich nicht rechtfertigen, einen Film zu machen": Michael Glawogger über die Ausdrucksmittel seines Dokumentarfilms Workingman's Death

Die Buße des Vaters

Le fils, Belgien/Frankreich 2002, 103 Min.
Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne, mit Olivier Gourmet und Morgan Matrinne

Wo ein Sohn ist, ist auch ein Vater nicht weit. Dieser hier ist in fast jeder Einstellung zu sehen, so fasziniert ist die Kamera von ihm. Die Regisseure Jean-Pierre und Luc Dardenne schreiben: »Wir könnten uns den Film nicht mit einem anderen Körper, einem anderen Schauspieler vorstellen.« Entschlossen und ziellos, wütend und verzweifelt bewegt sich dieser Körper. Die Augen hinter dicken Brillengläsern verborgen, die Arme frei schwingend an der Seite, der massige Leib mit einem Hüftgürtel gestützt und eingesperrt.

Das Errechnen der Seele

Das ist der Vorteil von Animationsfilmen: Sie müssen sich keine Budgetsorgen beim Zerstören von großen Gebäuden machen. Appleseed macht davon ausgiebigen Gebrauch und präsentiert schon in den ersten zehn Minuten reichlich postapokalyptischen Häuserkampf zwischen Maschinen, die menschenähnlich aussehen, und Menschen, die vor lauter Hightech-Ausrüstung nur so um sich ballern.

Narren mit Knarren

Dear Wendy: Eine Gruppe von jugendlichen Außenseitern sieht einer desolaten Zukunft in einem verarmten Minenarbeiter-Städtchen im Südosten der USA entgegen. Unversehens entwickelt sie eine fatale Faszination für antike Handfeuerwaffen. Weil sie sich für "Pazifisten mit Pistolen" halten, schwören sie, die Waffen nur für Schießübungen und niemals außerhalb ihres Terrains zu benutzen, eines zum Clubtreff umfunktionierten, stillgelegten Fabrikkellers, den sie ihren "Tempel" nennen.

Wem gehört das Copyright?

Vielleicht werden künftige Filmhistoriker die Geschichte des Mediums als eine Diätkur beschreiben: Was schwer war, ist leicht geworden. Man muss einmal daran erinnern, was für ein mechanisches Monstrum aus Metall, Zahnrädern und Zelluloid das Kino einst war, von den Kameras über die Studiolandschaften bis zur Projektion. Das frühe Filmmaterial auf Nitratbasis war technisch ein hoch entzündlicher Sprengstoff, das zahllose Theater in Flammen aufgehen ließ.

Ideale Verbündete

Leer wie ein platt gerodetes Maisfeld: In Broken Flowers gehen der Zen-Buddhismus-Flirt von Jim Jarmusch und der stoische Minimalismus von Bill Murray die schönste Verbindung ein. Sie spenden Trost den vielen, die alles im Leben verpasst haben, und huldigen dem schwerelosen Augenblick.

Nazipapa war lieb

2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß

»Du kannst mit deinem Film nichts ändern. Ich sehe ihn so, wie er war«, das sind die allerersten Bilder, die wir sehen, die Worte einer Frau, die den Blickkontakt mit ihrem Gegenüber meidet, in ihren Bewegungen seltsam fahrig wirkt und offensichtlich lieber woanders wäre als gerade jetzt vor der Kamera und gerade zu diesem Thema befragt würde: zu Hanns Elard Ludin, Konspirator für Adolf Hitler schon in der Weimarer Republik, SA-Mann der ersten Stunde, nach 1934 einer ihrer obersten Führer, später Stellvertreter des Führeres in der Slowakei, zuständig für die Interessen des Dritten Reiches und die Deportation der Juden. 1947 an die Tschechoswlowakei ausgeliefert und als Kriegsverbrecher hingerichtet. Der Vater der Frau und der Vater des Filmemachers Malte Ludin. It's a Family Affair.

Dem Bösen über die Schulter geschaut

Zwei Dokumentarfilme beschäftigen sich mit Ästhetik und Propaganda im Dritten Reich: »Ewige Schönheit« und »Das Goebbels-Experiment«.

Einundneunzig Minuten Ausschnitte von der Schokoladenseite des Dritten Reiches: lachende Jungmädels in knappen Röckchen, kernige Frontkämpfer mit Stahlhelmblick, wiegende Kornfelder, glückliche Arbeiterfamilien auf KdF-Urlaub – der Kompilationsfilm "Ewige Schönheit" von Marcel Schwierin, der Bildmaterial aus der Propaganda der NS-Zeit aneinanderreiht, will es mal wieder wissen: Was war das Verführerische am Nationalsozialismus? Wie konnte vom Abgründigen solche Faszination ausgehen?

Ich köpfe meine Feinde nicht

Wer weiß schon, was ein Mandala ist: Ein Gespräch mit dem New Yorker Filmregisseur David O. Russell über seinen Film I Heart Huckabees und über Zufälle, Bienen, Fahrradfahren als politisches Statement und buddhistische Baummeditation

Der dunkle Ritter versuchts erneut

Der Titel birgt ein Versprechen: Alles wieder auf Los, ein Neuanfang. Den hätte die Batman-Serie, die zuletzt in angestrengtem Klamauk zu versinken drohte, auch bitter nötig. Als Tim Burton den Fledermausmann 1989 und 1992 ins Leinwand-Leben erweckte, inszenierte er die Geschichten des Verbrecherjägers mit den spitzen Ohren in seinem typischen Mix aus Grand Guignol und Gruselmärchen für Erwachsene, mit jeder Menge Raum für die exzentrischen Auftritte der Gegenspieler des kostümierten Vigilanten.

Die im Dunkeln sieht man nicht

»Operation Spring« von Angelika Schuster und Tristan Sindelgruber

Drei Arten von Bildern verhandelt Operation Spring: offizielle, inoffizielle und unsichtbare. Offiziell sind solche Bilder, die alle zu sehen bekommen, wie etwa die von der Pressekonferenz am 27.5.1999, auf welcher der damalige Innenminister Karl Schlögl den anwesenden MedienvertreterInnen bekannt gab, in den frühen Morgenstunden sei dank des koordinierten Einsatzes von »850 Beamten der Exekutive in Wien, Niederösterreich, Linz und Graz« eine »international agierende Drogenbande« zerschlagen, sowie »vorerst 80 Personen festgenommen und mehrere Kilo Suchtgift sichergestellt« worden. In den folgenden Tagen steigt die Zahl der Verhaftungen, insgesamt 127 Personen werden in Gewahrsam genommen.

Der romantische Kreislauf

Die Phase einer wie auch immer bemühten oder eigenwilligen Politisierung des jungen deutschen Films war kurz. Jugendliche Helden beschäftigen sich wieder am liebsten mit sich selbst und stellen sich wieder die alten Fragen nach der großartigen Hölle der Jugend: »Kammerflimmern« von Hendrik Hölzemann und »Egoshooter« von Christian Becker und Oliver Schwabe.

Das fliegende Auge

Minority Report

I.
Dieser Film ist, sehr wörtlich genommen, ein Angriff auf die Augen. Wie immer in einem Spielberg-Film gilt: achten Sie auf den kleinen Jungen. Hier sitzt einer gleich zu Beginn des Films am Tisch im familiären Dreieck (das bereits ein Viereck geworden ist: der Liebhaber vor der Tür wartet darauf, dass Papa das Haus verläßt) und bastelt sich eine Maske, indem er mit einer grotesk großen Schere der Werbefotografie einer Frau die Augen aussticht.

Halber Mensch

The Machinist (Brad Anderson, Spanien 2004)

»In der Wirklichkeit ermüdet die Fabrikarbeit sehr bedeutend und erzeugt eigentümliche Krankheiten. In der Wirklichkeit ist die Maschine eine Maschine, nur in ›The Machinist‹ hat sie einen Willen, denn da sie nicht ruht, so kann der Arbeiter auch nicht ausruhen und ist einem fremden Willen untertan.« (frei nach Karl Marx, Die heilige Familie)

Bruce LaBruce: »This is Bruceploitation!«

Wie kann man als junger, karrieresüchtiger (Hetero-)Journalist ein Interview mit einem der Vorzeigegesichter des schwulen Avantgardekinos führen, dessen bekanntester Film davon handelt, wie eine junge, karrieresüchtige Dokumentarfilmerin den Niedergang des schwulen, avantgardistischen, etc. Pornostars für ihr eigenes berufliches Fortkommen ausnützt? Indem man sich mit ihm verabredet.

Lawrence Lessig

Das »Wired«-Magazin nannte ihn vollen Ernstes den »Elvis des Cyberlaw«. Ein bizarres Kompliment, wenn man bedenkt, was dabei alles in den metaphorischen Topf geworfen wird: ein toter Popstar des vergangenen Jahrhunderts, der zeitlose wie staubtrockene Rechtsdiskurs und das avancierteste Kommunikationsmedium des 21.Jahrhunderts. Und den Hüftschwung des King beherrscht Lawrence Lessig sowieso nicht.

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