"Freaks and Geeks" hatte es schwer im Erstaustrahlungsjahr 1999 auf NBC. Dabei war soviel geboten. Epische Schlachten, langwierige Fehden, große Liebesdramen, Intrigen, Verrat, Freundschaft und Treue - ein Jahr an einer High School im Michigan der frühen 80er Jahre. Es sollte nicht und wenn nur kurz sein. Doch ganze 5 Jahre später trägt die Begeisterung der immer noch treuen Anhänger ihre Früchte. Eine Onlinepetition überzeugte die Produzenten vom ökonomischen Potential des vergessenen Juwels und führt zur Veröffentlichung einer mit zahlreichen Extras geschmückten DVD-Edition.
Es ließe sich fast dankbar werden, gerade hierzulande, wo jenes großartige Stück Fernsehzeit ein wenig beachtetes kurzes Dasein unter dem phänomenal dämlichen Titel "Voll daneben, voll im Leben" fristete.
Freaks und Geeks also, zwei Phänotypen in Abgrenzung zu den Jocks, den Sportlern, den Cheerleadern, ihren toupierten Frisuren, ihren teflonbeschichteten Biographien und ihrem makellosen Lächeln. Auf der anderen Seite finden zwischen Sci-Fi Convention, Led Zeppelin, Dungeons and Dragons und Kifferidylle Leben statt wie sie spezifischer und exemplarischer zugleich nicht sein könnten. Unser aller Jugend.
Festgemacht an sehr individuellen, differenziert gezeichneten Charakteren. Da ist Nick, der Möchtegernschlagzeuger und Dauerkiffer, Daniel, Herzenbrecher und schlitzohriger Leistungsverweigerer im Dauerclinch mit seiner ruppigen Freundin Kim, Bill ein dickbebrilltes, ungelenkes Paradeexemplar der Gattung Geek, bei dem man selbst als Zuschauer immer wieder Gefahr läuft ihn zu unterschätzen, bis er im nächsten Moment alle mit den klarsten, schönsten Momenten der Selbsterkenntnis überrascht. Vor allem sind da aber die Geschwister Lindsay und Sam. Ein schmächtiges Bürschchen an der Schwelle zur Pubertät und eine vormals brave Tochter und Vorzeigeschülerin auf dem Weg in ein neues, um einiges aufregenders Leben. Zwischen allen Stühlen sitzen sie eh alle. Und schnell wird klar, dass auch die titelgebende Kategorisierung keinem von ihnen auch nur Ansatzweise gerecht wird. Eine herzzereissende Sequenz zeigt den vermentlich verklemmten Bill, unterlegt von "The Who's" "I'm one" wie er eine der von ihm heissgeliebten Comedyshows ansieht und dabei so befreit lacht, das einem Angst und Bange wird er könnte vor lauter Überschwang an seinem Sandwich ersticken. Ein wichtiger Punkt den Freaks and Geeks immer wieder für sich einnimmt ist seine popkulturellen Bezüge als das zu nehmen was sie sind, existenziell. Hier werden die Musik, die Filme, die Serien der Zeit nicht als Ambiente missbraucht sonden, als identifikationsstiftendes, lebensrettendes Element. Vom der ersten Black Flag bis zu Dallas.
Eine Serie in den 80er Jahren spielen zu lassen hätte schnell zur wunderlichen Devotionalienschau irgendwo zwischen Karottenjeans und cheesy Popmusik werden können. Dank einer feinen Beobachtungsgabe für kleine Unterschiede und große Parallelen ist Freaks and Geeks aber mehr Zeitdokument einer Epoche als schenkelgeklopfte Nostalgieshow. In blassen Farben gedreht und auf Realismus bedacht dezent ausgeleuchtet produziert die Serie unspektakuläre, hintergründig schöne Bildern. Nimmt man dann noch den kundigen Umgang mit den verwendeten Musiksstücken der Zeit wird schnell augenfällig das Freaks and Geeks die Antithese zu Camp ist, frei von gut gemeinter Ironie und weit entfernt von glossy Parrallelwelten a la Dawsons Creek und Beverly Hills. Das Aussenseitertum seiner Protagonisten wird weder glorifitziert noch unnötig problematisiert, sondern als Tatsache genommen mit der sie und wir zurecht kommen müssen. Das ist richtig und wichtig und macht "Freaks and Geeks" zu einer der schönsten, aufrichtigsten Fernsehserien aller Zeiten.
Und dann ist da noch das "nichts mehr ist wie vorher". Jener fast mythische Moment der Bewegung eines menschlichen Geistes von einem Bewusstseinszustand in den nächsten. Genau wie am Ende von Breakfast Club und Dazed and Confused reizt auch "Freaks and Geeks" die Metamorphosen seiner Protagonisten aus, karikiert sie beizeiten, jedoch ohne sie zu verspotten und gerät dabei nie in Gefahr therapeutisch zu werden. Pubertät ist nur Kontext nie das was eigentlich vor sich geht. Diffiziele Verhandlungen der eigenen und fremder Persönlichkeiten auf dem engsten Raum Zusammenleben. Auch so eine Wahrheit die weit über das gut beobachtbare System Schule hinausreicht.
Was bleibt ist die Erkenntnis, dass sich nicht allzu viel geändert hat, nur besser verborgen. Es gibt sie immer noch, die nicht zwangsläufig schlaueren Verklemmten und die durchgedrehten Sensibelchen, die Bullies und die notorischen Lehrer, den Cool Kids Table und die Mannschaftswahl. Und hinter jeder Ecke lauert ein unangekündigter Mathetest des Lebens für den wir alle mal wieder nicht gelernt haben.
Hias Wrba
Der Text erschien ursprünglich in der Spex.