»DARESALAM« heißt Stadt des Friedens und ist der erste afrikanische Kriegsfilm.
TEXT: Marie-Hélène Gutberlet
Ein Bad in Freundschaften, in rötlich sandfarbenen Panoramen, ein Blutbad. Ein Bad des Wiedersehens. Was sich wie der erste afrikanische Kriegsfilm ausnimmt - all die nachrichtendienstliche Berichterstattung über Ruanda, Burundi, Kongo, Gambia, Angola, Zimbabwe beiseite gelassen - endet hier nicht in Grabesruhe. Salam aleikum, Friede sei mit dir. Aleikum salam, auch mit dir. Hervortritt nicht Afropessimismus, nicht Verschwörungstheorie, nicht Tribalmeucheln, nicht Miserabilismus, obgleich die blutige Geschichte des Tschad, vor deren Hintergrund DARESALAM angesiedelt ist, sich als allafrikanischer Bürgerkriegsdauerzustand zeigt. Das Militärregime und die Rebellenbewegung - im Tschad das Komitee des Nationalen Aufstands für Frieden und Demokratie (CSNPD) - bilden ein klassisches Paar, dessen Seiten einander bedingen.
DARESALAM greift historische Fakten der Geschichte des Tschad auf, rekurriert auf sie aber in einer überzeitlichen und überregionalen Weise. Dem bissig satirischen Schlußbild von AFRIQUE, JE TE PLUMERAI von Jean Marie Teno (1992) nach, das DARESALAMs augenscheinlichen Konflikt zu verstehen hilft, bekriegen sich in Afrika im Grunde genommen zwei Parteien: auf der einen Seite die Militärs (ob als Armee der machthabenden Regierung oder der bewaffnete Widerstand gegen sie), auf der anderen die Zivilisten; sind die Zivilisten an der Macht, werden die Militärs in ihre Kasernen zurückgepfiffen; sind die Militärs an der Macht, werden die Zivilisten exekutiert. Indes bleibt DARESALAM nicht bei solchen Gegenüberstellungen. Denn anstatt historische Gründe aufzuzeigen, die mit der Zeit verblassten, oder mechanische Modelle aufzunehmen, erzählt er Fragmente aus dem Leben in diesen Verhältnissen, heftet sich an die Fersen seiner umherziehenden Protagonisten.
Wüste, so verliebt und präzise ins Bild gesetzt, dürr und von der Sonnenglut ockerfarben durchleuchtet. Eine Karawane zieht durchs Tal. Ein Maschinengewehr baumelt über Capitaine Félix’ Brust, er presst Wörter mit belegter Stimme den frisch eingetroffenen Mitstreitern entgegen. Seine Stimme ist gebrochen, müde. Da ist der Chef der Rebellen, Adoum, eine hohle Militärfigur, jemand, der sich in Allüren einkleidet. Da sind Haikal Zakaria (Djimi) und Abdoulaye Ahmat (Koni). Landschaften öffnen sich unserem Blick in erstaunlicher Weite. Schattenspiele von Palmen und zartgrünem Buschwerk flimmern auf Militärmonturen. Eine Oase, an deren Wasser Männer und Kamele trinken, Höhlen, deren Wandmalereien eine jahrhundertealte Geschichte der Jagd streifen. Es sind Orte, die von den Figuren (und uns) Besitz ergreifen. Und Bomben zerfetzen das Idyll, brechen in die Weite ein. Kamele schreien auf; Schußwechsel und Tod allenthalben. Es krachen Sprengsätze in das märchenhafte Genre des Dorf-Epos, in die guten Vorsätze. Und dann wird es wieder still. Das immer schon Sozialkritische und Politische, die Versuche, Hierarchien, Religionen, Ideologien und Traditionen eines Afrika im Film festzulegen und zu Metaphern einer afrikanischen Realität zu machen, scheitern. Die Klassifikationen gehen baden. DARESALAM, ein Ort des Friedens. Doch wo ist er?
Zurück und auf Anfang. Djimi tritt mit seiner Mutter einen Tagesmarsch zur Krankenstation an. Auf dem Weg zurück stirbt der kleine Bruder, noch bevor sie ihr Dorf erreichen, wo eine Revolte mit Waffengewalt unterdrückt wird. Das Kind wird an der Straße begraben. Koni und Djimi - Freunde von Kindesbeinen auf - flüchten; sie verschwinden hinter hohen Felsbrocken, deren Plastizität die Abenddämmerung hervorstülpt. Eine Landschaft nimmt sie auf, die trotz der beängstigenden Umstände ihre Schönheit nicht verliert. Wir sehen flüchtig verwackelte Folterungszenen, Exekutionen, Vergasungen, den Erfindungsreichtum der Vernichtung. Krieg ist Vernichtung, auf welcher Seite man steht, mit welchen Mitteln man operiert, für wen man auch immer Partei ergreift. Warum man in den Krieg zieht? Aus revoltierenden Erfahrungen und hehren Absichten, aus finanziellen Erwägungen, aus Gründen, die sich einem aufdrängen, die man begreift, die man aber nicht ändern kann. Widerstand ist zwecklos. DARESALAMs Krieg ist ohne Anfang noch Ende. Eine Chronik der Ereignisse beschränkt auf das Bild einer Situation. Es herrscht Militärdiktatur. Die Landbevölkerung soll Zusatzsteuern an das verhasste Regime zahlen. Die Alten versuchen erfolglos das Unheil abzuwenden. Die jungen Männer - darunter Koni und Djimi - schließen sich dem bewaffneten Widerstand an. Sie haben keine Wahl. Operationen glücken, schlagen fehl. Rastloses Umherziehen. Die Freunde werden getrennt, gehen verschiedene Wege.
Was im Krieg baden geht? Alles. Liebe, Arbeit, Träume, Überzeugungen, Freundschaften, Familienbande, das irgendwie geregelte Leben; die Pose des romantischen Rebellen, wenn ihn eine Kugel trifft; Ideale, wenn niemand mehr da ist, sie auszurufen; die hehren Ziele, wenn es die Verhältnisse diktieren, zur anderen Seite überzulaufen, um seine Haut zu retten wie es Koni tut; der Schein desjenigen, der sich hinter das bürgerliche Interieur einer bewachten Vorstadtvilla verschanzt und Bestes im Sinn den Gang durch die Institutionen versucht wie Capitaine Bichara, dessen Name an den Präsidenten des Übergangsparlaments Bichara Gedaya erinnert. Anspielungen auf die gescheiterten afrikanischen Befreiungsbewegungen und ihre Helden sind kaum zu überhören - Capitaine Tom erinnert an den 1987 ermordeten Präsidenten Burkina Fasos, Thomas Sankara; Leichen, so wird erzählt, werden auf der Place Lumumba zur Abschreckung aufgebahrt, jemand liest Frantz Fanon und philosophiert über afrikanischen Sozialismus. DARESALAM - ein Durchlauf durch die Aporien der gelebten Geschichte und die Optionen der Filmgeschichte. DARESALAM öffnet beiden ein neues Kapitel. Wir sehen Drillübungen unter freiem Himmel. Die Schuhe wirbeln weißen Staub auf. Die Kamera schweift in die Weite, bleibt am schattigen Flecken hängen; unter einem Baum liegen die Offiziere von der Hitze erschlagen auf Matten. Krieg kann man zeigen, ohne das Menschsein als Marionettenspiel zu sanktionieren, ohne die Figuren mit ideologischen Modellen zu überfrachten oder erst zu überfrachten, dann als individuelle Charaktere herauszuschälen. Wir kennen das Vokabular. DARESALAM geht darüber hinweg, handelt das Instrumentarium des Kriegsfilms als Fußnote der Kinogeschichte ab, setzt die Hitze ins Bild, die Müdigkeit, das schweigsam eingenommene Essen. Er zeigt auch, daß es keiner Major Produktionsmittel, keiner lauten Effekte und Massenszenen, aber kleiner Einfälle und einer handvoll Darsteller, zweier Jeeps, dreier Sets bedarf, um diesen allumfassenden Krieg zu inszenieren.
Wie die Militärparteien ist auch die Bevölkerung unterwegs. Wir reisen in Richtung Hauptstadt in einem überfüllten Bus. Djimi will dort Koni treffen und wissen, woran er ist; selbst wenn man die Seiten wechselt, Auffassungen sich unversöhnlich widersprechen und man sich nichts mehr zu sagen hat, hält man an Freundschaften fest. Es heißt, in der Hauptstadt sei man sicher. Im selben Augenblick erfahren wir, werde sie fluchtartig verlassen. Busse und überfüllte offene Pritschenwagen fahren vor dem weißlich schimmernden Horizont in die entgegengesetzte Richtung. Die geteerte Straße ist eine Bewegungsnaht. Reisende erkennen sich und winken sich zu. Mehr als mögliche Motive sind die Bewegungen, das Reisen selbst ins Bild gebracht, die in zufällig flüchtigen Begegnungen und Blicken kulminieren. Orte sind Durchlaufpunkte, der Militärkontrollpunkt, der heil passiert werden will. Sie beherbergen auch erholsame Atempausen, ein ausgelassenes Fest mit Gesang und Tanz. Der Krieg in DARESALAM ist unausweichlich. Mit ihm kann nichts gewonnen werden; der Krieg gegen die Armut ist nicht zu gewinnen, sagt Djimi. Wie Djimi setzt DARESALAM die Wirklichkeit der Alltagsverrichtungen, das Essen und Trinken, dennoch nicht aus, verbindet sie mit der Wirklichkeit des Krieges.
Es bleibt das gebastelte, versehrte Leben. Djimi, der Angsthase, der es sich nicht ausgesucht hat, Rebell zu werden, der bei sich, am Naheliegenden mit offenen Augen und offenem Herzen bleibt. Krieg macht aus Kindern schlagartig Erwachsene, und doch heißt es nicht zwangsläufig Mutproben zu bestehen oder ernüchtert das Handtuch zu werfen. Es geht auch anders. Wie viele Filme und Geschichten von Heimkehrern und Veteranen kennen wir, von kaputten Gestalten, die nach Hause kommen, die nicht wiedererkannt und nicht mehr geliebt werden und nicht mehr lieben können. Das Kaputtsein überlagert ihre Stärke, physisch und seelisch verwundet worden zu sein, jene Chance also, nicht zu den Siegern und Machern zu gehören, sondern unten auf dem Teppich des Konkreten geblieben zu sein. Das Bemerkenswerte an DARESALAM, seine unglaubliche und glaubwürdige Option besteht darin, trotz des Krieges seiner Eigenheit treu zu bleiben und darüber an Attraktivität zu gewinnen. Djimi wird verwundet, er ist ein Todgeweihter. Er überlebt und kann sich von da an nur noch langsam humpelnd fortbewegen. Seine Verlangsamung erleben wir als Schmerz und als Muße. Er erbt die Nähmaschine von Capitaine Tom. Sie ist das Versprechen auf ein Leben danach, als Krüppel inmitten dieses Kriegsgetümmels mit der Singer im Gepäck. Doch er überlebt nicht nur, er gewinnt hinzu. Zu ihm gesellt sich Achta, die eines anderen Mannes Frau war, von der er ebenso wenig Besitz ergreift wie von einer Waffe, einer Landschaft, einem Haus oder einer Partei; er wird Vater eines anderen Tochter, Tochter all derer, die Vater und Mutter ihr sein wollen. Achta pflegt Djimi. Sie nimmt ihn zum Mann, zum Vater ihrer Tochter, zum Freund ihres Bruders - eine listige, schöne, scheue, zielstrebige Frau, keine Mutter Theresa. Diese Momente unvorhersehbarer Zusammenschlüsse sind die verborgene Naht in der Kriegsmaschine, die die Rastlosigkeit an allen Fronten nicht zulassen kann, für wertlos befindet und ausspuckt. Sie legt DARESALAM frei.
Djimi und Achtas Beziehung verwundert; sie ist keine Zweckgemeinschaft oder Kameraderie zu einem besseren Durchkommen in Kriegszeiten. Schäbig nehmen sich die Liebesgeschichten, die Frauenrollen in all den bekannten Kriegsfilmen aus. DARESALAMs Friedensangebot besteht aus einem unscheinbaren, aus der ausweglosen Situation aufscheinenden kleinen aber ganz entschiedenen Versprechen auf ein gutes Leben, auf Glück, auf Liebe. Das unverhoffte Angebot ergreift auf existentielle Weise, läßt ein seltsames Gefühl der Unnachgiebigkeit aufscheinen, Anziehungen zu empfinden und ihnen nachzugehen, die im Krieg stets dem Krieg anheimzufallen drohen und ins Intime einziehen als Krieg zwischen Männern und Männern und Frauen. DARESALAM öffnet eine andere Tür - wird ein Bad in einer seltenen Kraft, in etwas, das ein Rätsel bleibt und doch kein Märchen wird. Mit der Nähmaschine lassen sich die Risse zwischen Freunden, Parteien, Militär und Zivilbevölkerung, die Kluft zwischen "oben" und "unten" gewiß nicht vernähen, aber ein Hemd oder eine Hose, und mit der Filmmaschine ein Zickzackmuster zufälliger und tiefgreifender Begegnungen. Dies Rätselhafte Filmbildern anzuvertrauen, ermöglicht die Weite der einziehenden Wirklichkeit. Die Weite ist in der Liebe zu den Landschaften, die durchquert werden, und in der Verfassung ihrer Bewohner. Sie erfüllt sich in jenen, dem Leben abgelauschten außergewöhnlichen Momenten, in denen entgegen allen Vorzeichen sich etwas Unerwartetes ereignet, die Augen öffnet und den Blick aufs Ganze verändert.
Text: Marie-Hélène Gutberlet
Issa Serge Coelo was born in 1967 in Chad. He studied history in Paris and film at the Ecole Supérieure de Réalisation Audiovisuelle (ESRA) as a film director. Issa Serge Coelo started working as a cameraman for France 3, TV5 and CFI before working as a director on »Un Taxi pour Aouzou« which won awards in many festivals and was nominated at the Césars in 1997. »Daresalam« is his first feature film.
DARESALAM Regie: Issa Serge Coelo / Buch: Issa Serge Coelo & Ismael Ben-Cherif / Kamera: Jean-Jacques Mrejen / Schnitt: Catherine Schwartz / Musik: Khalil Chahine / Ton: André Rigaut. / Produktion: Parenthese Films, La Sept-Arte, Pierre Javaux-Pro-duction, Ministère de la Culture du Burkina-Faso Tschad / Frankreich / Burkina Faso 2000./ Farbe, 105’, franz./arab. OmfU. Mit Haikal Zakaria (Djimi), Abdoulaye Ahmat (Koni), Bara Hassan Fatime (Achta), Gérard Essomba (Chef Adoum), Sidiki Bakara (Capitaine Félix), Youssouf Diaoro Cherif Youssouf (Capitaine Tom), Idrissa Adam (Capitaine Bichara), u.a.
Erschienen in: Frauen und Film Nr. 63, 2002.