Die Reise des jungen Ché

Bernd Eichinger wird in konservativen Medien gern als Charismatiker dargestellt. Dem Chef des Constantin-Imperiums - Verleih, Kinos, Produktion - wird so eine quasi natürliche Nähe zu anderen Bedeutungsträgern oder Figuren, die im dortigen Lager für welche gehalten werden, zugeschrieben. Charismatiker gibt es eine Menge zu sehen jetzt und in naher Zukunft. Die Liste der im Sommer und Herbst vom Constantin-Verleih in die Kinos gebrachten Filme ist beeindruckend: Adolf Hitler, Ché Guevara, Alexander der Große. Zeit für den Geschichtsunterricht.

Seit der Erfindung des Kinos waren Bio-Pics immer eine sichere Sache an der Kasse, und in Nazi-Deutschland waren sie eines der wesentlichen Mittel der Volkserziehung. Eichingers »Der Untergang« ist davon ja nicht so weit entfernt, wenn er die Befreiung von Faschismus revisionistisch schon wieder als Untergang stilisiert. In jedem Fall ist das Bio-Pic einfach zu verkaufen. Und wenn die Maschine erst angelaufen ist, kann auch nichts mehr schief gehen. Hierzulande ist ein »Spiegel«-Titel Beweis und Garant zugleich für die Wichtigkeit eines Themas.

An den Führer hatte Eichinger also noch selbst Hand angelegt. Dass da die Rechnung aufgeht, war ja eine ziemlich simple Sache. Die »Spiegel«-Redaktion würde auch ein Buch über den Schäferhund des Führers zum Anlass nehmen für einen Titel mit dem ehemaligen Reichskanzler im Profil (ersetze Schäferhund durch Erektionsprobleme oder künstlerische Vision). Und wegen dem Ché oder dem großen Alexander werden in Hamburg ganz gewiss auch Probetitel gebastelt, die im Falle relativer oder vermeintlicher Ereignislosigkeit möglicherweise die Ehre der Veröffentlichung erfahren.

Dass Biografien gerade in dieser Ballung auftauchen, liegt auch an einer Sehnsucht des Publikums. Eichinger weiß das, er ist Geschäftsmann. Filmbios sind ein bisschen wie Promis gucken. Ché Guevara mal über die Schulter geschaut. War 333 die Issos-Keilerei wirklich so blutig? Wie war der Führer privat? Obwohl, das hat Achim Greser in der »Titanic« schon hinreichend offen gelegt und ein für alle Male geklärt. Natürlich gucken nicht die gleichen relevanten Publikumsschichten jede einzelne dieser Biografien. Das ist ja auch eine Frage der allgemeinen Interessenlage. Und weil man das Publikum da abholen muss, wo es gerade ist, darf man die Frage der Identifikation nicht unterschätzen. Ein Fehler in der Besetzung, und alles ist dahin. Ottfried Fischer als Hitler oder Will Smith als Ché - das kauft einem kein Publikum der Welt ab.

Also: Wie nähert man sich einer Figur, die zuallererst eine Ikone ist? Von der das eine Bild kursiert, immer und immer wieder kopiert und benutzt. Der Ché, der Arzt, der Minister, der Kämpfer. Walter Salles fängt sein Publikum erst einmal auf. Er geht das Unmögliche an, indem er den Ché und seinen Freund und Mitreisenden zunächst einmal durch ein paar unverfängliche Episoden schickt. Das Duo macht sich auf, Südamerika mit dem Motorrad zu durchreisen. Zeit genug, Episoden zu erzählen von Liebe und Enttäuschung, von unerwartetem Schnee und fehlendem Geld, von hitzköpfigen Chilenen und misstrauischen Provinzlern.

Eigentlich hat der Film da noch gar nicht begonnen. Besser: Was Salles an dem Film, an der Figur des Ché interessiert, das findet lange nicht statt. Dafür versucht er in der ersten von etwas mehr als zwei Stunden das Kunststück, das den Film am leben halten soll. Er zieht uns in die Handlung, er ermöglicht es uns, Gael Garcia Bernal als Ché zu akzeptieren, er lässt uns eintreten in einen Raum, den zu begehen wir uns zu Anfang möglicherweise heftig weigern. Spät erst, die Hälfte der Reise und die Hälfte des Films sind schon vorbei, kommt der Film zu seinem Kern, seiner Idee, seinem Anliegen: Es geht um die Politisierung des Medizinstudenten Ernesto Guevara.

Salles erzählt eine typische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ein intelligenter junger Mensch sieht sich konfrontiert mit dem Elend und der Armut vom Kapital ausgebeuteter Menschen. Den Schluss, den er daraus zieht, kennen wir ja alle. Guevaras naheliegende Konsequenz war, den Ausbeutern das Ausbeuten unmöglich zu machen. So ist es geschehen in Kuba, wo er zusammen mit Fidel Castro die Insel vom Zugriff der Mafia und der US-Konzerne befreite. Aber das zeigt uns der Filmemacher gar nicht mehr

Davor blendet Salles aus. Guevara sieht die Arbeiter in den nordchilenischen Minen, die Indigenen in den peruanischen Bergen, die Leprakranken am Amazonas. Salles geht es darum, die Entwicklung Guevaras zu bebildern. Ein Roadmovie ist ihm das ideale Mittel, seinen Protagonisten mit der ganz alltäglichen Unterdrückung zu konfrontieren. So zeigt er uns, warum der Ché wurde, wie wir ihn kennen. Was er uns nicht zeigt, was er nicht formuliert, ist einer der Schlüsseldiskurse des letzten Jahrhunderts. Die im Film sehr präsente Beschwörung eines einigen Südamerika verstellt den Blick darauf, das Ernesto Guevara als Figur dieses Wirgefühl nationaler und kontinentaler Identitäten durchbrochen hat. Er hat dafür gekämpft, Armut und Unterdrückung im Maßstab weltweiter Zusammenhänge zu sehen. Das zeigt uns Walter Salles nicht. Aber vielleicht musste der Ché für diese Erkenntnis ja noch ein paar Reisen mehr machen

Text: Max Annas