Kein Nachruf. Keine Klage. Rembert Hueser hat sich mit Frieda Grafe (1934-2002) verabredet. Jenseits von Raum und Zeit. Eine Filmlektüre. A Matter of Life and Death.
Ich bin mit Frieda Grafe verabredet.
Ein Film, jede Menge Texte von ihr. »Wohin das führt. Auf jeden Fall zurück und der Erfahrung, wie verflochten und von anderen stammend das Eigene ist.«1 Nach vorn, auf jeden Fall, und der Erfahrung, wie es heute ist, und wie überhaupt etwas geht. Das Universum der Bilder? »Big, isn't it.«
1972 ist Frieda Grafe »Mit John Ford im Kino«, verteidigt den Western gegen das Gesetz: »Kamerabewegungen sind bei Ford weniger wichtig als der Blick, der den Horizont absucht [...]. Der Blick seiner Figuren und der Zuschauer. Man muß die Filme mit Publikum sehen. Mit denen, für die sie gemacht sind und mit denen, die sich über ihre vermeintliche Sentimentalität und Einfachheit erheben, weil sie nie gelernt haben, Formen als Bedingungen für Inhalte zu sehen.« 2
1977 sieht Frieda Gertrude im Museum wieder: »Zwei Jahre aus meinem Leben mit Gertrude Stein«. Ein Porträt aus vielen Blicken (in ihre Wohnung zu verschiedenen Arbeitsphasen). Vertrautheit qua Lektüre: »Da [...] hing Gertrude von Picasso gemalt. Wie wenn ich ihr endlich selbst begegnet wäre. Nach all den Wiedergaben auf und in wievielen Büchern, die nun seit einigen Jahren, hier, an immer anderen Orten, in allen Zimmern liegen. [...] Konturen, die einen Innenraum umschreiben. Versetzt zum Kopf, im Hintergrund ein Kreis mit einer Ecke. [...] Ich sehe dein Gesicht nicht, hatte Picasso nach mehr als hundert Sitzungen gesagt, während derer sie ihre Sätze ausprobierte [...]. Picasso brach die Arbeit ab und fuhr nach Spanien. Das war im Sommer 1906. Als [der Sommer] vorbei war und sie zurückkam von Ferien in Florenz, war ihr Porträt so wie es heute ist.«3
Schön, dass Frieda sich für mich Zeit genommen hat.
1946 in »A Matter of Life and Death« 4 ist Peter, ein Engländer, ohne Fallschirm aus seinem brennenden Bomber ausgestiegen. Es ist Krieg. Jetzt liegt er im Meer; es ist Nachkriegszeit. Ob er tot ist oder nicht, hängt auch von uns ab. Vom Erfolg unserer Operationen. Filme müssen gezeigt werden, damit es sie gibt.
Frieda hat für die Ankündigung des Films in der Süddeutschen gerade mal vier Sätze gebraucht. »Filmtip«: »>Im Himmel gibt es kein Technicolor<.« Ein Zweiwelten-Witz. Engel »Conductor 71« träumt vom Stand der Technik 1946 - das macht bereits 1946 die schönste Illusion kaputt. Etwas weiter sollte der Himmel schon sein. Offenbar ist alles immer auch ganz genau etwas andersherum als sonst üblich: »Deshalb sind die dort spielenden Teile des Films in Schwarzweiß. Die perfekte Studiotechnik [...], die in England etwas anderes bedeutet als in Hollywood, [seine] totale Künstlichkeit empfahl Powell als Berater den neuen Amerikanern, Coppola und Scorcese.«5 Die totale Künstlichkeit mal aus Europa. Dokumentarisch/erfunden, Form/Inhalt, Text/Lektüre. Zweiweltenwelten, wohin man schaut.
Am 16. März 1996 geht bei Sotheby's Versteigerung der Reste des russischen Raumfahrtprogramms Artikel 73A an mich, Schätzpreis $25,000-35,000. »The Voice-Recorder Flown in Space Aboard Vostok 6«, eine grüngestrichene Alubox mit 8 Audiokassetten und einem Typoskript. »TERESHKOVA'S SILENT COMPANION [...] kept careful note of all the first woman-cosmonaut's communication with Earth, as well as her spoken thoughts. It is clear from the tape that it was not an easy flight: [...] -- >I feel sick. I am drinking, I cannot eat sweets ... I just want to eat bread and onions.< [...] Despite her illness [...], Tereshkova found time to entertain her listeners: -- >I am Chayka [her codename, meaning Seagull] ... Singing a song.<« 6 Die erste Möwe im All.
Was sich da in »A Matter of Life and Death« mitten in der Luft in aller Seelenruhe anschickt auszusteigen, ist im Film anfangs gar nicht zu sehen. Die Kamera saust durch das Universum, auf die Erde, durch einen richtigen britischen Nebel, (›nach Hause‹), 2. Mai 1945, der Ton schnappt Funkverkehr auf. Eine Stimme, bei der man bleibt. Macht zwei Stimmen. Stimme 2, die Funkerin (June, Amerikanerin), die den Kontakt herstellt, sieht man zuerst. »I cannot understand you. We are sending signals.« Stimme 1 wird angepeilt, hat deshalb eine Chance. Kann antworten.
Die Ermöglichung von Datenübermittlung nennt man Lektüre. Was in »A Matter of Life and Death« gelesen wird, ist etwas, das selbst zuallererst zitiert. Raleigh, Marvell... Als sich das Signal materialisiert, personalisiert, ist man bereits im Bilde. Es flirtet, are you pretty? not bad, rekapituliert seine Behördendaten, ironisch, schreibt Lyrik, ist Spezialist für europäische Geschichte, alleine, Squadronleader, bekämpft die Nazis, vertröstet uns: I come visit you. You are not afraid of ghosts? Der Pilot in der Kabine ist eine Textmetapher, die Funkerin in der Kabine eine Lektüremetapher. Etabliert wird eine meta-textuelle Ebene. Eine Art zu schreiben, zu lesen, Filme zu gucken, mit ihnen zu lavieren, nonstop in technischer Übertragung. Es hat gefunkt.
Es ist leicht, einen Draht zu Frieda zu kriegen. »It's funny, a girl whom I' ve never seen and who I shall never see...« Jetzt sind wir verabredet.
Operiert wird in »A Matter of Life and Death« in beiden Welten zugleich. Text und Lektüre haben sich zusammengetan. Gehören zusammen. Bevor der Text von der Bildfläche verschwinden, Nummer 91716 an diesem Tag werden konnte in der Registratur der Abgänge in der himmlischen Bürokratie, ist er gelesen worden. Ein europäischer Text wird von einer amerikanischen Lektüre gerettet. Love is in the air. Die Erde sagt, der spinnt, reine Einbildung, und operiert den Text am Kopf, der Himmel sagt, das geht nicht, Schlamperei, und beruft für den Text eine Gerichtsverhandlung ein. Man hatte es sich zu einfach gemacht. Etwas zu früh für tot erklärt. Wie holen wir es uns wieder? Was ist unsere Technik?
»A Matter of Life and Death« hält seine Bilder viermal von alleine an. Spielt auf der Leinwand den Videorekorder. Zeigt, worauf es ankommt: Stellen suchen, das filmische Bild einfrieren. Und aus dem Freeze Frame ein Tablaux Vivant machen. In dem man nach Lust und Laune herumspazieren kann.
»-- ›One last question. It may sound silly, but have you imagined recently that you smelled something that could not possibly be there?‹ [...] -- ›How did you know?‹ [...] -- ›This heavenly messenger: you saw him quite clearly?‹ -- ›I told you: as clearly as I see you.‹-- ›And this smell, was it at the same time?‹ -- ›Yes, it was particularly strong.‹ -- ›Was it a pleasant smell?‹ -- ›Yes.‹ -- ›Could you place it?‹-- ›Fried onions.‹«
Operation und Prozess gehen gut aus. Der Film bleibt hier.
Es ist schön, mit Frieda ins Kino zu gehen.
We have to help her win her case.
11 F. Grafe: Die Geister, die man nicht loswird. Joseph L. Mankiewicz: The Ghost and Mrs Muir. In: Filmfarben. Schriften. Bd. 1. Berlin 2002, S. 110.
22 F. Grafe: Es war einmal ein Ford, Süddeutsche Zeitung, 1972. In: F.G. / E. Patalas: Im Off. Filmartikel. München 1974, S. 214.
33 F. Grafe: Zwei Jahre aus meinem Leben mit Gertrude Stein. In: Die Republik. Hrsg. v. U. Nettelbeck. Nr. 18-26 (30. April 1978), S. 146.
Ursprünglich erschienen ist der Text in Spex 01-02/03