Exposé für einen Bollywood-Film
INHALT:
Junge aus Bombay trifft Mädchen aus dem Vorort. Er verliebt sich in sie. Sehnsuchtsvolles Duett auf grüner Alm. Die Familie des Mädchens lehnt Jungen ab. Mädchen wird anderweitig vergeben, Junge bringt den Zukünftigen um. Junge stirbt während einer Schießerei. Zoom auf die sich schließenden Augen des Jungen, Blende auf geöffnetes Fenster, dahinter blaues Meer. Weiteres Duett. Eventuell Wet-Sari-Szene. Das Mädchen besucht Verwandte in Toronto und trifft dort den identischen Zwilling des Jungen, der von seinem Bruder bei der Geburt getrennt wurde und als Yuppie-Prinz in Bombay aufgewachsen ist. Sie verlieben sich, die Familien stimmen zu. Hochzeit. Opulente zehnminütige Tanzszene, in der Bräutigam und Braut mindestens drei verschiedene Kostüme tragen und fünfmal die Orte wechseln: ägyptische Pyramiden, schottisches Schloss – und ganz wichtig – die Schweizer Alpen. Je mehr Berge, desto besser. Die große Hochzeitsnummer ist ein Muss. Fehlen noch mindestens drei weitere Song- und Tanzszenen, aber die lassen sich irgendwo unterbringen.
Chancen auf internationalen Erfolg:
Groß. Grund: Internationales Setting (Bombay-Toronto) und universale Thematik.
Ansatz:
Amerikanische und britische Regisseurinnen – also Mira Nair, Gurinda Chadha und Deepa Mehta – sind sehr sparsam mit ihren Tanzszenen. Und sie lieben die Kürze. Kaum zwei Stunden lang sind ihre Filme. Andererseits gibt es im Westen auch Vereine zur Verzögerung der Zeit. Offensichtlich fliegt dort die Zeit mehr als in Indien. Daher besteht ein Potenzial, das Ganze auch in Europa und den USA noch beliebter zu machen. Immerhin hat sich der Westen mit seinem Musical-Comeback schon kräftig am bunten Bollywood-Korb bedient: Baz Luhrmanns »Moulin Rouge«, Lars von Triers »Dancer in the Dark« und Kenneth Branaghs »Love's Labour's Lost«. Mittlerweile erscheinen denen wohl kaugummibunte Kleidung und schmachtende Songs nicht mehr ganz so kitschig.
Aber vielleicht sollte im Westen etwas mehr Aufklärung über die indische Filmphilosophie betrieben werden. Hier halten viele Bollywood-Filme für ein wenig naiv mit ihren ewig langen, platten, zuckrig-süßen Handlungen, die schnell mal zwischen Tragödie und Komödie hin und her springen. Dabei verstehen sie nicht, dass Film anderen Kriterien folgt: Inder brauchen im Film etwas länger, um Handlung und Gefühle auszubreiten. Der Ansatz geht auf die klassische Sanskrit-Dramaturgie zurück, die möglichst viele Gefühlswelten ansprechen soll, die neun »Rasas« Liebe, Komik, Traurigkeit, Heldentum, Schrecken, Ekel, Wut, Wundersames und Friedvolles. Ein guter Film erweckt sie alle zum Leben. Und die Musik begleitet sie nicht nur, sondern verstärkt sie, wird Teil der Handlung. »Ein guter Song nimmt den Zuschauer auf einen Höhepunkt mit«, erklärte vor einiger Zeit Schauspieler Amir Khan einem britischen Journalisten. »Der Song hält eine Emotion fest und drückt ihren Saft aus.«
Wenn ein Junge und ein Mädchen aufgrund von Klassenunterschieden nicht zusammen kommen, eine Szene später die Musik anfängt und die beiden glücklich über eine Wiese im Berner Oberland tanzen, dann ist klar: Man befindet sich im Kopf der Protagonistin oder des Protagonisten. Die Musik markiert und unterstreicht den Part, in der die Sehnsucht ausgelebt, in der der Inbegriff romantischer Liebe vorgeführt wird. Weil es in Indien nur wenig Orte gibt, wo romantische Liebe stattfindet, ist das Kino so groß geworden. Nur dort wird sie als Phantasie beflügelndes Element gezeigt. Alles ist zurückzuführen auf die eine Szene: Der Gott Krishna verliebt sich in das Milchmädchen Radha. Krishna rennt hinter dem Milchmädchen her und versucht sich ihr anzunähern. Die Song- und Tanzszenen sind alles Wiederholungen dieser Geschichte. Das ist die Urvorstellung romantischer Liebe.
Also: Bei »Broken Hearts Apart« auf keinen Fall aus Wunsch nach Kürze die Song- und Tanzszenen weglassen. Ein bisschen mehr Bhangra mit fetten Trommelbeats, schnellen Rhythmen und gigantischer Energie, ein bisschen ausgefeilte Choreographie – und auch die Amerikaner und Europäer lassen sich konvertieren. Außerdem kämen Filme ohne Song- und Tanzszenen gar nicht gut an bei Indern im Ausland. Und immerhin ist der Soundtrack die Haupteinnahmequelle. Die angepeilte Verkaufszahl beträgt zehn Millionen (Durchschnitt für einen guten Soundtrack). Selbst falls der Film floppt, hat die Musik noch eine Chance, in die Charts zu kommen. Denn Soundtracks besitzen eine unabhängige kommerzielle Identität.
Musikalische Gestaltung:
Wunschkomponist ist A.R. Rahman, der weltweit rund 200 Millionen Alben verkauft und 50 Bollywood-Soundtracks geschrieben hat, u.a. für den Hit »Dil Se« und für den Oscar-nominierten Film »Lagaan«. Und natürlich die Musik für »Bombay Dreams«, das Musical, das seit über einem Jahr in London läuft. A.R. Rahman ist jung (gerade 37 Jahre alt) und hat ein Gespür dafür, was musikalisch international angesagt ist. Westliche Musik darf bzw. muss auftauchen. Das gehört sich so. In den 30er Jahren war es das Klavier. Das brachte das nötige exotische Element in den Film. Später war es dann Funk, Soul und Disco. Heute sind manche Filme voll mit wummsendem Techno. Aber A.R. Rahman hält immer die Waage mit indischer Musik. Und das ist wichtig: In einem Land, in dem der Spalt der Religion, Kaste und Klasse tief läuft und es 17 Sprachen und rund 50 Dialekte gibt, ist Film das bindende Element in der Psyche der Nation. Und Musik die integrierende Kraft: Das Kino hat die Volksmusik verschiedener Regionen in den Mainstream gebracht. Ganz wichtig, wie schon erwähnt, Musik aus dem Punjab. Bhangra kommt gut an im Westen und steht dort häufig für indische Musik schlechthin. In der Tanzszene vor dem Meer – wenn der Junge stirbt – müssen die Fischer-Songs aus Goa auftauchen. Goa, vierhundert Jahre lang von den Portugiesen besetzt, hat seine ganz eigene Musik, die immer dann auftaucht, wenn das Meer im Hintergrund zu sehen ist.
Schauspieler und Sänger:
In den Hauptrollen Shah Rukh Khan und Preity Zinta. Shah Rukh Khan hat seinen Karriereknick überwunden und ist wieder der absolute Star. Stars sind wichtig. Außerdem können beide auf den Schlag der Dhol schmachtende Liebeslieder singen (wie es wohl aussähe, wenn Brad Pitt und Keanu Reeves das täten?), wobei sie natürlich nur die Lippen bewegen, die Lieder singen ohnehin andere: vielleicht Sukhwinder Sing und Sapna Awasthi. Die beiden haben wunderbare Stimmen und können auch zu technolastigen Beats bezaubernd singen.
Geplant sind auch Tourneen, in denen die beiden Schauspieler ihre Song- und Dance-Routinen vortragen. Das ist lukrativ. Vorlage ist die Tournee nach der Oscar-Nominierung für »Lagaan«, in der Amir Khan sich mit Shah Rukh Khan zusammentat und beide vor ausverkauften Stadien von London bis L.A. ihre besten Filmszenen tanzten und sangen. Playback versteht sich. Madonna fand es damals merkwürdig, dass sie aufgezogen wird, wenn sie Playback-Sänger benutzt, während das in Indien ein ganz eigener hochrespektierter Berufszweig ist. Immerhin ist die Kategorie für den besten Playbacksänger eine der am härtesten umkämpften Kategorien bei den indischen Oscars. Die »unsichtbaren« Sänger sind somit ziemlich berühmt: Die bekannteste unter ihnen, Lata Mangeshkar, hat es ins Guinness-Buch der Rekorde gebracht. Sie hat im Lauf ihrer 50-jährigen Karriere für über 2.000 Filme insgesamt 30.000 verschiedene Songs aufgenommen. »Broken Hearts Apart« braucht erstmal sechs Songs.
Fazit:
»Broken Hearts Apart« wird ein Hit. Drehbeginn Ende Oktober 2003. Release Frühjahr 2004.
Text: Susanne Burg.
Erschienen im Filmmusik-Special der SPEX 2003.