David Byrne: More Songs about Buildings and Food and Sex and Crime and....

»Well, I've seen sex and I think it's okay«
(Talking Heads, »Creatures Of Love«)

Über dem Atlantik ist sie plötzlich wieder da, die Zeile: »I wouldn't live here if you paid me to«. Als David Byrne dies 1978 in »The Big Country« beschließt, spricht er aus der Perspektive eines Flugzeug-Passagiers, der über den ländlichen Gebieten der USA schwebt, mit ihren »baseball diamonds« und »houses where the kids are«. Durch die Fenster der Häuser blickend, in Gedanken das Essen auf den Tellern der Farmer beschnuppernd, schwant ihm: »I guess it tastes real good.« Jene gewitzte Boshaftigkeit ist das letzte Stück von »More Songs about Buildings and Food«, der zweiten LP der neurotisch konzeptuellen Talking Heads. Ein Jahr später werden die Heads mit Produzent Brian Eno ihre bis dahin so nicht gehörte Idee von tanzbarer Klugheit mit unerwarteter Härte auf dem Album »Fear of Music« endgültig vervollkommnen. Rhythmus! Funk! Und eine dunkle Atmosphäre voller Impulse für hermeneutische Affekte: Der Refrain »This ain't no party/this ain't no disco/this ain't no foolin' around....« bringt in »Life During Wartime« das Leben (der Bohème) auf den Punkt. Die Ex-Studenten gehören somit zwar zum Kreis der legendären Typen, die während des künstlerischen Aufbruchs der 1970er fleißig im New Yorker Mudd Club und im CBGB's auftreten, aber dennoch in »Please Kill Me«, dem sehr unterhaltsamen Interviewband über die amerikanische Punkclique, deren Geist Malcolm McLaren dann geschäftstüchtig ins Königreich tragen sollte, nicht zu Wort kommen dürfen. Byrne erklärt sich das heute mit Verweis auf die Verschiedenheit seiner Combo von den dort befragten Punkbands. Dabei hätte Byrne, der nicht erst seit dem Split der Talking Heads Ende der 80er abwechselnd Soloplatten, Musiken für Ballett- und Theaterinszenierungen, Compilations, Filmmusiken und grafische Arbeiten veröffentlicht (und »True Stories« hat er ja auch noch gedreht), sicherlich einiges historisch Bedeutsames zu erzählen. »Talk to your analyst, isn't it that what they're paid for...«, empfiehlt er selbst 1977 in »No Compassion«. Leider habe ich nicht soviel Zeit, aber wenn mich jemand ordentlich dafür bezahlen würde....

Und eigentlich findet das Interview ja statt...

... UM UNS ÜBER DIE MUSIK ZU UNTERHALTEN, DIE DU FÜR DEN FILM »YOUNG ADAM« KOMPONIERT HAST. LEIDER HABE ICH DEN FILM NICHT SEHEN KÖNNEN. MIR BLEIBT NUR DIE VORSTELLUNG ANHAND DEINER PLATTE MIT DEM GOTTESFÜRCHTIGEN TITEL »...AND LEAD US NOT INTO TEMPTATION«.

Der Film ist bislang erst auf ein paar Festivals gelaufen, z.B. in Edinburgh. Ich habe gehört, dass es in Großbritannien Probleme mit der Zensur gibt, wegen einer bestimmten Sexszene, von der die Zensoren nicht gerade angetan waren.

EINER DER SONGS HEISST »SEX ON THE DOCKS«...

Genau. Aber eigentlich geht es um eine andere Szene. Da spielen auch Lebensmittel und Gewalt eine Rolle. Womöglich gibt es deshalb Ärger.

ES PASSIERT ZUVIEL...

Die Geschichte basiert auf dem Roman des schottischen Schriftstellers Alexander Trocchi. Er ist schon einige Zeit tot, aber das Buch hat inzwischen Kultstatus. Als ich es las, hat es mich an Bukowski, aber auch an John Fante, einen Autor aus L.A., erinnert. Es passiert eigentlich nicht sehr viel, es gibt nur wenig Handlung. Das ist im Film genauso. »Young Adam« lässt mich entfernt an die europäischen Kunstfilme der 60er Jahre denken.

ICH HABE GELESEN, ER ERINNERE DURCH SEINE ATMOSPHÄRE AN SEAN PENNS »THE PLEDGE«...

Das mag sein. Als ich mich mit Regisseur David Mackenzie traf, diskutierten wir darüber, was für Musik angebracht wäre. Die Geschichte spielt in den 50er Jahren. Ich wollte aber keinen Fifties-Sound, und ich wollte keine Synthesizer oder Samples, nicht mal elektrische Gitarren. Ich wollte Musik, die nicht völlig fehl am Platz wirkt, aber gleichzeitig auch nicht versucht, die Zeit der Handlung authentisch zu repräsentieren.

Wir fingen also an, uns über Bands zu unterhalten, sprachen über Mogwai, über Godspeed You! Black Emperor. Keine von diesen Bands hatte bis dahin jemals gezielt Musik für einen Film gemacht, obwohl ihre Arbeiten diesbezüglich ideal erscheinen. Zwar dachten wir nicht gleich, dass das genau der Kram ist, der in diesem Film funktionieren könnte – aber dann legte mir Mackenzie noch weitere Bands ans Herz, die wie er in Glasgow leben. International Airport, Future Pilot und andere. Es ließ sich eine gewisse Grundstimmung aus diesen Songs heraus hören. So entstand die Idee, in New York Stücke zu schreiben, um sie dann mit verschiedenen Musikern in Glasgow aufzunehmen. Für mich klang das umso verlockender, da ich selbst in Glasgow geboren bin und immer wieder sehr gerne dorthin reise. Ganz davon abgesehen, dass auch die Handlung des Films da spielt und sämtliche Schauspieler aus Schottland kommen.

WIE HABEN DIE BETREFFENDEN MUSIKER AUF DEINEN VORSCHLAG REAGIERT?

Sie mochten die Idee. Ich kaufte eine Menge Platten und suchte mir aus, mit wem ich speziell zusammenarbeiten wollte. Danach habe ich sie persönlich kontaktiert und nachdem sie eingewilligt hatten, sagte ich: In ein paar Wochen bin ich wieder da. Es war von vornherein klar, dass sie nicht als Session-Musiker engagiert werden würden. Ich wollte durch meine Kompositionen allerdings so etwas wie einen Leitfaden vorlegen.

HATTEST DU ZU DIESEM ZEITPUNKT SCHON SZENEN AUS DEM FILM GESEHEN?

Keine einzige. Ich bin auch bloß einmal kurz am Set gewesen.

DU HAST ALSO NUR DAS DREHBUCH GELESEN?

Das habe ich gelesen, aber der Roman hat mich fast noch mehr gefesselt, womit wir wieder beim Thema Sex wären. Es gibt eine wirklich interessante Geschichte zu Alexander Trocchi und dessen Heroinabhängigkeit. Seiner Sucht zum Trotz war Trocchi ein Energiebündel, organisierte Schriftsteller-Gruppen, veröffentlichte Buchrezensionen. Dann zog er nach Paris und veranstaltete dort Lesungen mit anderen Autoren. In Paris gab es seinerzeit einen Verleger, der Softcore-Literatur herausbrachte. Diese Schreiber um Trocchi herum hatten kaum Geld in der Tasche, und so trat besagter Verleger an sie heran und riet ihnen, in ihre Geschichten jeweils ein paar Sexszenen einzubauen. Eine Menge Schriftsteller gingen auf dieses Angebot ein, teilweise unter Pseudonymen. Die Regel war, etwa alle zwanzig Seiten über Sex zu schreiben, ansonsten konnten sie schreiben, was sie wollten. Sex wird in diesen Büchern nicht sehr drastisch dargestellt. Aber in manchen Geschichten geht es einigermaßen abgedreht zu, weil die Autoren begannen, Spaß an der Sache zu finden. Nun, nach dieser Episode steigerte Trocchi seinen Drogenkonsum, begann ziellos umher zu reisen. Unterwegs brachte er einen Haufen Künstler auf Heroin. Nach ein paar Jahren schon war die Hälfte dieser Leute entweder tot oder vollkommen unproduktiv.

ER WAR EIN KILLER.

(lacht) Ja. Er zog von Stadt zu Stadt und brachte sie alle um. Vielleicht sollte mal jemand einen Film über ihn machen....

»...AND LEAD US NOT....« KLINGT EIN WENIG UNHEIMLICH....

Das war Absicht. »Young Adam« erzählt eine düstere Geschichte.

ES GEHT UM EINE LEICHE.

Ja, aber abgesehen davon ist das Glasgow der 50er Jahre ein ganz schön dunkler Ort. Ich kann mich daran erinnern, dort einmal meine Großmutter besucht zu haben. Alle Gebäude waren schwarz. Die Stadt roch nach schwarzem Rauch. Entlang des Flusses standen schwarze Fabriken, es gab viel Industrie. Außer den Fabriken gab es eigentlich nur Pubs. Ich erinnere mich an Regen, Schutt, Dreck – a nasty place! In ganz Europa hatte Glasgow den Ruf, eine der gefährlichsten Städte überhaupt zu sein. Das ist wohl kaum ein romantisches Setting. Heutzutage ist Glasgow ein aufregender Ort, aber ich weiß, wie es dort einmal ausgesehen hat, wie sich das angefühlt hat.

DAMALS HÄTTEST DU DORT NICHT EINMAL WOHNEN WOLLEN, WENN DIR JEMAND GELD DAFÜR GEBOTEN HÄTTE?

Lieber nicht. Dieses Gefühl wollte ich in der Musik spürbar machen. Andererseits sollte die Musik gelegentlich ein wenig sexy sein. Es geht im Film eigentlich sehr viel um Sex, um Beziehungen, und dennoch um den Mangel an Emotionen.

DIE ATMOSPHÄRE IST KALT?

Sehr kalt. Und ich habe mir gedacht, dass ich mit den Songs vielleicht ein bisschen Wärme beisteuern könnte, als Andeutung, dass es womöglich doch noch Hoffnung gibt und Gefühl unter der grausamen Oberfläche. Nenn das spirituell...

ICH WAR BEIM ERSTEN HÖREN ÜBERRASCHT, DASS DU IRGENDWANN PLÖTZLICH ANFÄNGST ZU SINGEN...

Das letzte Stück ist für den Abspann, das vorletzte ist im Film gar nicht zu hören. Ich wende da eine Methode an, die ich oft benutze. Wenn die Musik eines Songs komplett aufgenommen ist, singe ich darüber, aber sozusagen ohne Worte. In diesem Fall habe ich das Stück so gelassen.

DESHALB HABE ICH DEN TEXT NICHT VERSTANDEN.

(lacht) Es gibt keinen.

IN EINEM FRÜHEREN INTERVIEW HAST DU MAL GESAGT, BEZOGEN AUF DEN TALKING HEADS-HIT »BURNING DOWN THE HOUSE« UND DEINE ARBEIT FÜR ROBERT WILSONS »THE KNEE PLAYS«: SO VERSCHIEDEN DIESE WELTEN AUCH SEIEN, DU KÖNNTEST OHNE EINE VON BEIDEN NICHT LEBEN. WIE VERHÄLT SICH DAS HEUTE, BZW. WO SIEHST DU DEN GRUNDSÄTZLICHEN UNTERSCHIED ZWISCHEN DEINEN POP-ALBEN UND DEN RESTLICHEN PROJEKTEN?

Vom kreativen Prozess oder von der Gewichtung her gibt es eigentlich keine Unterschiede. Die ergeben sich meist danach. Popsongs werden eher mal zu Ohrwürmern und von Leuten auf der Straße gepfiffen, während etwa die Komposition von Filmmusik esoterischer ist, da sich in dem Fall die Kunst an ein spezielleres Publikum richtet. Was die Promotion betrifft, ist außerdem für das eine mehr Geld vorhanden als für das andere. Die Auseinandersetzung mit dem Regisseur stellt hier vielleicht zusätzlich den größten Unterschied dar, aber auch ein Popsong muss eine gewisse Form erfüllen. Ich empfinde mich prinzipiell als Entertainer. So oder so.

VOR EINER WOCHE IST IN NEW YORK DER STROM AUSGEFALLEN. WARST DU HIER?

Oh ja. Es war großartig.

WIE WÜRDE SICH DEIN SOUNDTRACK ZUM »BLACKOUT« WOHL ANHÖREN?

Insgesamt wurde es cooler, im Sinne von ruhiger, denn es gab weniger Verkehr auf den Straßen. Die Klimaanlagen sind zwar ausgefallen, dafür sind die Straßen cooler geworden. Leute saßen einfach draußen herum. Da ich immer mit dem Fahrrad unterwegs bin, hatte ich kein Problem damit, mich durch die Stadt zu bewegen. Ich fuhr also zum Times Square, nur um zu sehen, wie der wohl in der Dunkelheit aussehen würde. Fantastisch! Es lief nicht viel Musik, weil aus allen Radios nur die Nachrichtensendungen zu hören waren. Unterwegs habe ich einige Fußgänger getroffen, die Probleme mit der Orientierung hatten, weil sie z.B. nach Brooklyn wollten, den Weg aber noch nie zu Fuß zurückgelegt hatten. Die hatten gar keine Ahnung, wo sie langgehen sollten. Freunde haben mir erzählt, dass sie auf der Straße geschlafen haben, weil ihnen auf der Strecke vom Flughafen nach Manhattan die Puste ausgegangen ist. Der Soundtrack dazu würde sich wohl so anhören, wie deren Träume in dieser Nacht ausgesehen haben.

EINE ANDERE FRAGE ZUM THEMA »...AND LEAD US NOT INTO TEMPTATION«: GIBT ES IRGENDWELCHE PLÄNE FÜR EIN TALKING HEADS-REVIVAL?

Wir haben ja vor ungefähr einem Jahr noch einmal gemeinsam auf der Bühne gestanden und bei der Rock'n'Roll-Hall Of Fame-Show ein paar Songs gespielt. Demnächst wird ein Box-Set veröffentlicht werden, mit einem Buch und einer DVD dazu. Eine schöne Sache. Allerdings wird es weder ein neues Album noch eine Tour geben. Du kannst die Zeit nicht einfach zurückdrehen. Das würde keinen Sinn machen. In diesem Gebäude, in dem wir jetzt sitzen, ein paar Etagen tiefer, befand sich unser erster Proberaum. Ich bin froh, dass ich jetzt hier oben sitze. Bei anderen Bands mag das besser funktionieren. Die Platte, die Television vor drei Jahren aufgenommen haben, gefällt mir sehr gut – auch wenn sie daraufhin kaum Konzerte spielten, weil sie sich sofort wieder zerstritten... Wir werden öfters gefragt, klar. There's money out there. Aber es gibt Dinge, die kann man nicht bezahlen und solche, die man nicht allein des Geldes wegen tun sollte.

Text: Wolfgang Frömberg
Erschienen im "Filmmusik-Special" in der Spex 2003

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