Stanley Kubrick: Sozialpsychedelik

Das neue und das ganze Werk von Stanley Kubrick.Im Martin Gropius Bau in Berlin ist bis Mitte April noch die bisher umfassendste Stanley Kubrick Ausstellung zu sehen. Diedrich Diederichsen war bereits 1999 zu einem ähnlichen Ereignis in Frankfurt/Main.

Das Gefühl hatte ich fast schon vergessen. Wie es ist, einen Film zu "betreten", von seiner Eröffnungssequenz angesogen zu werden, und sich vom ersten Moment an "ästhetisch betreut" zu fühlen. Von nun an, so weiß man, sieht man nichts, was man nicht sehen soll, wird gegen keinen der selbst errichteten Codes des Geschmacks, der Rauminszenierung, des Tempos, der Musik etc. verstoßen - es sei denn, es soll dagegen verstoßen werden, um etwas zu sagen. Nichts ist aber auch von Industrieformaten und Gewohnheiten entschieden, wie man sofort merkt. Und wenn doch eine Entscheidung sich als gewohnheitsmäßig getroffen zu erkennen gibt, dann beruht sie ebenso erkennbar auf den Gewohnheiten des Autors.

Ich hatte fast vergessen, wie es ist, in einen Kubrick-Film hineinzugeraten. Es gehört zu den wohleingeführten Truisms der Filmkritik, daß Kubrick ein Control-Freak gewesen sei. Tatsächlich aber war Kontrolle auf verschiedenen Ebenen wirklich sein Thema. Die erste wäre die, inwieweit Autorschaft, verstanden als Kontrolle eines einzelnen menschlichen Subjekts über die industriellen Makro-Abläufe bis zu den künstlerischen Mikro-Strukturen eines Mainstream-Kino-Films heute noch zu haben ist. Ein romantisches und unsinniges Anliegen, höre ich meine dezentrierten Freunde dazwischenrufen. Doch geht es ja nicht, um den Autor im starken Sinne als kunst- und kulturphilosophisches Problem der Postmoderne und des Poststrukturalismus, der alles mögliche "immer schon" ist, ganz zu schweigen von dem "Eingeschriebenen", den Diskursregeln etc. - nein, es geht, um einen Autor im schwachen Sinne, um einen bereits strukturalistisch gedachten Autor als eine Stelle im Filmproduktionsstrukturgewirr, bei dem alle Stränge zusammenlaufen. Dieser bei Kubrick ebenso nüchtern, ja politisch, antikulturindustriell gedachte wie phantasmatisch herbeikonstruierte, gewünschte und von anderen Wahnsinnigen und lange vor ihm Verstorbenen der Filmgeschichte geerbte Autor ist das erste Bild der Kontrolle, der Determination und der Prädestination(ja!), das bei Kubrick bis zum letzten Bild präsent ist und das nun die Verantwortung übernimmt für jene erwähnte ästhetische Rundumbetreuung, die wiederum dafür verantwortlich ist, daß wir im Kinosessel auf so angenehme Weise das kritische Gewicht unseres Kopfes verlieren, unserer stets präparierten Einwände.

Ein ästhetischer Portier sagt uns: Entspannen Sie sich, es ist an alles gedacht. (Tatsächlich sind Kubricks Filme voller Portiers, Barkeeper, Türhüter, Verwalter und Dienstboten - insbesondere seine soziologischen Meisterwerke wie Barry Lyndon, aber eben auch "Eyes Wide Shut". Man denke aber auch an den legendären Barkeeper aus "The Shining" oder die Mondflug-Stewardessen aus "2001". All diese Hostessen, Domestiken und Dienstboten sind wichtige und notwendig formvollendete Vertreter des Prinzips der kontrollierenden, vorausplanenden und unterwerfenden Macht, die Kubrick als Auteur verkörpert und die seine Filme ebenso analysieren wie attackieren). Kubrick selbst hat die Freuden dieses An-alles-Denkens beschrieben, als er auf die Frage nach den Nervereien, Langwierigkeiten, Geduldprüfungen, Genauigkeitsobsessionen und Quälereien seiner vier- bis zehnjährigen Filmproduktionen antwortete, es gäbe eben keinen auch nur annähernd vergleichbaren Genuß auf Erden zu erleben und es sei sehr schade, daß er ihn mit so wenigen nur teilen könne, wie einen Film auf der industriellen Höhe der Zeit vollendet zu haben.

Man kann sich die menschlichen Grenzen dieses Autorprinzips schnell vorstellen. Die Wohnung des von Tom Cruise und Nicole Kidman dargestellten Paares ist auf absolut aufdringliche Weise von den farbenfrohen Bildern von Kubricks Witwe Christiane und ihrer Tochter illustriert - ebenso wie die opulente Upper Westside Wohnung, in der die erste Party des Filmes stattfindet. Doch hängen dort im Vergleich zu den Räumen eher kleine Formate mit abstrakten Motiven, während im Arzthaushalt Cruise (Nicole ist eine arbeitslose Galeriedirektorin und Mutter) üppige figurative Motive um relativ wenig Hängefläche konkurrieren. Der künstlerische Code stand Kubrick also in der allernächsten Umgebung zur Verfügung. Er instrumentalisiert ihn aber ohne Umschweife in einer für seine Frau nicht gerade schmeichelhaften Art als ideologischen Stoff, aus dem eine Welt ist, über die sich der Film, bei aller begeistert-kohärenten Darstellung dennoch erhebt. (Oder erhebt er sich am Ende doch nicht? Gibt es - als Frage an die, die den Film gesehen haben - ein richtiges Ficken unter falschen Landschaften?).

Eine besondere Rolle beim Abdichten der kontrollierten Welten spielt die Musik. Ihr kommt es etwa zu, ästhetisch kohärente, historische Welten emotional zu komplettieren wie in "Barry Lyndon" oder durch das Setzen konkreter Kontraste diese sanften, nachdrücklichen Verfremdungseffekte zu setzen, die so natürlich und selbstverständlich wirken und die man so gerne glaubt - und den Stoff bilden, aus dem Kubricks soziale Psychedelik gewoben ist. Skeptisch war ich, als ich las, daß Chris Isaak einen Song zu "Eyes Wide Shut" beigesteuert haben soll. Doch tatsächlich ist dessen polierte John-Lee-Hooker-Nachempfindung die ideale Begleitung zu einer Nicole-Kidman-Studie. Funktioniert wie die Christiane-Kubrick-Bilder. Man weiß jetzt, wie ein Bruce-Weber-Film in ihr abläuft - ihr Eheman stellt sich ihre Untreue auch immer schwarzweiß vor -, aber was man von außen sehen kann, ist eben auch nicht ohne Glanz und Souveränität. Daß genau diese Selbstsicherheit, mit ihren Grenzen und Potentialen, von einem Chris-Isaak-Pseudo-Boogie ihr Diesel bezieht, ist so dermaßen mulmig-metaphysisch WAHR - absolut keine Einwände.

Allerdings hat das relative Absacken von Spannung, Kohärez und psychedelischer Energie in der Mitte des Films meiner Meinung nach auch mit einer falschen Entscheidung in bezug auf die Musik zu tun. Rund um die zentrale Orgie übergibt nämlich Kubrick die Musik an eine Originalkomponistin und verzichtet darauf, wie sonst, fast immer schon fertige Musik zu verwenden. Jocelyn Pook, die schon mit den Cranberries und Laurie Anderson zusammengearbeitet hat und lange bei den Communards war, versorgt das große Mysterium, das eh schon schwer an seinen venezianischen Masken trägt doch etwas arg tautologisch mit minimalen Motiven dräuender Düsternis. Der Film färbzt sich erst wieder und biegt in eine wiederum großartige Schlußrunde ein, als im Herrenzimmer des zentralen Wüstlings, den Sydney Pollack darstellt, die Billardkugeln verheißend klackern. "Wollen Sie einen Scotch?"

Kubrick interessiert harte Macht, harte Kontrolle, Disziplin und Unterwerfung ebenso wie die weiche. Das Militär als besonders geregelte soziale Maschine liefert den Stoff für drei ganze Filme ("Paths Of Glory", "Dr Strangelove" und "Full Metal Jacket") und trägt zu anderen bei ("Spartacus", "Barry Lyndon"), doch in allen anderen Filmen geht es um von subtilerer und späterer Literatur, Soziologie und Sozialpsychologie beschrieben Mechanismen (sozialer Aufstieg in "Barry Lyndon", Devianz in "Clockwork Orange" etc.) oder um die der psychischen Krankheit, der Kontrolle die obsiegt, wenn ein entscheidungsfähiges, konstitutiv über Entscheidungsmöglichkeiten verfügendes Ich seinen Kampf verloren hat ("Lolita", "The Shining"). Doch immer sind es auch die dominanten oder populären wissenschaftlichen Diskurse - ob sie sich nun in Wissenschaft oder Literatur äußern - die das jeweilige Thema besetzen, ebenso Beschreibungsmöglichkeit wie die Sache selbst, etwa der Behaviourismus in "Clockwork Orange". Daher auch die Distanz, die Kubrick immer auch zu seinen Beschreibungsmodi und Darstellungsformen hat - diese schwer zu packende Distanz ist das entscheidende Moment seiner Sozialpsychedelik: neben dem Gesellschaftlichen stehen und dennoch dieses Gesellschaftliche für die letzte Instanz halten. Zwei Filme verschmelzen mehr als die anderen mehrere Ebenen dieses Komplexes: "2001" und nun wieder "Eyes Wide Shut".

Man läuft durch "Eyes Wide Shut" ähnlich vollständig ästhetisch umsorgt wie durch "Barry Lyndon" (jedenfalls die ersten 45 Minuten) - also so wasserdicht, als hätte man es genau wie dort mit einer längst abgeschlossenen historischen Epoche zu tun. Tatsächlich stammt der Stoff, Schnitzlers "Traumnovelle" und ihre Korrespondenz mit anderen Traumdeutungen aus einer solchen Epoche - doch der Film spielt in der Gegenwart und Kubrick hat die Erzählung an wenigen, aber entscheidenden Stellen modernisiert: das Geheimnis der Orgie wird gelüftet und die Ehefrau verfügt über einen Begriff ihrer Sexualität. Man geht also durch zwei verklammerte Epochen und dabei gerät man von "2001" zu "Lolita" und immer wieder zurück zu "Barry Lyndon" - der Kubrick-Film, der das erste Mal eine Geschichte ganz aus der Persepktive nicht der totalitären, unterwerfenden und determinierenden Maschine, sondern aus der Perspektive eines "schwachen" Einzelnen erzählt, der versucht, mit der Maschine - hier der sozialen Maschine Gesellschaft in all ihren Aggregatzuständen: Familie, Armee 1, Armee 2, lower Outlaws (Räuber), upper Outlaws (Spieler und Spione), bessere Gesellschaft, Aristokratie - zurechtzukommen.

Für diese Persepktive wählt Kubrick eine ganz eigene, ganz spezifische Sorte Schauspieler, den großartigen schwachen Schauspieler, den Schauspieler, der es nie zu einer Autoriät a la Kirk Douglas oder Robert DeNiro bringen wird, der genauso knapp zwischen seinem eigenen wirklichen Losertum und der der perfekten Loserdarstellung pendelt - aber nicht weil er etwa authentisch schlecht wäre, sondern eher, weil seine letztendlich vergebliche, nicht souveräne Bemühtheit, mit der er sich dem Kubrick-Totalitarismus unterwirft, exakt dem gesellschaftlich verunsicherten, aber immer wieder rührend mutigen Draufgängertum entspricht, das er darstellen soll. Kubrick simuliert Disziplinar- und Einschließungsmilieu in seiner Produktionsform so perfekt, daß sie den Staaten und Armeen zu entsprechen beginnt, die sie nur als Kunst hervorbringen soll. Darin darf es keine richtigen, souveränen Hollywood-Stars geben, die wie Kirk Douglas in "Wege zum Ruhm" und "Spartakus" nur erlaubt waren, weil Kubrick noch an ein Außen der Systeme glaubte oder weil sie wie Douglas in "Wege" oder George C. Scott in "Dr.Strangelove" oder Peter Sellers in "Lolita" oder eben Pollack (bezeichnenderweise im wirklichen Leben ein FILMREGISSEUR) in "Eyes Wide Shut"selber Agenten der unterwerfenden Maschine darstellen sollen. Es darf nur schwache, gebrochene, ein bißchen dumme, aber hochverehrte, charmante Leute geben wie Ryan O`Neal, Tom Cruise - oder auch den vergessenen Keir Dullea aus "2001". Leute, die sich einschüchtern lassen und deren trotzdem immer wieder geschöpfter Mut zuweilen wirkt wie das Verhalten eines Versuchstiers, dessen Zweck und Ende längst beschlossen ist.

Aber ich sagte, man läuft durch "Eyes Wide Shut" wie.... Ja, wie? Ich bin immer noch beim Eintreten, bei der dritten Szene, dem Eintreffen unseres Paars in der ersten seltsam zeitlos-feudalen Party. Diese Party schließt unmittelbar an die seltsame Schlußszene aus "2001" an: die Insignien hochbürgerlich bis feudaler Kultur, Möbel, Besteck etc. erscheinen als seltsame aus Zeit und Raum herausgelöste Dinge-an-sich, vollkommen abgespacet, immer schon und ewig schon da, in den endlosen Weiten bourgeoiser Kultur, endlos oben, leicht, matt glänzend und lächelnd. Die Oberschicht hat sich längst in den Weltraum abgesetzt. Die Nutznießer des Kapitalismus haben keine Schwere mehr, aber durchaus noch einen Körper, der Sex will und krank werden kann. Der von Tom Cruise dargestellte Arzt sagt als erstes, daß er nicht weiß, warum er von seinem schwerreichen Patienten Pollack Jahr für Jahr auf dessen opulente Feste eigeladen werde. Er weiß, daß er nicht hierher gehört und doch gibt es einen Weg mit der zu hohen Gesellschaft umzugehen. Cruise weiß das ebenso wie seine Frau Kidman: man nütze seinen Sexappeal, sein Körperwissen - als Mann, als Frau, als Arzt.

Die einzige Chance, zu bestehen oder gar aufzusteigen, ist der Flirt, ist der durch gesellschaftliche Rituale geregelte Einsatz von Charme und Sex für soziale Vorteile oder nur das Überleben. Die reizenden und rührenden und ständig ins Psychedelische, Unwirkliche lappende Flirtroutinen, durch die der Film nun ca. eine Viertelstunde virtuos wirbelt, werden von Anfang an von drastischeren Formen des Sich-Verkaufens umspielt: ein gemieteter Pianist, der sein Medizinstudium nicht vollenden konnte, eine, wie wir später erfahren werden, ehemalige Miss New York, die sich als Edel-Prostituierte eine Heroinsucht eingefangen hat. Doch trotz all dem kann die Geschichte, die Wirklichkeit nicht in diese Welt eindringen. Die Bourgeoisie bleibt im Orbit. Ihr Leben ein Traum. Und darum geht es: Kubrick hat ja eine "Traumnovelle" verfilmt.

Und daß wir in einem Traum sind hat etwas mit diesem Gefühl des Umsorgtseins zu tun. Umsorgtsein, ästhetische Ruhe und Gelöstheit aller ästhetischer Probleme erzeugt ja auch das Gefühl, in ein totales und total bestimmtes Universum eingetreten zu sein. Dies können wir aber nur aushalten und genießen, wenn wir gleichzeitig nicht zu genau wissen, was eigentlich so unabweisbar genau und unanzweifelbar dargestellt werden soll, was dieser seltsame Schwebezustand eigentlich ist. Es gleicht nichts, das wir je erfahren hätten, und ist doch komplett plausibel, weil seine Darstellung so plausibel ist - was man so genau sagen kann, muß es auch geben, so unser Rückschluß, und wir sacken, erneut von jedem Zweifel entlastet in die Sitze unseres Weltraumschiffs, genannt Cineplex, zurück, Stewardessen schleichen mit Haftsandalen durch die Schwerelosigkeit und nehmen uns unseren schwerelosen Essensrest ab. Für uns ist gesorgt.

Wieder zuhause aus der Galaxis Oberschicht, daheim bei den bunten Landschaften und der sich auf Weihnachten freuenden Musterschüler-Tochter, sprechen beide Ehepartner über ihre Flirts, sie reden über Sex, über das Einzige, das sie auf dieser Party fest in der Hand hatten, kontrollieren konnten, ihren Sex. Und das genau ihre Partnerschaft nun bedroht. Denn was ist mit dem anderen Sex, dem Sex des/der Anderen? Der Kleinbürgermann, der nichts kontrolliert außer seiner Frau, und eben auch die nicht, ist ein Thema des 19. Jahrhunderts (Strindberg), es ist ein Thema, das gerne mit dem sogenannten Abgrund der Sexualität in Verbindung gebracht wird, der keine Ordnung Herr werden kann (Bataille). Man hat Kubrick vorgeworfen, dieses längst erledigte Thema, neu zu bedienen, die sieben Jahrzehnte seit Schnitzler nicht mitbedacht zu haben. Doch das stimmt nicht. Nachdem wir erfahren haben, daß der Arzt als der Mann, der alles kennt und sieht von denen da oben, aber nicht dazu gehört, unter diesem Zustand leidet und ihn nur durch sein gutes Aussehen kompensieren kann - das ja auch Barry Lyndon einsetzen muß -, seinen "Schlag bei Frauen", nachdem wir das erfahren haben, erfahren wir und er, daß er von der Sexualität von Frauen - nicht im Sinne einer rätselhaften "weiblichen Sexualität", sondern im Sinne jeder "anderen" Sexualität - nichts versteht, ja nicht einmal von der seiner eigenen Frau. Anders als bei Schnitzler wird klar ausgearbeitet, daß ihm nun, nachdem ihm seine Frau dies erklärt, er jeden Boden unter den Füßen verliert. Die Welt ist unsicher genug, nun hat er aber nichts mehr dagegen in der Hand. In der nun folgenden Odyssee durch die Nacht, dem eigentlichen Kern des Films, versucht er sich einerseits selbst zu beweisen und auch das Geheimnis der Frauen zu erfahren, andererseits führt ihn das inmitten einer noch unzugänglicheren Oberschichts-Orgie, von der er sich sozusagen erhofft, das andere Rätsel, das Rätsel Bourgeoisie zu lösen. Beide Rätsel haben mit den Grenzen der Kontrolle, der Kontrollierbarkeit und dem Umgehen mit Kontrollverlusten zu tun.

Hier treten wir nun in "Lolita" ein. Der etwas altmodische Schriftsteller, den eine neumodische Literaturwelt verunsichert und der auf ihren Parties linkisch wirkt, wird zusätzlich gedemütigt, indem seine Attraktivität auch sexuell nur für die Eroberung einer Literatur-begeisterten, geschmacklosen Tratschtante reicht. In dem Moment rettet sich der verunsicherte, weiche Mann in die Liebe zur halbwüchsigen Lolita - die er beherrschen zu können hofft und die sein verloren geglaubtes Lebendigkeits- und Attraktivitäts-Kapital reaktiviert - und geht auf die Flucht, bricht zu einem Trip auf. Doch die Welt des jungen Mädchen (Schulfreunde, Teenie-Kultur) und ihre Sexualität entgleiten ihm. Schließlich erscheint ein Verschwörer, der nicht nur, was Humbert Humbert kaum gelang, über Lolita verfügen konnte wie er wollte, sondern auch darüber hinaus, den neuen Schriftstellertypus darstellt, der von Peter Sellers dargestellte Oberwüstling und Fernsehautor Clare Quilty.

Zum Showdown kommt es wie in "Eyes Wide Shut" im Rahmen einer Orgie. Diese ist allerdings in Quiltys Anwesen schon vorbei und die entkräfteten sündigen Leiber liegen nur noch auf den luxuriösen Liegegelegenheiten im Morgengrauen herum wie die Zecher in der Szene in "Barry Lyndon", wo dieser im Morgengrauen von seinem Stiefsohn, Lord Bullington, zum Duell gefordert wird. Doch in beiden Fällen ist die Orgie das zentrale Geheimnis der höheren Gesellschaft. Sie steht nämlich für einen organisierten Kontrollverlust. Die größte Angst von Kubricks Emporkömmlingen (oder sozial Verunsicherten) ist aber, daß sie nicht wissen, wie die bessere Gesellschaft, ihre Kontrollverluste inszeniert, nach welchen Regeln, wann, wann ist es erlaubt, wann nicht, wie lautet das Passwort? So scheitern sie immer dann entsetzlich, wenn es ihnen an der falschne Stelle passiert und einer wie Tom Cruise vor den versammelten nackten Mädchen und verhüllten Lüstlingen gedemütigt wird oder wenn Barry Lyndons unaufhaltsam scheinender Aufstieg just in dem Moment jäh gestoppt wird, wenn er seine Kontrolle verliert und das vorher oft angespielte Thema Selbstdisziplin, Selbstzucht und Züchtigung zu einem Wutanfall samt Auspeitschung synthetisiert und seinen Stiefsohn Bullington vor der kompletten britischen Aristokratie verprügelt, die er eigentlich eingeladen hatte, um ihr von seiner Frau und seinem Reverend ein Cembalo-Konzert von Bach vorspielen zu lassen. Kein Wunder auch, daß die Hooligans in "Clockwork Orange" ihren Haß vor allem gegen alte Libertins richten, gegen Leute, die wissen, "wie man lebt."

Daß Oberschicht, aber oft eben auch Gesellschaft überhaupt, bei Kubrick so oft nur noch als leicht verfremdet, irgendwie zeitlos und irgendwie gezwungen grinsend und psychedelisch wie auf Trip wahrnehmbar ist, beschreibt einen Zustand, der reziprok auch den Kontakt mit den noch als wirklich erfahrbaren Menschen, den Nächsten, der Familie komplett vergiftet und zerstört. In "The Shining", wo es überhaupt nur noch ein halluziniertes Soziales gibt, eine erträumte Kneipe, in der man dann wieder herrlich vom Barkeeper umsorgt wird, kann der von diesen Besuchen in seiner Idenität abhängige Schriftseller Torrance die impertinente Realität seiner Familie nur noch als todeswürdig erkennen. Allein im Weltraum mit dem Menschen-artigen Computer (ein Determinismus-Monster übrigens, das wie alle Schaltstellen des Determinismus bei Kubrick, weil diesem entsprungen, ihm seinerseits gläubig anhängt: Mikrophysik der Macht) HAL 9000 versuchen die Astronauten ihren zu nahen, zu sehr psychologisch kompententen Gesprächpartner ebenso abzuschalten wie er sie auszuschalten versucht. Lolitas Mutter und Humberts Frau muß ebenso sterben wie Scatman Crothers in "The Shining" und Lyndons einziger leiblicher Sohn und seine Frau im Wahnsinn enden. Im letzten Bild schreibt sie wenigstens noch 1789 auf einen Scheck, damit der Zuschauer denken kann, daß diese unzugängliche und rätselhafte Oberschicht ebenso verschwinden mußte wie der von ihr gedemütigte Barry.

Doch in diesem Punkt stellt "Eyes Wide Shut" einen Schritt dar. Hier gibt es ein Gespräch zwischen Mann und Frau. Er kehrt von seiner Ausschweifungsforschung zurück - und sie hat den viel verunsichernderen sexuellen Traum gehabt, der seine Wirklichkeit weit übertrifft und ihn sofort noch weiter verunsichert. Sie erklärt ihm, daß er ihre Sexualität nicht versteht - und sie gerade, wenn sie fundamental in einen anderen Mann verliebt ist, sich ihm nahe fühlt. Cruise: Häh? Sie rettet die Ehe, weil sie die Geschehnisse der Geschichte als einen auf einander bezogenen Dialog inszeniert, in dem sie das letzte Wort behält - das nun auch Kubricks letztes Wort blieb, ein wahrlich famoses letztes Wort. Diese Ehe überlebt dank eines aufgeklärten Umgangs mit Sex und dank des Feminismus. Der stellt in Kubricks Lebensdiagnose offensichtlich den einzigen Fortschritt dar - alles andere bleibt Gesellschaftsmaschine. Unzugänglich, unwirklich und auf für immer auf Erdumlaufbahn um die Wirklichkeit.

Doch war der Epilog schon vorbereitet. Nicole Kidman hatte Cruise und Tochter in einen Spielwarenladen geführt. Dort entscheidet sich die Tochter nach einander für einen Bären (Vater, Gefährte) und eine Barbi-Puppe (Mutter, Selbstbild). Aus dem Spielwarenladen wäre auch Kubricks nächste Figur gekommen: ein kleiner Roboter aus der ersten Generation von Robotern die fühlen können - jedoch haben sie nur Gefühle für die Menschen, auf die sie geeicht sind. Dies ist eine Familie, deren Tochter todkrank ist, Neugeburten sind streng kontrolliert in dieser nahen Zukunft aber einen fühlenden Roboterjungen dürfen sie adoptieren. Die Tochter wird mangels Therapie eingefroren - bis sich was ändert. Das neue Familienmitglied führt sich prima ein, alles läuft wunderbar. Die Familie ist nun, so stelle ich mir diesen Film, der "Artificial Intelligtence" hätte heißen sollen, vor, die unzugängliche unklare Welt eines höheren, neuen Sozialen dar, in der der kleine Roboterjunge Anfangserfolge erzielt wie Barry Lyndon, Tom Cruise, auch übrigens Malcolm McDowell - bevor er dann grausam scheitert. Ein Heilmittel ist gefunden, die Tochter wird geheilt, die schlamperte betrunkene Mutter schmeißt den kleinen Kerl raus, der in einer herzzerreißenden Szene nächtlicher Erkundigung - wie Cruise im Village in "Eyes" - in den verlassenen Vergnügungspark von Coney Island gerät und lernt, sich mit Pinocchio zu identifzieren. Der Wahnsinn. Dabei kommt er irgendwie ums Leben. Kein anderer als Chris Cunningham hat ein halbes Jahr an den Design dieses letzten und ersten Menschen gearbeitet.

Schnitt. Zehntausendjahre später. Nur noch Roboter leben auf der Erde. Ein Team von Roboterarchäologen reaktiviert die Batterien und Laufwerke von präfuturistischen Roboter der ersten fühlenden Generation, um sich auf diese Weise Bilder aus ihrer eigenen Frühgeschichte zu besorgen. Der wiederbelebte Pinocchio soll sich erinnern. Aber er tut dies nur selektiv. Da, wo das Zimmer seiner Schwester war, erscheint ein schwarzes Loch, seine versoffene Mutter erscheint als holder Engel. Es gibt nur eines, auch die Mutter muß wiederbelebt werden. Tja und das gelingt auch, aber sie stirbt bald darauf. Und bis zum Schluß soll sich Kubrick und seine Drehbuchautorin darum gestritten haben, ob es danach noch einen Epilog gibt und der kleine Junge von ihr Abschied nehmen kann. Die Familie, die überraschenderweise "Eyes Wide Shut" als erste lebensfähige Kleingruppe Kubricks Expeditionen übersteht, wird also nochmal vorgeladen und selbst als die Maschine dargestellt, die den unwirklichen totalen sozialen Space erzeugt, der uns immer so psychedelisch vorkommt, so wie auf Trip und in dem man immer so dringend jemanden braucht, der einen an der Hand nimmte und bedient. Erlösung von ihr gibt es erst in einer Welt von Robotern, könnte man denken. Bis dann Kubrick - gegen den Willen seiner Autorin - doch noch einen kleinen Ödipus aus ihm gemacht hätte, der erst fortgehen kann, wenn er sich anständig verabschiedet. Seinem Schöpfer ist nicht nur dies perfekt gelungen.

Text: Diedrich Diederichsen

Die Fotos stammen von der »autorisierten Kubrick Webseite« und sind Originale aus dem Nachlass von Stanley Kubrick. Aus den Grauwerten von Polaroids errechneten Stanley Kubrick und Kameramann Geoffrey Unsworth die Belichtungseinstellungen für die Aufnahmen zu 2001: A SPACE ODYSSEY.