Lawrence Lessig

Das »Wired«-Magazin nannte ihn vollen Ernstes den »Elvis des Cyberlaw«. Ein bizarres Kompliment, wenn man bedenkt, was dabei alles in den metaphorischen Topf geworfen wird: ein toter Popstar des vergangenen Jahrhunderts, der zeitlose wie staubtrockene Rechtsdiskurs und das avancierteste Kommunikationsmedium des 21.Jahrhunderts. Und den Hüftschwung des King beherrscht Lawrence Lessig sowieso nicht. Mit seiner hohen Stirn und den runden Gläsern in der Metallbrille gibt der Rechtsprofessor der Stanford Law School vielmehr das perfekte Abziehbild des brainy Intellektuellen: korrekt bis in die lichter werdenden Haarspitzen.

Warum der Mann dennoch eine wachsende Fangemeinde hat, lässt sich besser verstehen, wenn man ihn nach seinen Gegnern beurteilt. Der erste hieß Microsoft, und in Redmond war man allein von der Tatsache, dass Lessig als Berater des vorsitzenden Richters im Rechtsstreit »Department of Justice v. Microsoft« fungierte, so aufgeschreckt, dass alle Lobby-Hebel in Bewegung gesetzt wurden, um ihn wieder loszuwerden. Mit Erfolg: Lessig wurde aus dem Verfahren entfernt. Als nächstes legte er sich mit dem Walt Disney-Konzern an, der dem republikanischen Kongressabgeordneten Sonny Bono (ganz recht, der »I Got You, Babe«-Sonny) ein Gesetz in die Feder diktiert hatte, das ihm die Rechte an der Maus für ein knappes Jahrhundert zusichern sollte, wodurch Lessigs Ansicht nach so ganz nebenbei der ursprüngliche Sinn des Copyright endgültig auf den Kopf gestellt wurde. Zur allgemeinen Überraschung ließ der Supreme Court die Klage gegen das Gesetz überhaupt zu. Dass Lessig bei Urteilsverkündung dann wieder unterlag, überraschte weniger. Die Schuld dafür gibt er nicht den Richtern, sondern der Politik: »Politiker werden von Lobbys manipuliert. Sie sind weder bösartig noch dumm. Aber wer neunzig Prozent seiner Zeit damit verbringen muss, Spenden für seine Wiederwahl aufzutreiben, hört nur die Leute an, die das nötige Geld haben. Und das ist eben nur eine Seite der Geschichte.«

Nur die »eine Seite«? Klingt nach behäbiger Schulaufsatz-Argumentation (»einerseits… andererseits…«) und auch die andere Wange hinhalten. Bisweilen kommt der politische Stratege Lessig, der auf kleine Schritte und realistische Forderungen setzt (»Wir müssen impressionistisch vorgehen, mit Millionen kleiner Farbflecke … ein Bild der Freiheit zeichnen.«) dem überzeugten Copyright-Aktivisten ganz schön in die Quere. Denn dass die »eine Seite«, die bis jetzt immer die Nase vorne hatte, gründlich im Unrecht ist, davon ist er glühend überzeugt, und für das gegenwärtige politische Klima, in dem eine Handvoll Medienkonzerne das Internet und mit ihm das größte Potenzial für kulturelle Kreativität und Innovation zugrunde richten, findet er deutliche Worte: »Fundmentalismus«, »Null-Toleranz« und »Extremismus« nennt er die Denkweise seiner Gegner, die mit verkürzten Begriffen und falschen historischen Rechtsauffassungen hantierten.

Denn so sehr er für das Neue und seine Technologien eintritt, im Grunde geht es ihm darum, jahrhundertelang bewährte Grundsätze zu bewahren. Die Verfassungsväter, die das Copyright zum Zweck der »Förderung von Wissen und Bildung« eingerichtet hatten, waren innovationsfreundlicher als das 21.Jahrhundert, Lessig setzt sich im Namen der Tradition für das Neue ein. »Mein Interesse an diesen Themen ist eine Reaktion auf die haarsträubenden Dinge, die das Gesetz, und nicht zuletzt Rechtsanwälte, auf diesem Gebiet angestellt haben. Ich bin sozusagen ein Rechtsanwalt mit einem schlechten Gewissen, der glaubt, dass eine außerordentliche Gelegenheit vertan wird, weil ganz bestimmte Interessen sich der politischen Sphäre bemächtigt haben.« Es gibt aber auch Anlass zu Hoffnung. Vor zehn Jahren waren es nur eine Handvoll Leute, die sich wie er für Alternativen zu besitzzentrierten Auffassungen des Urheberrecht einsetzten. Heute sind es viel mehr, und ihre Ansichten werden nicht nur in Spezialistenzirkeln, sondern auch in Vorstandsetagen oder auf Regierungsebene diskutiert.

Aber immer noch müssen sie gegen Vorurteile ankämpfen. »Wenn man Begriffe wie ›Free Culture‹ oder ›Free Software‹ verwendet, denken die meisten: Aha, Kommunismus! Wenn man sagt: Freie Marktwirtschaft, freie Wahlen, freie Gesellschaft, denken sie: Ja, das ist Freiheit. Wofür ich mich einsetzte, ist, dass die Leute ›Free Culture‹ und ›Free Software‹ als Dimension ihrer Freiheit erkennen.« Damit meint er ausdrücklich nicht nur die Freiheit der Leute mit Internetzugang. Der Krieg der Medienkonzerne gegen freie Kommunikation und Datenaustausch hat Folgen, die weit über das Netz hinausreichen. Worum es geht, hat er unübersehbar in den Titel seines neuesten Buches gepackt: »Free Culture: How Big Media Uses Technology and the Law to Lock Down Culture and Control Creativity«. Eine weitere Kernthese: Dieselben Konzerne, die heute mit rabiaten Mitteln gegen »Piraterie« im Netz und außerhalb vorgehen, sind selbst durch Freibeuterei groß geworden. Die Filmindustrie ist schließlich auch deshalb an die Westküste nach Hollywood geflohen, um außer Reichweite von Edisons New Yorker Anwälten zu gelangen, dessen Patente und Erfindungen sie ungefragt ausbeuteten.

Wie es sich für solch ein Werk gehört, ist »Free Culture« im Netz frei erhältlich. Dafür gibt es durchaus verschiedene Gründe. »Aus Sicht meines Verlegers ist es eine Art Experiment, ein Weg, das Buch bekannt zu machen, um so eine Nachfrage zu schaffen. Aus meiner Sicht ist das Internet eine wunderbare Technik, um das Buch von vielen Leuten auf alle möglichen Weisen erweitern zu lassen.« Lessig hat es unter eine »Creative Commons«-Lizenz gestellt, nach kürzester Zeit war es in neun verschiedenen Formaten erhältlich, unter anderem vorgelesen als Audio-File. Seine Lieblingsversion ist ein Wiki, ein Format, das es jedem erlaubt, den Text nach Belieben zu verändern. »Das Buch führt jetzt ein Eigenleben und entwickelt sich in einer Weise, über die ich absolut keine Kontrolle mehr habe. Dadurch wird etwas neues entstehen.«

Keine Kontrolle haben. Neues entstehen lassen. Sein Wissen mit anderen teilen. Wenn Lessig über die Potenziale des Internet redet, scheint für einen Augenblick der Optimismus die Oberhand über seinen bereits legendären Pessimismus (»mein Markenzeichen«) zu gewinnen. Aber eben nur für einen Augenblick. »Ich glaube fest daran, dass wenn wir es schaffen würden, die richtigen Leute an einen Tisch zu setzen und genau eine Stunde über das Thema nachzudenken – eine Stunde, mehr nicht –, wäre jeder einzelne davon absolut auf unserer Seite. Das ist mein Optimismus. Bloß, mein Pessimismus sagt mir: Wie um alles in der Welt sollen wir sie dazu bringen, uns eine Stunde lang zuzuhören?«

Dietmar Kammerer

www.lessig.org // www.free-culture.cc // creativecommons.org