Bruce LaBruce: »This is Bruceploitation!«

Wie kann man als junger, karrieresüchtiger (Hetero-)Journalist ein Interview mit einem der Vorzeigegesichter des schwulen Avantgardekinos führen, dessen bekanntester Film davon handelt, wie eine junge, karrieresüchtige Dokumentarfilmerin den Niedergang des schwulen, avantgardistischen, etc. Pornostars für ihr eigenes berufliches Fortkommen ausnützt? Indem man sich mit ihm verabredet.

Wir treffen uns in einer Bar in Kreuzberg und setzen uns an diesem elend heißen Tag unter eine schattenspendende Markise. Ein paar Meter weiter an der Kreuzung haben Punks und Autonome einen Fensterwaschservice eingerichtet für Autofahrer, die an der Ampel halten. Auf der einen Seite einer Säule steht: »Ein Euro pro Waschgang«, auf der anderen: »Nieder mit dem Freiheitsdenken!«. Hier fährt die U-Bahn oberirdisch, weshalb ich mir zuvor eine richtig smarte Frage zur eh und je komplizierten Dialektik von Underground/Overground zurechtgelegt hatte, die ich im Gang des Interviews glücklicherweise wieder vergesse.

LaBruce kommt gerade aus Birmingham zurück, wo er für das Performance-Festival »Visions of Excess«, kuratiert von Ron Athey and Vaginal Davis, einen Men's Strip Club mit seinen Fotografien dekoriert hat. Eine »sex in public«-Performance hat leider nicht so geklappt, wie LaBruce sich das gewünscht hatte, weil das Paar am Abend zuvor miteinander Schluss gemacht hatte. Das Private und die Kunst lassen sich eben nicht so einfach trennen, zumal, wenn es um Sex geht. Wir unterhalten uns über Cannes und den Grand Prix de la Chanson, und ob er sich Keanu Reeves in einem Biopic über sich vorstellen könne.

»I see my films as comedies.«

Den Spagat zwischen Art House und Porno versuchen ja inzwischen viele Filmemacher/innen, aber niemand so lustig wie Bruce LaBruce. Die Gelassenheit im Umgang mit Kopf und Genitalien kann er sich leisten, wo andere erst eine Brücke schlagen müssen, stand BLaB immer schon breitbeinig auf beiden Seiten. Noch während seines Studiums an der Filmklasse der Universität in Toronto gab er für die Radikalen/Punk/Schwulen-Szene der Stadt das Homozine »J.D.« heraus. Seine Umgebung erwartete anderes von ihm als verkopfte Intellektuellen-Filme. Für »No Skin Off My Ass« bekam er auch prompt den Vorwurf, der Film enthalte nicht genügend Hardcore-Szenen. Also ließ er in seinem nächsten Film, »Super 8 ½« sein Alter Ego (Bruce LaBruce, der abgehalfterte Pornostar und Warhol-Lookalike) ausgiebig Blowjobs verteilen und sich auf einer Couch penetrieren. Für den »Cinema of Transgression«-Fotografen Richard Kern baute er eine Hetero-Szene ein, was wiederum die Feministinnen auf die Palme brachte. Zugleich drehte er das Art House-Volume ganz nach oben und packte den Film randvoll mit Selbst- und Fremdreferenzen (Anspielungen auf Fellini, Warhol, Anger), Filmen im Film und augenzwinkernder Underground-Ästhetik. So macht man es allen recht, oder keinem.

»The future of gay pornography is women.«

Natürlich benutzt er die sexually explicit scenes als Differenzkriterium und Authentifizierungsstrategie für den Underground. Aber sein Dilemma liegt gewiss nicht darin, der Vereinnahmung durch den Mainstream zu entkommen. Viel mehr geht es ihm um die eigene Abgrenzung gegen das »bourgeoise« schwule Establishment und die feministische Orthodoxie, denn: »Sobald eine Bewegung dogmatisch wird, wird sie unsexy.« Gegen PC, Segregationismus oder Assimilation an die bürgerlichen Verhältnisse. »In den 80ern, als ich mich in der Punkszene bewegte und Fanzines herausgab, kritisierten wir die Schwulenbewegung für ihre Frauenfeindlichkeit. Nimm die Drag Queens. Entweder stellen sie Frauen als hysterische Schlampen dar, oder sie versuchen, bessere Frauen zu sein als Frauen selbst. Wir waren sehr idealistisch damals. Wir hatten diesen Traum einer Schwulenbewegung, die Männer und Frauen gleichermaßen einbezieht. Aber es hat sich nicht viel verändert, vielleicht ist es sogar schlechter geworden.Warum z.B. sollte man in Schwulenpornos keine Frauen einsetzen. Viele Frauen mögen schwule Pornos.« Damit mag er sich bei Feministinnen wie Andrea Dworkin und Catharine MacKinnon unbeliebt machen, aber gleichviel. Für Schmähungen und Drohbriefe hat er auf seiner Homepage (www.brucelabruce.com) eigens die Rubrik »Hate Mail« eingerichtet.

»Gay is not the new glamour«

Doch die Schwulenbewegung ist in seinen Augen nicht nur verknöchert, sie ist vor allem blind. Während in den USA Sitcoms wie »Will and Grace« den Schwulen als dümmliche Pulli-Queen zeigen, der republikanische Senator Santorum Homosexualität öffentlich auf eine Stufe mit »Sex mit Tieren« stellen darf (»Ich habe nichts gegen Homosexuelle. Ich habe etwas gegen den homosexuellen Akt«) und in Texas hat die Polizei aufgrund eines gezielten Hinweises die Wohnung eines schwulen Pärchens stürmt, die beiden Männer beim Sex erwischt und wegen Sodomie verhaftet, träumt der assimilierte schwule Mittelstand von einer allgemeinen Akzeptanz seiner Lebensweise.
Vielleicht wäre Porno ja wirklich eine mögliche disruptive Energie gegen den Neokonservatismus der Verhältnisse – wenn man ihn nur lässt. »Wenn ich Interviews gebe für Kunstzeitschriften, begegnet mir immer diese Auffassung, dass Pornographie eine ›reine‹ Sache wäre, die nicht in einen Kunstkontext gestellt werden darf. Sie mögen es nicht, wenn du die beiden Bereiche miteinander verbindest, weil für sie die Kunst auf der einen und Porno auf der anderen Seite steht, und Porno ist irgendwie reiner. Am meisten mögen sie Amateurpornographie und Leute, die diese Sachen ›unbewusst‹ produzieren, das finden sie viel besser als jemanden, der Pornos fabriziert und einen intellektuellen Hintergrund hat.« Als Vorbilder nennt LaBruce Filmer wie Wakefield Poole, Peter De Rome und Fred Halsted, die in den 70ern Schwulenpornos drehten, und keinesfalls »bloß ahnungslose Pornofilmer waren, sondern eine Menge über Kunst wussten. Sie waren Filmemacher, die sich sehr bewusst auf die Produktion von Sex einließen. Ich halte es für eine Romantisierung, zu denken, dass man Porno gänzlich von Kunst trennen könnte, oder von Politik.«

»Heterosexuality is the Opiate of the Masses«

Eine Woche vor unserem Treffen hat er nur ein paar Meter weiter, im Buchladen »b_books« Ausschnitte aus der Rohfassung seines neuen, in Berlin gedrehten Filmes »The Raspberry Reich« gezeigt, einem »politischen Porno« in dem es um »Terrorismus als Mode« geht. Zu sehen war ausgiebiges revolutionäres Ficken vor sozialistischen Posterikonen (Che Guevara, Rosa Luxemburg), Fellatio an einer AK-47 und eine mißglückte Entführung durch Trainingsanzug-Terroristen. Das Ganze stark parodistisch überzeichnet, allerdings als eine »Kritik in Sympathie«, wie der Regisseur meint. Richtig überzeugen wollten die Szenen noch nicht, dass die Fetischisierung revolutionärer Ikonen zu deren völliger Sinnentleerung führt, ist hinlänglich bekannt. Aber LaBruce, der gerne zugibt, ein Anhänger von »old-school gay activism« zu sein, kann auch mal auf die stur didaktische Tour. Wenn die Kids heute mit Che Guevara-T-Shirts herumlaufen und nicht einmal wüssten, wer der Typ eigentlich war, müsse man es ihnen eben ins Gedächtnis rufen. Dazu gehört »eine bestimmte Philosophie von Homosexualität, die alte Ansicht, dass Schwulsein bedeutet: nicht dazugehören. Die Schwulenbewegung als Avantgarde, als Herausforderung an Ästhetik und die Konstruktion sozialer Verhältnisse, all das.«

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