Halber Mensch

The Machinist (Brad Anderson, Spanien 2004)

»In der Wirklichkeit ermüdet die Fabrikarbeit sehr bedeutend und erzeugt eigentümliche Krankheiten. In der Wirklichkeit ist die Maschine eine Maschine, nur in ›The Machinist‹ hat sie einen Willen, denn da sie nicht ruht, so kann der Arbeiter auch nicht ausruhen und ist einem fremden Willen untertan.« (frei nach Karl Marx, Die heilige Familie)

Ein Mann und ein Junge in der Geisterbahn. Die Fahrt war schon um einiges unangenehmer als erwartet, der Mann ist sichtlich nervöser als sein Beifahrer. Dann kommt eine Abzweigung: rechts gehts zur »ewigen Erlösung«, links zum »Highway to Hell«. Natürlich wählt der Junge die linke Strecke. Irgendwann später im Film kommt raus: den Jungen gab's gar nicht, der ist vor langer Zeit bei einem Unfall umgekommen, die Geisterbahnfahrt gab's vielleicht irgendwann einmal in der Kindheit des Mannes.

Mit solchen Abzweigungen arbeitet der grünstichige Psycho-Horror-Hunger-Thriller »The Machinist« von Brad Anderson ständig. Die führen gleichzeitig nach links und rechts, hinten und vorn, in die Vergangenheit und in die Zukunft, in die Freiheit und in den Schizo-Zustand. Die Frage dazu lautet stets: Wie schafft man es, beide Wege zugleich zu nehmen? Wie den Verlust der Abzweigung kompensieren? Folgende Möglichkeiten:

Erstens, die materielle Ebene. Der Verlust eines Armes durch die Maschine wird wiedergutgemacht durch eine »großzügige« Abfindung vom Arbeitgeber. So funktioniert Kapitalismus plus Versicherungspolice. Arbeiterhände, durch Maschinen ohnehin unnütz geworden, werden durch Rentnerdasein mit Sportwagen ersetzt.

Zweitens, die Schizo-Ebene. Da wird der Schauspielerkörper auf die Hälfte herunter gehungert, damit Platz wird für eine zweites Ich, dass dann genau so unausstehlich und feist grinsend ist, wie man sich selbst eigentlich gerne hätte und bloß nicht traut. Wie bei jedem Hungerkünstler, wird der eigene Körper ersetzt durch den eines jungen Panthers, »diesen edlen, mit allem Nötigen bis knapp zum Zerreißen ausgestatteten Körper, der auch die Freiheit mit sich herumzutragen schien« (Franz Kafka). So funktioniert Kapitalismus plus Schizophrenie.

Drittens, die Polizei-Ebene. Auf Channel 4 lief im Januar in Großbritannien die Endemol-Psycho-Show »Shattered«. Darin ging es für zehn mehr oder minder Freiwillige darum, eine Woche lang ohne Schlaf auszukommen, pro Tag nur eine Stunde Nickerchen. Wie immer gab es Haftverschärfungen. Die Teilnehmer mussten stundenlang Videos mit gähnenden Menschen ansehen oder Wandfarbe beim Trocknen betrachten. Zen-Fernsehen für das 21.Jahrhundert: Leuten zusehen, die verzweifelt versuchen, sich nicht zu langweilen. Die meisten verabschiedeten sich mit Halluzinationen, Gleichgewichtsstörungen oder Paranoia aus der Sendung. Am Ende überstand als Einzige eine 19-jährige paranoia-resistene Polizeischülerin, die selbst dann keinen Schlaf finden konnte, als die letzten übermüdeten Traumbekämpfer gezwungen wurden, sich für das spannende Finale ins Bett zu legen. Schlaf wird ersetzt durch einen fremden Willen, den inneren Polizeistaat. Das Auge des Gesetzes blinzelt nie.