Amber Benson: Wie man einen Besenstiel rumkommandiert

Die meisten werden sie als die freundliche Hexe Tara kennen, als Willows Freundin aus »Buffy«, Amber Benson kann aber auch Regie führen und hat just ihren ersten Spielfilm »Chance« realisiert. Dietmar Dath hat sie getroffen und ward verzaubert. On the site of IMPLEX-Edition you'll find the english version of the Amber Benson Interview.

Die meisten Leute, die uns mit dem Zeug versorgen, das andauernd im Fernsehen kommt, können sonst nix. Entsprechend sieht besagtes Zeug deshalb auch aus; wir haben gelernt, damit zu leben. Der ideell-abstrakte Gesamtbetreiber kritischer Fernsehstudien kaut einem vor diesem Hintergrund allerdings nach wie vor gern ein Ohr ab von wegen: der größte Makel, den das Fernsehen mit seinen fragwürdigen Flimmerstrahlen ins Gesicht der Menschheit gebrannt habe, sei die Verwandlung des einst alle Kunstausübung garantierenden Kollektivs »Publikum« ins übermüdete Pack namens »Zuschauer« und anschließend ins eklatant kunstfremde Ungeziefer »Verbraucher«. Ein »Publikum« ist oder vielmehr: war demnach eine Art gefräßiges Zittertier mit prima Eigenstromreserven im Hirn (»Phantasie«) und zahllosen Augen, Ohren und anderen chemisch oder physikalisch reizbaren Sinnen, während »Zuschauer« als reine Augenwesen meist bloß mal gucken wollen, was gerade so geboten wird, und dann dran hängen bleiben, bis sie zuletzt zu jenen komplett korrupten Konsumenten entarten, die sich von allem und jedem die Zeit stehlen lassen, egal ob Dauerwerbesendung, Kriegsgeflacker oder Live-Rape-TV. Stimmt zum Glück bloß alles nicht.

Fernsehen ist vielmehr längst was ganz Normales und war’s vermutlich immer; am Anfang bloß noch nicht als ganz normal erkennbar, i.e. als ein weiterer Anwendungsfall von Sturgeons unzerstörbarem Gesetz Nummer eins der Kunst und Kultur, welches lautet: 90 % von allem = Scheiße.

Die verbleibenden zehn Prozent werden von Leuten wie Amber Benson verantwortet. Wer nicht geschlafen oder grad geschwänzt hat, als das Thema durchgenommen wurde, kennt sie als lesbische Hexe Tara Maclay aus »Buffy«, mit der Willow Rosenberg (Alyson Hannigan) eine extrem hinreißende Liebesgeschichte erleben durfte, die für viele von uns Fans zugleich größer als das Leben und wahr genug zum Wiedererkennen mit dem eigenen Herzen war. Amber Benson, geboren am 08. Januar 1977, hat als Filmschauspielerin u.a. im zwischendurch aus Peinlichkeitsgründen unterschlagenen Hochheikelfilm »Don's Plum« (2001) mit Leo DiCaprio und Soderberghs »King of the Hill« (1993) mitgewirkt und, also, na, wie sagt man das jetzt vorsichtig? – Amber Benson kann alles.

Alles? OK, vielleicht nicht gerade Herzchirurgie oder Motorradweitwurf, aber doch singen, tanzen, Drehbücher schreiben, Regie führen und Filme produzieren. Match this, Jammerlappen. Mit napoleonischem Zugriff auf's eigene Schicksal hat sie 2002 ihren ersten eigenen Film »Chance« abgedreht, in dem sie außerdem die Hauptrolle spielt. »Chance« ist eine Twentysomething-Komödie mit moderat finsteren Untertönen: vermögende Tochter namens »Chance« lebt mit coolem Schnorrer (James Marsters, a.k.a. »Spike«) in komfortabler Wohnung, wird von weinerlichem Fernsehdarsteller verfolgt, mit dem sie ein einziges Mal aus Daffke ins Bett gegangen ist und der seither wähnt, er liebe sie, die sich aber stattdessen in einen schwulen Nachtclub-Sänger verguckt und ansonsten plötzlich ihre von daheim ausgerissene Mutter am Hals hat, welche wiederum neuerdings auf Scheidung von Chances Papa aus ist, weil der ihr irgend so eine junge Urschel vorzieht, die allerdings skandalöserweise ursprünglich Mama selbst für gewagte Dreier-Sex-Experimente angeschleppt hat. Und dann gibt es da noch diese junge Drogensusi, die Chance eines Abends aus schlecht beratener Spontanlust mit nach Hause nimmt und dann morgens als Leiche im eigenen Bett findet ... das Leben eben, wer kennt es nicht?

Der Film ist wahnsinnig nett, nimmt Publikum, Zuschauer, Konsumenten und vielleicht auch dich schleichend aber unwiderruflich für sich ein und wurde nicht nur in Heimarbeit mit viel Spucke und Liebe zusammengeklebt, sondern wird auch von den an dieser Bastelei beteiligten Menschen in riskant unabhängiger Weise auf Video und DVD vertrieben.

Drum sei schön Indie und bestell das Ding auf chancemovie, lies aber vorher bitte noch kurz ins untenstehende Interview mit der extrem beeindruckenden, sehr beredten und ausgesprochen netten Frau rein, der wir das alles verdanken, danke sehr.

Ladies und Consumers, we give you – Amber Nicole Benson:

DU KOMMST JA VON »BUFFY, THE VAMPIRE SLAYER«, EINEM DER TEXTORIENTIERTESTEN VISUELLEN KUNSTWERKE, DIE ES GIBT – WER HAT DENN DAS KOMMANDO IN DEINEM EIGENEN INNEREN STUDIO: DIE AUTORIN, DIE REGISSEURIN, DIE SCHAUSPIELERIN? SCHALTET DAS UM, GIBT'S MULTITASKING?

(Störender Krach)

Naja, vielleicht eine Art von Multi- äh Dings ... Es fällt schwer, sich hier zu konzentrieren, mein Hirn befindet sich sowieso schon an fünf verschiedenen Orten gleichzeitig. Also, da ich ja von »Buffy« komme ... das hat sich immer sehr an den Autorinnen und Autoren orientiert, und so habe ich dort einen Haufen Zeit mit diesen Leuten verbracht, mit Joss Whedon und Marti Noxon, einfach, weil mich deren Köpfe so fasziniert haben. Besonders Joss, der ist einfach ein sehr begabter Mensch. Man weiß sofort, dass man ein Drehbuch von ihm in der Hand hält, wenn es so eine seltsame intuitive Qualität hat, wenn es verrückt ist und interessant: man liest's und ...

MAN WEISS NICHT, WORAUF'S HINAUSLÄUFT.

Genau. Man hat das Gefühl, das alles passiert einem gerade, es ist so wirklich, wie's nur geht, obwohl es all diese Vampire und Magie und Gottweißwas drin hat, weil es einem diese einleuchtenden Intuitionen mitteilt darüber, was das eigentlich ist, so ein Mensch. Bei mir selber wiederum ... Ich betrete den Set und hab dieses Ding geschrieben, und ich möchte natürlich so viel wie möglich von dem, was ich geschrieben habe, dort umsetzen, wenn ich's mit den Schauspielern und den Leuten von der Crew und so fort zu tun kriege. Aber ich habe rausfinden dürfen, wenn man nicht offen ist für Kompromisse, wenn man anderen Leuten nicht zuhören kann, dann entgeht einem viel. Ich denke, das war auch gut an »Buffy«: Obwohl Joss derjenige war, der wusste, was passieren würde, war er trotzdem offen für Beiträge anderer.

AUCH VON SCHAUSPIELERN?

Von allen. Es war eine sehr offene Veranstaltung. Wir sind an Wochenenden zu ihm nach Hause gegangen, weißt du, haben zusammen Shakespeare gelesen, solche Sachen. Er hat Dinge aufgegriffen, die man im Gespräch zu ihm gesagt hat, und hat sie manchmal in seine Drehbücher eingearbeitet, das war schon seltsam.

NUR BEI DER FIGUR, DIE MAN SELBER SPIELEN SOLLTE, ODER ...

Alle Figuren, kreuz und quer, wo es grad passte.

ICH HABE MIR EIN PAAR DER SPIELFILME ANGESCHAUT, IN DENEN DU MITSPIELST – DA GAB'S »KING OF THE HILL« UND NATÜRLICH »THE PRIME GIG«, WO WIR NICHT MAL EINE VOLLSTÄNDIGE SZENE MIT DIR IM MITTELPUNKT KRIEGEN, OBWOHL DU EINMAL DIE SZENE KASSIERST, MIT DIESEM GRINSEN. MÖCHTEST DU WAS ÜBER DIE UNTERSCHIEDE ZWISCHEN FILM- UND FERNSEHARBEIT ERZÄHLEN?

Also: Bei Filmen kann man länger probieren und sich die Figur erarbeiten, über einen längeren Zeitraum, während man bei »Buffy« einfach reingeschmissen wurde. Man braucht beim Film – und bekommt manchmal sogar – drei Monate, um diesen Ort zu betreten, sich wohnlich zu machen, diese Filmwelt. Bei »Buffy« hatte ich drei Jahre, aber ich wurde jedes Mal neu reingeschmissen. Man muss die Figur dann einfach erschaffen (schnippt mit den Fingern), das Gefühl so erzeugen (schnippt), es gab keine Proben. Man geht rein und macht's. Manchmal überwältigt einen das. Ich kenne viele Schauspieler, die sich sehr gern vorbereiten, sehr gerne lange an der Sache arbeiten. Das geht aber beim Fernsehen nicht, denn man kriegt das Drehbuch am Abend vorher, es ist einfach keinerlei Zeit dafür vorgesehen. Ich habe noch andere Fernsehsachen gemacht, bisschen kleineres Zeug, winzige Gastauftritte hier und da, aber nichts, das so intensiv war. »Buffy« ist wirklich, als ob man einen kleinen Film dreht – nur ohne die Zeit. Man kriegt acht Tage, fertig. »Buffy« ist eine der sehr wenigen Shows, die auf 35mm-Film gedreht werden. Die meisten werden auf 16mm oder High Definition gedreht. »Buffy« hat man auf 35mm gedreht und dann auf Video überspielt. Das hat Auswirkungen auf die Qualität, darauf, wie das Ding aussieht. Es wird dadurch dunkel und schön und reichhaltig.

AKTUELLE UND MITTELFRISTIGE FILMPROJEKTE?

Ich habe gerade in einem Independent-Film namens »Held Together« gespielt, den wird man an den üblichen Independent-Orten sehen können. Hier in Europa befinden wir uns in der Pre-Production-Phase für einen neuen Film, den wir im Sommer in Manchester drehen werden, »Watchful Eyes«. Das ist so ein futuristisches Krimi-Drama, ich darf Leute erschießen, es ist sehr aufregend.

DIE MEISTEN LEUTE, DIE »CHANCE« BESTELLT UND GESEHEN HABEN, WISSEN WAHRSCHEINLICH, WIE HINGEBUNGSVOLL DICH DEINE FAMILIE UNTERSTÜTZT. KLINGT NICHT SEHR NACH HOLLYWOOD. WIE FORMT DIESE UNTERSTÜTZUNG DEINE KUNST?

Schau dir Kunst im Laufe der Jahrhunderte an, und du siehst diese Leute, die sich auf ihre Arbeit konzentrieren. Sie hatten, tja, weißt du, ihre Mäzene. Die kauften ihnen ihre Erzeugnisse ab oder gaben ihnen Geld oder Obdach, sodass die Künstler weiter Kunst machen konnten. Heute gibt's das nicht mehr. Heute kämpfen die Leute damit, sich ihren Lebensunterhalt als Künstler zusammenzukratzen, und müssen irgendwelche anderen Jobs annehmen. Sie leiden darunter, weil sie finanziell als Künstler nicht überleben können. Ich habe dieses Supportsystem, bei dem ich machen kann, was ich will, und um mich sind diese Leute, die sich verhalten, als wären sie meine Mäzene.

KÖNIGE VON FRANKREICH.

Genau. Meine Mutter, meine Schwester, mein Dad: meine Familie, das Fürstentum Benson.

WANN UND WIE HAT DIESE LAUFBAHN ANGEFANGEN?

Ich mache das hier, seit ich ein kleines Mädchen war. Theater, Tanz ... so hat's angefangen. Das Tanzen hat mir keinen Spaß gemacht, aber der Applaus. Und es gab immer, und gibt noch, ein Bedürfnis, etwas zu erschaffen, allerdings kann das ganze Zeug, das so einen Schöpfungsprozess begleitet, einen ein bisschen fertigmachen.

PROFESSIONALISMUS UND/ODER/IM GEGENSATZ ZU INSPIRATION: WAS MAN SO ÜBER SARAH MICHELLE »BUFFY« GELLAR HÖRT, IST SIE SO PROFESSIONELL, WIE MAN ÜBERHAUPT NUR SEIN KANN – RICHTUNG JODIE FOSTER. IST DAS EIN MODELL FÜR DICH, WAS HÄLTST DU VON PROFESSIONALITÄT?

Schau dir Sarah einfach mal an – sie hat eine sehr analytische Herangehensweise – und gibt das auch zu. Sie kommt zum Drehort und weiß, wo ihr Licht ist, sie kennt ihren Text todsicher auswendig. Sie weiß, wo sich alles in Relation zu ihr befindet, sie weiß, wie man die Arbeit erledigt, ohne dafür zehn Takes zu brauchen. Man braucht vielleicht zwei Takes, damit hat sich's. Manche Schauspieler kennen ihren Text nicht, wissen nicht, was sie tun sollen, alles braucht Ewigkeiten. Sarah hat immer alles im Griff, das achte ich sehr hoch. Ich versuche, in meinem Arbeitsumfeld auch so zu sein, denn es hängen zu viele Leute von dem ab, was du machst. Man kann nicht einfach rumalbern und Mist bauen. Sarahs Professionalität ist für manche Menschen sehr einschüchternd. Aber wenn sie sich's mal realistisch überlegen und sich fragen, wieso jemand so ist – na ja, es geht eben darum, seinen Job zu erledigen, damit man nicht zwanzig Stunden dran rummacht, was bei »Buffy« durchaus passieren konnte. Wir haben ganze Tage dort verbracht.

WAS BEDEUTET DIR KÜNSTLERISCHE KONTROLLE, VERFÜGUNG?

Also, als Schauspieler hat man ja überhaupt nichts zu sagen. Die einzige Macht, die man hat, ist die über die eigene Leistung. Und selbst die behält man nicht, denn irgendein Mensch, der den Film zusammenschneidet, kann alles völlig verändern, was du gemacht hast. Als Autor hat man ein bisschen mehr Macht, man erschafft ja das Ding, auf das sich alle andern beziehen, das sie benutzen, aber auch da kann jemand hergehen und das Ding völlig verändern: Redakteure, Regisseure, Produzenten. Wenn man allerdings jemand ist, der, na sagen wir mal, das, was man macht, selbst produziert und geschrieben hat und die Regie führt und auch noch drin mitspielt, dann hat man die Hand am Hebel. Genaugenommen gehört die Hand am Hebel meiner Mutter – sie hat aufgepasst, dass ich das Budget nicht zu arg überschreite. Wir haben sehr viel in Post-Production investiert.

WENN MAN SICH REGISSEURSKARRIEREN SO ANSCHAUT, LIEGT DER KÜNSTLERISCHE MEHRWERT IMMER IN RICHTUNG VON MACHTZUWACHS. DER SPÄTE KUBRICK KONNTE SICH ALLES ERLAUBEN: TOM CRUISE DURCH EINEN BESENSTIEL ERSETZEN ...

Und drei Jahre darauf verwenden, dem Besenstiel beizubringen, das zu tun, was von ihm verlangt wurde.

Das Interview ist zuerst in der SPEX erschienen.