Amerikanische Verhältnisse
Drei Jahre vor den »Sopranos«, startete in den USA eine Serie namens »OZ«, ebenfalls von HBO produziert, die nie ihren Weg ins deutsche Fernsehen schaffen wird. Dabei lässt sich an ihr wunderbar zeigen, was wo falsch und woanders richtig gemacht wird. Also schnall dich an Dorothy...
Kansas is going bye-bye!
»Life in Oz sucks, and only a fool or a Republican will tell you different.«
(Prisoner #95H522 Augustus Hill)
Die räumliche Geschlossenheit ihres Szenarios prädestiniert die Gefängnisserie Oz zu sein, was manche Kritiker, mal anerkennend, mal spöttelnd, eine „Prison Soap Opera“ genannt haben. Es geht um wechselnde Verbindungen, um Allianzen, um Intrigen, um lange währende Fehden und nicht zuletzt im Liebesbeziehungen. Wer mit wem, ist eine der zentralen Fragen um die sich die Handlung über Wochen hinweg aufbaut.
Genau diese Zeitspannen werden in deutschen Pendants und ihren amerikanischen Vorbildern aus den vergangenen Jahrzehnten, lieber für das altbewährte Prinzip Crime-of-the-Week genutzt. Von der ARD Eigenproduktion „Stahlnetz“, bis zu den 80er Jahre Ikonen „Magnum“ und „Miami Vice“ zieht sich ein einheitliches Muster durch die Produktion, das heute in „Balko“ und „Alarm für Cobra 11“ sein anachronistisches Fortbestehen feiert. Im Vordergrund steht der Gedanke, Blockbusterkino fürs Fernsehen zu machen, was schon aufgrund der Produktionsbedingungen scheitern muss. Die Zeitpläne sind viel knapper bemessen und die Budgets bleiben weit hinter denen für die große Leinwand zurück. Nichtsdestotrotz wird in jeder Folge versucht ein kleiner Actionfilm zu sein, der mit aufgeplusterten Trailern zum einmaligen Spektakel gepuscht wird. Was bleibt ist ein fahler Nachgeschmack. Zumal die Protagonisten sichtlich unberührt bleiben von dem, was um sie herum geschieht. Stoisch klammern sie sich an die ihnen einmalig zugeschriebenen stereotypen Charaktereigenschaften. Balko ist jede Woche wieder Balko (Interessanterweise ist es gerade deshalb überhaupt kein Problem den ihn darstellenden Schauspieler mitten in der Serie auszutauschen). Die Handlung die er durchläuft orientiert sich an einem immergleichen Schleifenprinzip. Anstatt sich die Offenheit des Formats Serie zunutze zu machen, muss alle Motivation aufs Neue in 45 Minuten abgewickelt werden, obwohl es so viel Zeit gäbe zu erzählen. Die englische Daily Soap „The Guiding Light“ läuft immerhin schon seit 58 Jahren. Damit dürfte sie auch den ein oder anderen Fan überlebt haben. Derartige narrative Langzeitexperimente waren vornehmlich mehr oder minder biederen Familiendramen vorbehalten, bis 1990 Mark Frost und David Lynch mit Twin Peaks neue Maßstäbe setzten. Grundlegende Erzählstrukturen der menschelnden Familienclangeschichten wurden mit einer mystisch-morbiden Kriminalfall gepaart. Das Human Interest Genre traf auf inhumane Rahmenbedingungen. Wer in Twin Peaks ermittelt, in Sunnydale Dämonen vermöbelt, in LA ein Bestattungsunternehmen erbt oder in Oz einsitzt bleibt nicht derselbe. Er verändert sich.
Der Gefangene Nummer 97B412, Tobias Beecher, ein kreuzbraver Anwalt, den eine volltrunkene fahrlässige Tötung nach Oz gebracht hat, ist dafür in der ersten Staffel das beste Beispiel. Die acht jeweils einstündigen Episoden Zeit um seinen Weg vom verängstigten Außenseiter zum psychopathischen Racheengel zu zeigen, entschleunigen seine Entwicklung und werden ihrer Komplexität damit gerechter. Durch den verlängerten Erzählzeitraum schaffen Serien wie OZ zweierlei. Zum einen bietet sich die Gelegenheit über mehrer Folgen hinweg die Subjektpositionen zu wechseln. Beecher spielt für ein paar Folgen nur eine Nebenrolle und macht Platz für andere Insassen, nur um später wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Ein stetes Entfernen und wieder Heranzoomen. Diese Multiplikation der Handlungsträger ermöglicht einen Pluralismus, der Weltsichten und Wahrheitsansprüche relativiert. Zum Zweiten akkumuliert die Fernsehserie, so sie sich ihrer Stärke bewusst ist, Geschichte, ohne unter dem Druck zu stehen diese am Ende auflösen zu müssen. Jede Folge kopiert dabei nicht, wie gerne behauptet wird, nur das Prinzip des Pilotfilms, sondern koppelt sich automatisch an das Vorangegangene und potenziert dadurch ihre Komplexität. Das funktioniert auch rückwirkend. Wer sich wieder zum Anfang begibt sieht, sein Wissen um die zukünftigen Entwicklungen als Hintergrund, einen anderen Tobias Beecher Oz betreten als beim ersten Mal. Deshalb ist es auch so bedauerlich eine Episode auszulassen. Nicht weil es dann nicht mehr möglich wäre der Handlung zu folgen, sondern weil dem Zuschauer eine weitere Ebene des Geschehens und der Tiefe der Charaktere entgeht. Deshalb machen gute Serien süchtig.
Dass dabei, im Fall von Oz, die Kamera ihr Gefängnis nur verlässt, um in Form von Flashbacks die Taten der Insassen zu rekapitulieren, vermittelt eine dem Gefängnis innewohnende architektonische Panik. Eine Folge gleicht der anderen. Jede Woche dieselben Gesichter, dieselben verglasten Zellen, dasselbe ebenso autoritär wie teilnahmslos gebellte „lights out“ der Wärter. Die Hölle die Oz ist, erschließt sich über Routine. Eine Routine der auch und vor allem der Zuschauer nicht entkommt. Weitergedacht sind es Fernsehprogramme die die Zeitplanung, bis hin zum kompletten Tagesablauf eines nicht unerheblichen Teils des Publikums bestimmen. Die Teilnahme an der fiktionalen Realität einer Serie schließt dabei manchmal auf die Realität des Zuschauerlebens zurück. Tom Fontana, der Schöpfer von Oz, hat nicht von ungefähr vom Fernsehen als „national townhall“ gesprochen. Und auch wenn der Vergleich hinkt, weil die Partizipation des Zuschauers eine rein passive ist, leitet Fontana daraus doch immerhin für sich selbst ein Maß an politischer Verantwortung für den eigenen Output ab. Folgerichtig geht es neben dem üblichen verdächtigen Themen Tod, Drogen, Schuld und Sühne, Ehre und Verrat, in Oz zwangsläufig auch um die Frage, wie das denn funktionieren soll mit dem Vollziehen von Strafen. Schon die Entstehung der Entwicklungsromans im 18. Jahrhundert mit seiner individualisierten Narration hat einen Nachhall im Strafvollzug gefunden. Das neue Bild vom Menschen hatte eine neue ethische Verantwortung im Schlepptau. Auch die relativierte Erzählstruktur von Oz wird den ein oder anderen richtigen Gedanken in den Köpfen seiner Zuschauer auf den Weg gebracht haben.
Aller Ambition und aller Qualität zum Trotz hat es die Show in den sechs Jahren ihrer Existenz nicht geschafft auch nur einen einzigen Emmy zu gewinnen. Dieses Privileg blieb den nachfolgenden Sopranos vorbehalten. Vielleicht auch weil Oz eine Spur zu schmerzhaft ist, eine wenig zu sehr den Finger in die Wunden einer nicht nur amerikanischen Gesellschaft legt.
Der veränderte amerikanische Umgang mit Serien ist sich des Stellenwertes und des Potenzials seines Mediums bewusster denn je. Multiplizierte Subjektpositionen und die Abkehr von plumpen Kausalitäten hin zu prozesshaften Motivationsstrukturen erzählen ambivalente Geschichten. Gut gegen Böse war gestern, heute regiert die Relation. Umso peinlicher, dass das deutsche Fernsehen jahrzehntelang nichts besser konnte als amerikanische Serienformate zu adaptieren und genau an dem Punkt, wo es richtig spannend wird, scheinbar nicht mehr in der Lage ist mitzuziehen. Lieber kocht man die alte Suppe noch mal auf und gefällt sich in monoschematischen Lästerspielen. Dabei sind Amerikaner, in ihren Serien und anderswo, meistens sowieso die viel schlaueren Anti-Amerikaner.
Text: Hias Wrba
Eine Kurzfassung dieses Textes bereits ist in Spex erschienen.
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