Jack Black: Diese Krankheit ist ein Segen
»Manche Leute machen sich halt gerne zum Narren«, bemerkt der Trinkbruder abschätzig nach ein paar Gläschen Wodka, als ich ihm erzähle, dass ich Jack Black interviewen möchte.
Die Bluesbrüder John Belushi und Dan Aykroyd sollen einander nach ein paar Nasen Koks geschworen haben, auf der Beerdigung des jeweils anderen das Ventures-Stück »2000 pound-bee« zu spielen. Ob Aykroyd das Versprechen 1982 eingelöst hat, weiß ich nicht. Bei dem Stück könnte es sich aber um jenes »beste Lied der Welt halten«, das Jack Black und Kyle Gass anno 2003 partout nicht erinnern können, als der Teufel (Dave Grohl) genau dieses von ihnen hören will. Der intelligente Einfall der beiden, dem besten Lied der Welt dehalb mit einer Eigenkomposition Tribut zu zollen, ist der Clou der Tenacious D-Single »Tribute«. Die affigen Grimassen, die lächerlichen Posen, den wahnsinnigen Blick und die euphorisierende Bruststimme; den vollen Körpereinsatz eben, mit dessen Hilfe Jack Black den Teufel im Videoclip in die Knie zwingt, hätte auch der selige Belushi kaum besser hinbekommen.
Seit seiner Rolle in Tim Robbins' Polit-Film »Bob Roberts« (1992) hat der umtriebige, mehrere Professionen zeitgleich ausübende Black zum Beispiel in mindestens drei Millionen Filmen mitgespielt. In »True Romance«, »Demolition Man«, »Cable Guy«, »Mars Attacks«, »High Fidelity« u.a. ist er dabei mal mehr, mal weniger, mal gar nicht aufgefallen. Seine Performance in Richard Linklaters »School of Rock« hat Andreas Busche für SPEX in Augenschein genommen (siehe letzte Ausgabe).
Ein Blick auf die Tenacious D-Homepage verschafft dem Unwissenden eine Ahnung davon, wie die Reform des Bösen ausschauen könnte, die der Künstler Dieter Roth in seinen famosen 100 Fragen an ihn selbst als dringend zu unternehmende Reform angegeben hat. Zur Hölle mit dem Vorwurf der kommerzialisierten Albernheit! Kyle Gass und Jack Black haben unter ihrem nom-de-Klamauk Stücke geschrieben und dargeboten, die der helleren Seite Jello Biafras zur Ehre gereichen (»Hornet's Nest«). Außerdem haben sie zwischen Negation und Affirmation pendelnde Parodien auf industriell fabrizierte Kinohits abgeliefert. Kleine Meisterwerke, die zum Teil die albernen Originale in superkühlen Schatten stellen (»Lord of the Piercing«).
Der Mann mag ein Narr sein, ein bloß komisch verzerrtes Abbild diabolischer Fratzen sind seine geschnittenen Gesichter und seltsamen Bewegungsabläufe aber nicht. Weil er nämlich weiß, dass der Teufel wohl kaum als (eine) Person existiert, er ihm aber trotzdem gerne in den Arsch treten würde. Der Narr, der nicht mehr allein den Herrscher unterhält sondern die komplette Vielheit der Beherrschten, wird also zum massenkompatiblen Künstler. Jack Blacks Kunst ist eine ernste Angelegenheit.
Der Stress, den die Berufung mit sich bringt, fordert inzwischen offensichtlich seinen Preis. Jack Black macht keinen besonders fidelen Eindruck, als er in samtener Jogginghose (!) das viel zu kurze Interview über sich ergehen lässt. Es bleibt noch weniger Zeit als vermutet für den ganzen Gesprächsstoff, der im Raum steht, weil er spricht, als habe man ihn gerade aus einer sehr intensiven Meditation gerissen. Meine Vermutung, dass für Jack Black bereits die Tatsache, dass niemand eine Kamera auf ihn richtet, ein effektives Beruhigungsmittel darstellt, kommentiert eine Freundin nach einer Tafel Schokolade mit der Bemerkung: »Kann doch keinen Spaß machen, einen Komiker zu befragen, der stoned ist.« Ja, schade. Wir hätten uns sicher noch ein wenig ausgiebiger über Tod und Teufel unterhalten können. In Sachen Sonderteil hätte sein kurzes Engagement bei der Serie »Mr. Show« ein ebenso gutes Thema abgegeben wie sein Verhältnis zum Mythos »Saturday Night Life«. Da wären wir wieder bei Belushi, Aykroyd, Chevy Chase und so vielen anderen Unsterblichen gelandet. Beim nächsten Mal in diesem Theater.
DER FILM, DEN RICHARD LINKLATER DIR ZU EHREN GEDREHT HAT, SOLLTE NICHT »SCHOOL OF ROCK« HEISSEN, SONDERN VIELLEICHT EHER »ROCK THE SCHOOL«. DEINE PERFORMANCE IST EIN SCHÖNER BEITRAG ZU JEDER DISKUSSION ÜBER BILDUNGSMISEREN. HATTEST DU SELBER EINE GUTE ZEIT IN DER SCHULE?
Nein! Und ich war damals in großer Sorge. Viele Erwachsene hatten mir nämlich erzählt, dass ich meine Schulzeit - »die beste Zeit des Lebens« - unbedingt genießen müsse. Das hat mich sehr deprimiert, weil mir dadurch ein absolutes Horror-Leben prophezeit wurde. Ich habe die Schule gehasst! Es hat sich aber glücklicherweise herausgestellt, dass die Sprücheklopfer nicht Recht behalten sollten. Das waren ganz bestimmt die schlimmsten Jahre meines Lebens. Das schwierigste Aufgabe in der Schule war, während des Unterrichts nicht einzuschlafen. Ich hatte zwar ansprechende Noten, aber ich hatte keinen Spaß. Naja, es gab Ausnahmen, ein paar Lehrer, die die Sache interessant gemacht haben -- meinen Schauspiel-Lehrer zum Beispiel. Wie ein paar andere, war er ein bisschen durchgeknallt und sehr leidenschaftlich, was sein Fach betraf. Ich muss wohl hinzufügen, dass Lehrer in den USA ziemlich beschissen bezahlt werden. Das sind die ärmsten Schweine.
DIE GESCHICHTE KAM MIR VOR WIE EINE ELEKTRISIERTE VERSION VON »DEAD POET'S SOCIETY«...DER WAR JA EIGENTLICH RICHTIG DOOF.. .
Mike White, der Drehbuchautor, mit dem ich befreundet bin, hat mir die Rolle auf den Leib geschneidert. Er wird sich etwas dabei gedacht haben. Ich fand die Idee von Anfang an sehr spaßig.
WENN DEIN SCHAUSPIEL-LEHRER DAMALS IN SEINER KLASSE SO EINE BAND GEGRÜNDET HÄTTE WIE IM FILM, WELCHEN PART HÄTTEST DU DANN WOHL ÜBERNOMMEN?
Ich habe erst mit 23 Jahren angefangen, Gitarre zu spielen. Davor konnte ich kein Instrument spielen. Das heißt, ich wäre wohl der Sänger gewesen. Vielleicht hätte ich mich aber auch um das Artwork des Plattencovers gekümmert. Ich zeichne sehr gerne und habe schon ein paar Tenacious D-Plattencover gemacht.
INTERESSIERST DU DICH GENERELL FÜR BILDENDE KUNST? GEHST DU GERNE IN MUSEEN?
Yeah. Manchmal.
VOR EIN PAAR TAGEN WAR ICH IN EINER AUSSTELLUNG, EINER RETROSPEKTIVE DER ARBEITEN DIETER ROTHS. DORT GAB ES EINE MENGE BESUCHER, DIE AUSGELASSEN GELACHT HABEN. SOWAS SIEHT MAN IM MUSEUM EHER SELTEN...
Yeah. Was hat dieser Roth gemacht?
IM WEITESTEN SINN FLUXUS. WENN IHM SEINE ZEICHNUNGEN NICHT GEFALLEN HABEN, HAT ER EINEN TOPF SUPPE DARÜBER GESCHÜTTET UND SIE DANACH AN DIE WAND GEHÄNGT.
Klingt cool.
AUSSERDEM HAT ER HAUFENWEISE SCHEISSE-GEDICHTE VERFASST...
Wow! Shit Poems? Hat er die auch an die Wand gehängt?
WORAUF ICH HINAUSWOLLTE: ES WAR IHM OFFENSICHTLICH WICHTIG, DIE LEUTE ZUM LACHEN ZU BRINGEN - TROTZ ODER GERADE WEGEN ALL DER SCHEISSE. DAS IST AUCH DEIN JOB...
Yeah. Du willst jetzt wissen, warum ich das überhaupt mache? Es ist einfach das, was ich am besten kann. Ich habe auch schon andere Sachen gemacht. Ich habe es mit ernsthafter Musik versucht, aber das hat nicht besonders gut funktioniert. Ich habe es mit seriösen Rollen probiert, aber die sind einfach nicht meine Stärke.
HAMLET?
Nein, den habe ich noch nicht gespielt. Ich hatte eine kleine Rolle in »Dead Man Walking« mit Sean Penn. Ich habe einen seiner Brüder gespielt. Das habe ich nicht gut hinbekommen (lacht). Schon okay, das war nicht nur meine Schuld. Ich bin sehr zufrieden mit meiner Karriere, habe einen guten Groove gefunden.
IMMERHIN HAST DU DIE BESTE BAND DER WELT GEGRÜNDET.
Das stimmt! Tenacious D!
WO STECKT DEIN PARTNER KYLE? VERMISST DU IHN NICHT?
Oh Gott! Nein! Es ist ja bekannt, dass all die berühmten Duos der Unterhaltungs-Industrie an irgendeinem Punkt ihrer Karriere zu erbitterten Feinden geworden sind. Dieses Schicksal ist uns bislang erspart geblieben. Trotzdem brauchen wir manchmal Abstand voneinander.
IHR SEID WIE EIN ALTES EHEPAAR?!
Ganz genau. Ein ziemlich fieses, ziemlich altes...
DU HAST EBEN ERZÄHLT, DASS DU DICH AUCH SCHON IM SERIÖSEN FACH VERSUCHT HAST. ABER IST NICHT DIE ARBEIT EINES COMEDIAN EINE VERDAMMT ERNSTHAFTE ANGELEGENHEIT?
Du hast Recht. Diese Arbeit ist nicht einfach. Es hat mich viele Jahre meines Lebens gekostet, herauszufinden, wie man andere Leute zum Lachen bringt. Schon in der Schule war ich der Klassenclown, aber damals hat noch niemand über meine Witze gelacht. Ich weiß, das muss ziemlich traurig für dich klingen, und das war es ehrlich gesagt auch. Ich wollte der Clown sein, weil ich unsicher war. Ich wollte mehr Aufmerksamkeit. Es war nicht so, dass sich meine Eltern nicht richtig um mich gekümmert hätten. Es liegt mir einfach im Blut, steckt in meinen Genen, dass ich mehr Aufmerksamkeit brauche als andere - und immer mehr und mehr und mehr....Ich bin davon überzeugt, dass es den meisten Performern so geht. Sie brauchen ein Publikum, weil sie sich unsicher fühlen. Das ist eine Krankheit, die einen unter Umständen reich machen kann. Sie ist sozusagen ein Segen.
WIRD ES KRITISCH, WENN DU MERKST, DASS DIR JEMAND DIE SHOW STIEHLT?
Wer sie stiehlt, wird dafür bezahlen.
ERINNERST DU DICH AN DEN BITTERSTEN MOMENT DEINER KARRIERE?
Es ist immer beschissen, wenn ich auf dem Set den Eindruck habe, dass die Kollaboration mit dem Regisseur nicht funktioniert. Bei »Shallow Hal« und den Farrellys war das der Fall...
WIE WAR DIE ZUSAMMENARBEIT MIT LINKLATER?
Viel besser.
IST ER EIN LUSTIGER BURSCHE?
Oh, er kann sehr komisch sein. Nein, nicht wirklich. Er...ist ein verdammt ernster Typ. Immerhin hat er Sinn für Humor. Linklater hat mich nicht zum Lachen gebracht. Er konnte aber über mich lachen, also waren wir uns einig. In meinen Augen besitzt er den richtigen Instinkt. »School of Rock« hätte ein richtiger Scheißfilm werden können, aber Linklater hat nichts übrig für Klischees. Das ist eine sehr gesunde Abneigung. Natürlich ist der Film leichte Kost, einfache Unterhaltung. Gott sei dank ist er nicht zu süß geworden. Dann müsste ich mich dafür schämen. So aber kann ich stolz auf diese Arbeit sein. Es gibt gute und schlechte »crowd pleaser«. Das ist ein guter.
NACH DER PRESSEVORFÜHRUNG HAT EINER DER ANWESENDEN FILKRITIKER SICH LAUTHALS DARÜBER BEKLAGT, DASS DIE KIDS IN »SCHOOL OF ROCK« MIT FÜRCHTERLICHEM ARTROCK ERZOGEN WERDEN.
Wirklich? Das gefällt mir! War er echt wütend? Hat er richtig herumgebrüllt?
ER WAR SAUER.
Dann wird er die eine schlechte Kritik schreiben, die es immer gibt. Das befürworte ich sehr. Wenn du einen Film machst, aus dem nicht wenigstens eine Person stinksauer rausgeht, hast du definitiv etwas falsch gemacht - vor allem, wenn es ein Film über Rock ist. Ist es nicht die Essenz von Rock, ein paar Leute echt wütend zu machen? Schon klar, dass Leute, die auf klassische Rocksongs stehen, heute in der Regel 40 bis 50 Jahr alt sind und nicht mehr so rebellisch...Man muss aber deren Leidenschaft auch respektieren, wenn sie leidenschaftlich ist. Was meinst du?
NUN, ES KANN NICHT SCHADEN, WENN WÜTENDE MENSCHEN MUSIK MACHEN...
Yeah. Du sagst es.
...UND DAS MUSS JA NICHT JEDEM IN DEN KRAM PASSEN. AUSSERDEM GIBT ES VERSCHIEDENE FORMEN DER WUT, VERSCHIEDENE ZEITEN, VERSCHIEDENE ARTEN VON ROCK, UND ES GIBT ARTROCK. SO ETWA?
Yeah. Richtig.
GIBT ES ROCK-MUSIK-FILME, DIE DIR GEFALLEN?
Die Frage ist eine harte Nuss. Es gibt nicht allzuviele Filme über Rock, die mir tatsächlich gefallen. Ich stehe auf »Yellow Submarine« von den Beatles. Was noch? Im Grunde mag ich einfach Filme, die Musik auf interessante Art benutzen. Der Score zu »Eyes Wide Shut« hat mir sehr gut gefallen. Das Piano....pling!...pling!...plang!...pling!... Das hat mich berührt. Mark Mothersbaugh und Wes Anderson sind ein gutes Team - hör dir den »Royal Tenenbaums«-Soundtrack an! Ich war früher Devo-Fan. Auf ihrer »Freedom of Choice«-Tour haben sie vor den Gigs Filme gezeigt, die mich echt beeindruckt haben. Noch mehr? Ich liebe die Musik bei David Lynch. Eines Tages möchte ich in einem seiner Filme mitspielen. Das meine ich verdammt ernst.
Text: Wolfgang Frömberg
Der Text ist bereist in der Spex erschienen.
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