Mutti ist an allem schuld
Oskar Röhler hat die Elementarteilchen von Michel Houellebecq verfilmt: Bruno alias Moritz Bleibtreu sitzt in Berlin in einer gediegenen Hotelhalle dem Literaturagent eines grossen deutschen Verlages gegenüber und wartet gespannt auf dessen Urteil. Beinahe hysterisch fängt dieser an zu lachen. »Das ist gut«, sagt er, und zieht dabei das »u« betont in die Länge. »Das ist reaktionär, das ist rassistisch, das ist provokativ.« Moritz Bleibtreu schaut ein wenig irritiert, er weiß nicht, ob er sich freuen soll, er kann die Reaktion nicht dechiffrieren. Er scheint es nicht darauf angelegt zu haben, rassistisch und reaktionär zu sein, er hat eben aufgeschrieben »was er sich so denkt«. In seiner Geschichte spielen die Wörter Tier, Neger und Schwanz eine wesentliche Rolle. »Und, veröffentlichen Sie es nun?« Daraufhin wird Bruno spöttisch ausgelacht. »Was meinen Sie, was dann los wäre? Sowas kann man nicht veröffentlichen, so gern ich das tun würde.«
Die gedankliche Plattheit der Figur Bruno ist von den differenzierteren Ausführungen Houellebecqs weit entfernt, doch trifft die Szene wohl den Punkt, was mit den Romanen Houellebecqs in der öffentlichen Wahrnehmung geschieht: die Rezeption einer Provokation und die lukrative Freude an einem Literatur-Skandal. Auf dem Buch-Cover der deutschen Ausgabe von »Elementarteilchen« wird Houellebecq dann auch zitiert: »Seien Sie richtig gemein, dann sind Sie wahr...«. Diese Wahrheit richtet sich vor allem gegen ein Abkommen wie political correctness und Feministinnen, die meistens entweder »dröge«, »zickig« oder »verbiestert« sind. Französische Theorie von Foucault bis Deleuze wird im Nebensatz vom Tisch gewischt, stattdessen vertritt in der Nachrede eine Figur die wiederum als provokant ausgestellte These: »Die Wandlung findet nicht im Geist statt sondern in den Genen.« Dieselbe Figur wird daraufhin mit den Worten charaktersiert: »Er sagte bei allen Gelgenheiten ziemlich genau das, was er dachte, und diese unkomplizierte Art hatte eine verheerende Wirkung auf seine Gegner, die sich in Widersprüchen und begrenzten Vorstellungen veralteter Ideologien verstrickten.«
Oskar Röhler hat einen französischen Bestseller verfilmt und mit der prominentesten Riege deutscher Schauspieler besetzt. Bernd Eichinger hat produziert und dass er nicht davor zurückschreckt, als unverfilmbar geltende Bücher auf eine Geschichte runterzubrechen, dürfte sich inzwischen rumgesprochen haben. Auf diese Weise verkürzen sich die theoretischen oder literarisch-wissenhaftlichen Abhandlungen Michel Houellebecqs auf Dialoge und Handlung.
Bruno und Michel sind Brüder und was sie vor allem unterscheidet, ist ihr Verhältnis zum Sex - sexuelle Obsession vs sexuelles Desinteresse. Schuld daran ist eine egoistische Mutter, die vor allem an sexueller Befreiung interessiert war. Christian Ulmen alias Michel übernimmt die Rolle des Wissenschaftlers, der an einer Formel zur künstlichen Reproduktion arbeitet. Das Bedürfnis, sich zu paaren und Kinder in die Welt zu setzen ist ihm gänzlich fremd. Dafür macht er sich eine Menge Gedanken, doch davon erfahren wir fast nichts. Eine größere Rolle spielen alte Fotos der Kinder- und Jugendliebe Annabelle.
Man muss sich Michel Djerzinski als einen sympathischen Menschen vorstellen. Und das ist möglicherweise das interessanteste and diesem Film. Christian Ulmen bildet mit seinem reduzierten Spiel und seiner weichen, minimalen Mimik eine weite Projektionsfläche. Zynismus scheint ihm fremd. Er wirkt eher wie ein Fremdkörper, ein vernünftig flegmatisches Korrektiv entgegen einer als natürlich behaupteten Triebstruktur. Einer, »dem man nicht ansieht, was er da plant«. »Sie sind der einzige, der mich nie gelangweilt hat«, wird sein Chef im Institut bei seinem Abschied sagen und mit einer gewissen Melancholie bemerken: »Man muss bis zum Äussersten gehen«.
Oskar Röhler hat sich davor gedrückt. Dass er »Elementarteilchen« gern selbst geschrieben hätte ist kein Geheimnis und dass er den Tabubruch liebt auch nicht. Das ist nicht besonders schlimm und es hätte womöglich ein frecher Film werden können. Doch womit wir uns nun rumschlagen müssen ist eine Eichinger Produktion. Das heisst Penetranz auf jeder Litfassäule, ein Trailer auf Speed und diese Schauspielerriege, die auch mal sagen darf, »wie es ist«. Das Ende sieht schliesslich liebevolle heterosexuelle Paarbildung vor, imaginierte oder reale - und am Strand haben alle wieder was an. Die Utopie besteht in der Entwicklung eines Körpers, voller erogener Zonen - dagegen kann man nicht viel haben, doch eine soziale Alternative zur biologischen wird als undenkbar hingestellt.
Annett Busch
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