Kitchen Stories

Im August wäre die Filmkriterin Frieda Grafe 70 Jahre geworden. Im Verlag Brinkmann&Bose werden derzeit ihre gesammelten Werke in 12 Bänden verlegt. Just sind erschienen: »Film/Geschichte - Wie Film Geschichte anders schreibt« und »Zwei Jahre aus meinem Leben mit Getrude Stein.«

»Die Perspektive aufs Thema ist exklusiv weiblich. Der Gegenstand wird ernst genommen.« (1) Textanfänge aus dem Jahre 1977: »Mein Blick auf Marlene ist beschränkt und parteiisch. Mich interessiert an ihr nur, was das Kino weiterbrachte.« (2) Das Sehen ist vom ersten Satz an Teil der Sprache, wie der Blickwinkel. Mein Blick auf Frieda Grafe ... . Auf ihre Fotos? Ihren Blick in den Bildern? »Das Bild : Der Text« hieß ein Symposion über Fotografie auf dem Steirischen Herbst 86 und »Bilder illustrieren« der Beitrag von Frieda Grafe, abgedruckt in der Camera Austria 24. Auf den Doppelpunkt hatte sie geschaut, den Link, das Moment der Übersetzung zwischen Bild und Text. »Aber Bilder können auf Gedanken bringen. So lässt sich nämlich der Doppelpunkt auch noch verstehen: sagten die Bilder Doppelpunkt. Und dann, als wörtliche Rede kommt der Text.« Auf dem grobkörnigen schwarzweiß Foto darunter, sieht man von Frieda Grafe eigentlich nur den schemenhaften Umriss ihrer Haare, und die Hand, auf die sie leicht ihren Kopf stützt, ihre Brille kann man erahnen. Eine konzentriert Lesende. Mein Lesen von Frieda Grafe ist das einer Lernenden. Über ein Jahr ist es nun her, dass sie sich in eine andere Welt verabschiedet hat, körperlich abwesend, und so geschieht es, dass die einstige Betrachterin und Analysierende in einer Zeitschrift für Fotografie, selbst Teil einer Bildstrecke wird. Schnappschüsse. Private und freche und freudige Blicke kann man da erhaschen, denen nicht so leicht was einzureden ist. Und man wird meinen, etwas herauszulesen aus diesen Bildern.

(München, 21.11.1967) »Ich bin nicht schön, Sie müssen sich irren; im Augenblick schon gar nicht. Ich bin bleich mit tiefen Schatten unter den Augen«. (Los Angeles, 25.11.1967) »Dein jeweiliger Begriff von deiner eigenen Schönheit ist zu bestreiten. Ich werde doch wohl wissen, was und wie Schönheit ist, mit oder ohne tiefe Schatten unter den Augen. Es gehört so manches dazu, um schön zu wirken, und Du hast viel zu viel, mehr als genug.« (3)

Man sieht Frieda Grafe im Morgenrock an einem Tisch sitzen, gebeugt über Papier und Bücher. In der Ofentür daneben spiegelt sich ein Raum, die Küche, im Regal steht Filmtheorie neben Kochliteratur. Frieda Grafes mobiles Büro, die das Kochen wie das Schreiben gleichermaßen ernst nahm. Sagte das Bild Doppelpunkt. »›My bedrom is my study and my kitchen is my boudoir.‹ (›Boudoir‹ auszusprechen wie von Bogart in THE BIG SLEEP.) In Wahrheit dichtete Frieda am Küchentisch, ihr Schreibtisch stand in ihrem ›Boudoir‹, der mir auch als Schlafstätte diente, das Schlafzimmer war eigentlich eine Küchenkammer.« (4) Den angestammten Platz verlassen. Die blinden Flecken der Gewohnheit unter die Lupe nehmen. Wenn andere ein »selbstverständlich« kolportierten, fragte sie genauer. Da erging es Kracauer nicht besser als Adorno. Tischerücken. »Für mich ist die Sprache, mein Arbeitsmittel, schon so allgemein und stumm, daß meine ganze Mühe, statt auf noch größere Allgemeinheit, darauf sich richtet, die Mauer der Allgemeinheit so dünn zu machen, daß etwas durchschlagen kann von jenseits der Barriere, von meinem Körper, in den so durch und durch artikulierten Sprachraum. Den generativen Grund von Sprache zeigen, ehe sie in kommunizierbarer Form starr wird.« (5)



Frieda Grafes Sprache nährte sich vom Visuellen, von bewegten Bildern. Über Frieda Grafe schreiben heißt, über von ihr übersetzte Bilder und Filme schreiben. »Die Virtualität von Sprache verlor sich mit der Darstellung. Zu inkarniert.« Bemerkte sie zu Marguerite Duras grundlegender Unzufriedenheit, was das Kino mit ihren Texten anstellte. Anlässlich zu Duras »Le Camion«, wo es schließlich doch gelingen sollte. (6) Frieda Grafe gibt mit ihren Texten den Filmen ihre Virtualität zurück – könnte man den Satz umdrehen. Das Kinoerleben wird nicht durch Inhaltsangaben lahmgelegt, das Urteilen keiner Ideologie unterworfen (auch und gerade nicht in den 70ern) und das Wissen jenseits des Films mit der Beschaffenheit der Oberflächen verschränkt. Die Schreibmaschine meint man aus dem schnörkellosen Stil förmlich herauszuhören. ».... und überhaupt kriege ich wieder einen klaren Kopf und weiß plötzlich wieder, wie es weitergeht und was ich tun möchte«. Schrieb Wim Wenders 1972 an Grafe, nachdem er durch ihre Kritik in der Süddeutschen Zeitung vielleicht erstmals seinen Film verstanden hatte, »Die Angst des Tormanns vorm Elfmeter.« (7) Einen klaren Kopf bekommen, stimmt.

Auf meinem Schreibtisch türmt sich ein interessanter Verhau. Manuskriptseiten, Essays über Mode und Grandhotels, Filmbesprechungen (»exklusiv Filmkritik«), der Briefwechsel mit Josef von Sternberg, Filmfarben, »Wie Film Geschichte anders schreibt«, Nouvelle Vague, Technik: Scope und M.O.S. (Mit Out Sound), Murnau, Lubitsch, Lang, Riefenstahl, Godard und Truffaut und .... . So viel Zeit. Zeit, die es brauchte all das zu schreiben, Zeit, die dafür immer zu kurz war und die jeweilige Zeit, in der es entstand. All diese Zeit liegt nun gleichtzeitig herum, in Form loser Blätter, die dazu da sind, durcheinanderzugeraten, noch nicht als Bücher diszipliniert. (8) Was den Eindruck äußerster Gegenwärtigkeit verstärkt.

(München, 10.11.1967) »Das Schlimmste ist, dass Sie mich in ein totales Zeitchaos gestürzt haben. Sie haben vor nun fast vierzig Jahren Dinge empfunden, gedacht und erfunden, die für mich wie von heute sind. Manchmal kommt mir die Zeit wie aufgehoben vor und dann wieder so schwer, wie ich sie nie vorher empfunden habe.« Schreibt Frieda Grafe an Josef von Sternberg und er antwortet: (Los Angeles, 13.11.1967) »Igor (9) und ich sind gleich alt. Die Zeit ist ein Begriff, der nur mit der Uhr zu tun hat.«



Vielleicht ist Zeit auch nur ein Missverständnis. Und manchmal ein produktives. Mag man Filme von Lang, Lubitsch oder Murnau »alte Filme« nennen, die Texte von Frieda Grafe sind es nicht. Was wiederum die Filme erneuert; das geht hin und her. Was wiederum unsere Sehgewohnheiten und –selbstverständlichkeiten relativiert. Die Zeitlosigkeit schimmert durch die Betrachtungsweise, das Augenmerk. Vermeintlich »Unnützes« sah sie sich gern genauer an, »frivole« Gegenstände ( »my Frivolous Frieda« (10)) und verteidigte sie nicht zuletzt gegen die gestrengen Verwerfungsallüren von Adornos Kulturindustrie-Kritik. »Nicht gleich auf Umsturz sinnend, aber heilsam destablisierend und risiko-orientiert, weil ständig lungernd an den Grenzen des guten Geschmacks« (11), argumentierte sie für die frühen Produkte des populär Unterhaltsamen. Ihr Interesse galt schwer zu fassendem wie der Farbe, dieser Sache mit dem Gender, Bildern, als sie noch ohne Ton auskommen mussten, dem Jüdischen, Komik (»ist momentane Explosion ohne allen denkerischen Mehrwert und Kinokomik eine umso gründlichere Negation, als ihr direkter Stoff die Realität ist« (12)). Bei ihrem letzten Buchprojekt über Jerry Lewis, da hätte all das zusammenkommen sollen. Das Politische an diesem Verfahren bestand stets darin, genauer hinzuschauen als die Schlaumeier und der Sprache nicht das letzte Wort zu überlassen.

(Los Angeles, 13.1.1968) »Wo hast du eigentlich studiert? Warum weiß ich so wenig von Dir?« (München, 18.1.1968) »Ich habe studiert in München, Paris und Münster – 10 Semester, viel zu lange: Germanistik, Romanistik und Philiosophie, habe eine Doktorarbeit über die frühen Romane von Heinrich Mann geschrieben, die nie fertig wurde, weil ich dann den Enno und das Kino traf. Morgen ist es 6 Jahre her, dass wir geheiratet haben. Eine sehr lange Zeit, finde ich. Dabei konnte ich mir vorher nicht vorstellen, dass ich in der Lage wäre, einen Mann eine Woche lang auszuhalten. Bisher habe ich es nicht bereut + der Enno hat viel Geduld mit mir.« (13)

Die Kleinfamilie war 68 nicht gerade in Mode. »Ich bin eine ausgehaltene Frau« hat sie oft gesagt, halb ernst, halb scherzhaft. Eine nonchalante Haltung den eigenen Privilegien gegenüber. Wohl wissend, dass die Freiheit im Ausdruck einen noch lang nicht ernährt. »Heute möchte man den Frauen den Glanz der Kleider und den Spaß daran aus- und ihnen stattdessen ein Selbstbewusstsein einreden.« Schrieb sie 1977. Jenes Mantra, das weiterhin als Erfolgskonzept gehandelt wird: »sei selbstbewusst«.

(München, 21.11.1967) »Ich gebe ja zu, ich bin nicht die Objektivste, wenn mir maskuline Dummheit vorkommt zusammen mit ungerechtfertigtem Selbstbewusstsein. Dummen Frauen gegenüber kann ich maßlos langmütig sein. Männer, finde ich, haben wirklich Zeit genug gehabt und Möglichkeiten, ihre Dummheit wenigstens unter Kontrolle zu bringen.« (14)

Ein Problem, das nicht aus der Welt zu schaffen ist: jenem ungerechtfertigten Selbstbewusstsein anderer Männer fielen 20 Jahre später, 1986, Frieda Grafes regelmäßig in der Süddeutschen Zeitung erschienenen Filmseiten zum Opfer (auch ihre »Filmtips«, während die männlichen Kollegen alle weitermachen durften - im Lokalen) (15). Jene Möglichkeit, Text und Bild so zu montieren, die sie im oben erwähnten Vortrag als ideal bezeichnete, »daß nichts Definitives dasteht, sondern Aussichten sich öffnen.« »Es waren Symptome: Vorbei die Jahre einer gewissen Cinephilie.« (16) Das Kino hatte ein Ort sein können, um gleichzeichtig über Relevantes und Irrelevantes zu reden, über Einstellung und Emotion, Politik und Farbe. Ein Ort, der weiter war, als politische Diskurse. Dass Frieda Grafes »ausgewählte Schriften in Einzelbänden« in rascher Folge derzeit in Form wunderschön schlicht layouteter Bücher erscheinen, kommt einer verlegerischen Gerechtigkeit gleich. Zu lesen, was alles möglich ist, was man mit dem Kino schreibend anzustellen vermag.

Text: Annett Busch

1 »Der Stoff aus dem die Träume sind - Mode aus Hollywood«, bisher unveröffentlichtes Exposé für eine nicht realisierte Fernsehsendung aus dem Jahr 1977.
2 »Das Bild Marlene und wie daraus ihr Image wurde«, in; »Marlene Dietrich, Dokumente/Essays/Filme«, München 1977, Carl Hanser.
3 »Aus dem Briefwechsel zwischen Josef von Sternberg und Frieda Grafe (1967-1969)«, in: »Aus dem Off- Zum Kino in den Sechzigern «, Berlin 2003, Brinckmann&Bose.
4 Enno Patalas, München, 24.07.2003.
5 »Ein anderer Eindruck vom Begriff meines Körpers«, in: Filmkritik, März 1976, »die bilder der frauen & die herrschaft der männer«.
6 »Duras: Le Camion«, in: »Nur das Kino- 40 Jahre mit der Nouvelle Vague «, Berlin 2003, Brinckmann&Bose.
7 »Doppelleben«, Frieda Grafe und Enno Patalas, Arbeitsdaten und Zeugnisse, Hochschule der Künste Berlin, 01-Award 2000.
8 Bereits erschienen: Frieda Grafe: »Filmfarben«, Berlin 2002 und »Licht aus Berlin – Lang, Lubitsch, Murnau«, »Nur das Kino – 40 Jahre mit der Nouvelle Vague« und »Aus dem Off – Zum Kino in den Sechzigern.« Insgesamt sind 12 Bände geplant.
9 Frieda Grafes 1963 geborener Sohn
10 Ließ sie sich gern von ihrem Gatten, »dem Enno« nennen
11 »Aus des Kinos Hexenküche – Am Anfang war schallendes Gelächter«, nach dem Text zu einer Rundfunksendung, gesendet im Süddeutschen Rundfunk Stuttgart am 30.8.1995.
12 siehe 11
13 siehe 3
14 siehe 3
15 Enno Patalas: »Es stand in der Zeitung – Frieda Grafes ›SZ-Jahre‹ 1970 bis 1986«, in: »Filmgeschichte«, Nummer 18, Juni 2003.
16 siehe 12