Vor dem Start

„Einer der besten Filme aus Deutschland seit langem“, hat hier beim Kinostart 2002 gestanden. Und in den „Cahiers du Cinéma“: „Eine aktuelle Wiedergeburt der Nouvelle Vague.“ Godard, Resnais, Rivette haben das Kino für sich neu entdeckt, seine Sache neu verhandelt. Das läßt sich auch von Köhler sagen.

Kino sei Bewegung, heißt es. Aber die Leinwand ist fixiert, der Cash, der Sitz des Zuschauers. In »Bungalow« läßt jede Bewegung die Kadrierung spüren (auf der DVD passend unterstrichen durch die Balken überm und unterm Breitwandbild). Exemplarisch die beiden wunderbaren Einstellungen des Helden beim Rollerscating: Kopf und Oberkörper fest im Bild, nur der Hintergrund flutscht wie auf einer Rückprojektion, aber der Schluß zeigt, dass die Kamera die ganze Zeit auf gleicher Höhe mit ihm gefahren ist. (Lennie Burmeisters Perfektion in diesem Sport hat Köhler für die Rolle aktiviert, wie das klassische Hollywoodkinmo die Tanz-, Reit-, Gesangskünsten seiner Stars.)

Paul, Bundeswehrsoldat, entfernt sich von der Truppe, vielmehr: die Truppe entfernt sich von ihm; er bleibt einfach sitzen in der Raststätte, die Truppe fährt weiter. Er macht Urlaub im Bungalow seiner Eltern. Er will weg, nach Berlin, in die Sahara, noch aber folgen seinen Wünschen keine Taten. Ein verhindertes Roadmovie hat der Autor den Film genannt. Die Welt bleibt im Off. Paul ist wie die Verkörperung der doppelten Verneinung. Selbst die Verweigerung hat er verweigert.

Ohne Pauls Entscheidung - zurück zum Bund oder weg - hätte die Geschichte kein Ende. Was Köhler in der langen Schlußtotalen daraus macht, sei nicht verraten. Für mich der intelligenteste Filmschluss seit langem, weil er zeigt, daß ein Film mehr ist als das, was er zeigt: eine Erfindung in Raum und Zeit.
Köhlers zweiter Film, „Morgen kommen die Fenster“, hat bei der Berlinale (wo er „natürlich“ „nur“ im Forum zu sehen war) aufs Schönste bewiesen, daß der erste kein Zufallstreffer war. Ein Grund mehr, diesen aufzunehmen in Jedermanns Kinemathek des Neusten deutschen Films.

ENNO PATALAS

Ulrich Köhler: „Bungalow“, Filmgalerie 451, 85 Minuten, Deutsch, Untertitel in fünf Sprachen. Bonusmaterial: Interviews, Kurzfilm „Rakete“ von Ulrich Köhler.