Nur so tun als ob
Some connections between: »Grand Hotel«, »This is Spinal Tap«, »Alphaville« and »Une femme est une femme«
Es hätte noch mal was werden könnte mit der Karriere. Leidend räkelt sich die alternde russische Ballerina Grusinskaya auf einer Chaislonge im Berliner »Grande Hotel« zwischen den Kriegen. Mit einer unverkennbaren suizidalen Lethargie gespielt von Greta Garbo, drapiert von Edmund Goulding und fahl ausgeleuchtet von William Daniels. Erst die Bekanntschaft mit dem äußerst galanten Weltmann Baron Felix von Geigern verspricht die Hoffnung auf einen zweiten Frühling. Aber auch der ist längst abgebrannt und verdingt sich als Juwelendieb. Charakterliche Oxidationsprozesse im Nobelhotel. Goulding beschreibt nach dem Roman von Vicki Baum die Übergangsphasen von fünf Menschen in andere Stadien des Seins. So wie das Hotel nur ein Übergangsort ist. Aufenthalt auf Zeit mit keiner Chance sich zu etablieren, denn das Abgereist wird ist ohnehin schon klar. »People come. People go. Nothing ever happens.« resümiert der kriegversehrte Dr. Otternschlag lakonisch. Ballerina und Baron versuchen den Glanz vergangener Tage als Simulation des eigenen Lebens, vorbei an ihrer akuten Situation zu inszenieren. Der Industrielle Preysing erschwindelt sich mit ähnlichen Taktiken, dass was vor einigen Jahren als Venture Capital auf die Konten windiger Internet Pioniere floss. Er gaukelt seinen Verhandlungspartnern vor die Fusion mit einem Konkurrenten hätte bereits stattgefunden. Eben die scheitert dann aber und dem preysingschen Imperium droht der sichere Untergang.
Dem Niedergang dieser drei Kasten, Star, Adel und Industrieller stellt der Film das Schicksal von zwei Unterprivilegierten gegenüber, die nicht wie es bei den anderen scheint zum letzten, sondern zum ersten Mal im Grande Hotel nächtigen. Die Stenotypistin Flämmchen, dargestellt von Joan Crawford, deren bodenständige Agilitiät den Kontrapunkt zur verschlissenen Trägheit der Garbo setzt, träumt vom besseren Leben und riskiert dabei sich ihrem Auftraggeber Preysing bis an die Grenze zur Prostitution anzudienen. Der todkranke Buchhalter Kringelein dagegen, gewillt sich die letzten Tage seines Lebens so angenehm wie möglich zu machen, ein kleinbürgerlicher, grundguter Spießer, vereint in sich jene sehr spezifische deutsche Sehnsucht nach exotischem Luxus, die dazu verdammt bleibt zu scheitern, weil sie eigentlich nur in Schlagertexten wirklich zuhause ist. Kringelein war noch niemals in New York und wenn er lallend, einen Lousianna Flip bestellt, dann ist in seiner kindlichen Begeisterung für den Hauch von weiter Welt der im sogleich serviert wird die böse Lehre angelegt, dass auch er immer nur so tun kann als ob er dieses bessere Leben leben könnte. So wird er selbst von denen die ihn ins Herz geschlossen haben milde belächelt. Doch am Ende erhält Kringelein immerhin die Chance mit Flämmchen Richtung Grande Hotel Paris aufzubrechen. Wie lange sie dort bleiben werden können ist ungewiss, am Schluss eines Films der nicht nur als pompöse Seifenoper zwischen Walzertakt und Swing funktioniert, sondern vor allem auf gespenstische Weise das Schweben einer seelisch bankrotten deutschen Nation zwischen zwei Kriegen beschreibt.
1982 ging es auch im Pop darum so zu tun als ob. ABC veröffentlichten ihr »Lexicon of Love« und fahren zehn Jahre nach Roxy Musics remake/remodel erneut die reiche Ernte antiauthentischer Popgesten ein. Der ironic turn im schultergepolsterten Sakko leitete die schwindende Popularität des auf Authentizität beharrenden Metalgenres ein. Die Zeit der stadienfüllenden Soupergroups schien endgültig abgelaufen zu sein. Nicht zuletzt die Briten Spinal Tap, damals selbstbezeichnete »Lauteste Band der Welt« mussten erkennen, dass ihre Fans zusehends abwanderten. Marty DiBergis Dokumentation »This is Spinal Tap«, zeichnet, eigentlich als Hommage gedacht, den tragischen Ausgang der letzten US Tournee der Band nach und liefert spannende Einblicke hinter die Kulissen des Rockzirkus. Die DVD Special Edition bietet zudem nahezu eine Stunde bisher ungesehenes Bonusmaterial.
Bleibt noch der Godardfilm in seinem so tun als ob. In diesem Fall einmal getarnt als verspätete Fortsetzung einer Krimireihe und ein anderes Mal als frivole Musicalkomödie. Nun wäre der Godardfilm nicht er selbst wenn er diese Tarnung nicht offensiv vor sich hertragen würde. So schlurft Eddie Constantine, zerknittert und Shakespeare zitierend als Agent Lemmy Caution durch die Orwellstadt »Alphaville«. Ein wildes Flickwerk aus Science Fiction und Film Noir entspinnt sich in dem der bösartige Professor Von Braun die Liebe ebenso wie das Bedürfnis der Menschen nach künstlerischem Ausdruck hat verbieten lassen. Nun ist es ausgerechnet am stoischen Constantine diese Tugenden wiederzubeleben. Obwohl er doch selbst nur ein Surrogat ist, die Vorstellung die in den 50er Jahren Franzosen von amerikanischen Private Eyes hatten. Ein schöner Dreh und weit entfernt diesen Film nur als plumpe Technologiekritik lesbar zu machen. Dazu kennt der Godardfilm einfach das Kino zu gut. Mit Alphaville beendete Godard auch die Phase mit Anna Karina als Hauptdarstellerin, die er vier Jahre vorher mit »Une femme est une femme« aufgenommen hatte. Der wiederum als Liebeserklärung an besagte Dame, augenzwinkernder Genderdiskurs und Parisbild der frühen 60er im Doppelpack mit Alphaville den Godardfilm in der verspielten Vorbereitung kommender Aufgaben zeigt. Immer nur so tuend als ob. Oder, wie Karina, als Angela sagt »Je pense que j'existe«.
Text: Hias Wrba
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