»Was wohl aus den Leuten geworden ist?«
DIVINE INTERVENTION
»It never gets boring in a war-zone.«
(Anat Radnay)
»Was wohl aus den Leuten geworden ist?« war die erste Frage, die mein Redakteur mir stellte. Keine Ahnung, ist doch nur ein Film, oder nicht? Ein Film, der damit beginnt, wie ein knallrot verpackter Weihnachtsmann mit falschem weißen Bart von palästinensischen Kindern einen Olivenhain hinter Nazareth hochgejagt wird. Um sich zu wehren, bewirft der Weihnachtsmann die Kinder mit Schokolade, sie ihn mit Steinen. An einer Hauswand steht: »Ich bin verrückt weil ich dich liebe«. An einer Ampel kommen zwei Autos nebeneinander zum Stehen. In dem einen sitzt Elia Suleiman, der Regisseur, in dem anderen ein Mann dessen Kopfbedeckung ihn jüdisch aussehen lässt. Die von Suleiman dargestellte Person kurbelt das Fenster herunter, legt eine Kassette ein und dreht die Lautstärke auf bis zum Anschlag. »I put a spell on you« dröhnt in einer Version von Natasha Atlas aus den Boxen. Über die gesamte Länge des Stückes starren sich die beiden Männer an, mit einem »die Stadt ist zu klein für uns beide«-Blick. Nun könnte der Showdown eines Western beginnen, aber die Ampel springt auf grün und das Stück ist zu Ende.
Es ist Krieg. Was man davon zu sehen bekommt ist eine Spannung und eine Anspannung, die jedes Zusammentreffen, jeden Satz, jede alltägliche Bewegung zu einer potentiellen, kurz bevorstehenden Explosion auflädt. Und die Menschen fangen an, immer absurder wirkende Verhaltensweisen an den Tag zu legen. Reden nicht mehr miteinander, schmeißen Müll in Nachbars Garten, verbarrikadieren sich mit einem Haufen Altglas auf dem Dach. Ein israelischer Panzer fliegt pompös flammend in die Luft, weil jemand einen Olivenkern aus dem Auto wirft. Ansonsten wird nicht geschossen. Die Szenen und Bilder die Elia Suleiman aneinander montiert sind weit und offen. Sie zu de-zentrieren ist sein Anliegen, ihnen den Fixpunkt zu nehmen. Gleichzeitig komprimiert er das erzählerische Potential in seiner absurd-komischen Essenz zu einzelnen Bildern, ohne dabei anekdotisch oder metaphorisch zu werden. Suleiman inszeniert sich als Teil dieser Bilder und Situationen, stets schweigend, er will nicht zum Erzähler werden.
»Was wohl aus den Leuten geworden ist«, ist nicht zuletzt eine Frage, die zum Krieg gehört. Jede kriegerische Situation erzeugt Fronten und mit jedem sich in die Luft sprengenden, hoffnungslosen, verrückten Palästinser mitten in Jerusalem wächst Paranoia und Hass. Und jede Schikane, jeder Racheakt der israelischen Armee provoziert wiederum Hass und so weiter. Verkürzt gesprochen. Wir sind voll mit diesen Fernseh-Bildern. Wo auch immer wir sie abgespeichert haben, als Subtext laufen sie mit, während wir in einem Film sitzen, der uns genau diese Bilder vorenthält.
»Ich nutze gerne die Möglichkeit, Realität neu zu ordnen. Zum einen, um ihrer Banalität und ihrer Redundanz zu entfliehen, zum anderen, um eine bestimmte Sensualität oder Lust durch die Neuordnung von Realität zu schaffen. Das ist es letztendlich, was für mich das Kino ist und was mir daran Lust bereitet. Ich denke, dass ich Partei ergreife, indem ich mich nicht auf die ein oder andere Seite stelle. Es geht nicht um binäre Gegensätze, ich untersuche in diesem Film zum Beispiel nicht die An-oder Abwesenheit einer Besatzungsmacht, sie ist selbstverständlich, sie ist ja da und ich spiele vielmehr damit, überdenke die Konsequenzen einer solchen Besatzung und darin liegt wiederum das Absurde begründet. Es ist die Realität, die der Architektur der Landschaft aufgebürdert wurde und indem ich da hindurchgehe, antworte ich dieser Realität, fange an, sie zu reflektieren – eine Haltung einzunehmen. Der Checkpoint ist da, die Besatzung ist da, Schikanen, Unterdrückung – alles was ich tue, ist, cinematographisch damit zu spielen.« (Elia Suleiman, München, 24/01/03)
An eben jenem cinematographischen Checkpoint läßt die Figur Elia Suleiman einen roten Luftballon mit einer Arafat-Fratze aus dem Autofenster in die Luft steigen. »Ein Luftballon versucht die Grenze zu passieren, sollen wir schießen?« fragt der Soldat aufgeregt in sein Walkie-Talkie. Aus Paranoia wird Komik, die die Paranoia lächerlich macht. Zum Lachen ist einem dennoch nicht zumute, die MGs sind echt und sitzen locker und Paranoia provoziert schnell falsche Zuckugen. Dem Wahn vor einem Hinterhalt wird wiederum am Ende unerwartet Rechnung getragen – als göttliche Intervention, als Inkarnation einer unschlagbaren, sämtliche göttliche Referenzen ironisierenden Ninja-Kämpferin. »Offensichtlich gibt es ein Verhältnis von Paranoia und Komik, die Dinge gehen ziemlich schief und vielleicht ist es auch einfach Teil meines Lebens.«
»Göttliche Intervention – Eine Chronik von Liebe und Schmerz« ist auch ein Film über die Frage: »Was ist aus den Leuten geworden?« Elia Suleiman betont gern das autobiographische Potential seiner Filme. »In eine große Stadt abzuhauen, bedeutet für einen jungen Palästinenser nach Tel Aviv zu gehen ... oder zum Flughafen. In meinem Universum hatte Tel Aviv nichts von einem Eldorado, also hab ich den Flugahfen gewählt, das Versprechen eines Ausserhalb.« (Cahiers du Cinéma, 04/98) Der Flieger ging nach New York. Eine ordentliche Hochschulausbildung in Sachen Film hat Elia Suleiman nicht vorzuweisen. Den Schriftsteller John Berger nennt er seinen Mentor und sein erstes Werk realisierte Suleiman 1991, »Introduction to the End of an Argument«. 1996 dreht er in Nazareth »Chronik eines Verschwindens«, ein Film über Familie, Freunde, Nachbarn. »In ›Göttliche Intervention– Eine Chronik von Liebe und Schmerz‹ erzähle ich von denselben Leuten und davon, was aus ihnen geworden ist. Derselbe Ort, dieselbe Geographie mit einer neuen Atmosphäre im Kontext neuer, sagen wir, politischer und sozialer Umstände. ›Chronik eines Verschwindens‹ spielte in einer Situation, die von der Oslo-Übereinkunft geprägt war. Es war wie die Stille vor dem Sturm, aber noch immer mit einem Rest tenderness und sweetness hier und dort. Es gab auch eine Menge Stillstand, Stagnation – nun, das ist hier jetzt völlig verschwunden, ich meine, was jetzt passiert, ist wie eine Art Vulkanausbruch.« Nun wäre es an der Zeit, Anekdoten zu erzählen. Was ist mit der Frau, die auf so spektakuläre Weise den Checkpoint überquert hat? Den Weihnachtsmann sieht man später im Krankenhaus wieder, während sich sämtliche Patienten auf dem Gang zum Synchron-Rauchen verabredet haben (...)
Annett Busch
»Göttliche Intervention«, Frankreich/Palästina; Regie: Elia Suleiman; D: Elia Suleiman, Manal Khader, Nayef Fahoum Daher u.a.; 92 Minuten.
- annett's blog
- Login or register to post comments
