Was hörst du so

»All about Lily Chou Chou« ist ein unaufgeregtes Porträt japanischer Jugendlicher in den späten 90er Jahre, das es verdient hat mehr als nur Geheimtip zu sein. Die erste Hälfte widmet der Film von Shunji Iwai, Hoshinos Wandlung vom klassenbesten Wunderkind und Sonderling ohne Freunde, zum brutalen Bully, der seine Mitschüler erpresst, quält und in die Prostitution zwingt.

Die sogenannte »vierte Welle« japanischer Jugendgewalt treibt ihre Protagonisten im ländlich verschlafenen Okinawa zu immer brutaleren Taten und zwingt sie in immer beklemmendere Abhängigkeitsverhältnisse. Als kleiner Ausweg und große Klammer fungiert die leidenschaftliche Hingabe für die Musik des Popstars Lily Chou Chou und die Kommunikation über diese Musik im Netz. Immer wieder lässt Iwai Chatschnipsel durchs Bild tickern, versehen mit Absendernicks die ebenso surreal weit entfernt sind von ihren Trägern wie die schwärmerischen Inhalte des Gedankenaustauschs. Wie quer dabei die Hierarchien verteilt zwischen aktuellen und virtuellen Persönlichkeiten verlaufen, entwirrt sich erst gegen Ende des Films. Dazwischen werden Rezeptoren gefüttert mit wunderschönen, grausamen Bildern und einem smart verschachtelten Plot, der Sympathieverteilungen zum tanzen bringt.

Nur der gemeinsame Nenner, die große Breakfast Club Teenagerutopie, hat sich schon viel zu weit aus dem tatsächlichen Leben zurückgezogen. Etwas wie Heilung mag sich nur noch in der totalen Abschottung und Isolation einstellen. Und das in beide Richtungen, als gewalttätigen Ausbruch auf der einen und Flucht in Lilys Traumwelt auf der anderen Seite. Iwai verfällt zum Glück nie der Versuchung ein Moralstück von entfremdeten Emotionen zu erzählen, sondern beschränkt sich auf die herzzerreißende Beschreibung der gestörten Beziehungen seiner Charaktere und macht Lily Chou Chou damit zu einer der bewegensten coming of age Studien der letzten Jahre. Teenage Angst war selten so anmutig eruptiv wie hier.

Text: Hias Wrba

Einen sehr guten englischen Text zum Film gibt's hier.