Film mit Fußnoten
Vorblättern, Zurückblättern, Überschreiben, Lücken lassen: Filme sehen wie Bücher lesen? Der Filmkritiker und -historiker ENNO PATALAS hat die letzten zwei Jahre damit verbracht, eine Studienfassung von Metropolis zu erstellen. Ziel war, das Potential des Medium DVD auszuschöpfen und die Logik »Bonus Material« weit hinter sich zu lassen. Im Gespräch beschreibt Enno Patalas wie diese neue Metropolis-Version sich anhört und aussieht.
DU HAST 1957 DIE ZEITSCHRIFT „FILMKRITIK“ GEGRÜNDET UND DREIZEHN JAHRE LANG REDIGIERT UND DANN, VON 1972 BIS 1994, DAS MÜNCHNER FILMMUSEUM GELEITET, ALSO DEIN LEBEN LANG MIT FILMGESCHICHTE, FILMKOPIEN UND KINOSÄLEN ZU TUN GEHABT. VON NOSTALGIE WILLST DU TROTZDEM NICHTS WISSEN, SCHEINT MIR. SEIT GUT DREI JAHREN BESCHÄFTIGST DU DICH MIT DVD.
ENNO PATALAS: Das hat mit meiner Unbildung zu tun und damit, dass ich nie ein guter Schüler war. Ich habe immer gern gemacht, was man nicht hat lernen können, was es so noch nicht gab, bei uns jedenfalls nicht: eine Filmzeitschrift, eine Kinemathek. Drauf gekommen bin ich immer im richtigen Moment, weil meine Interessen in die Richtung gingen, aber auch durch äußeren Zwang: auf die „Filmkritik“, als ich in Münster an der Uni Hausverbot bekam, auf das Filmmuseum, als sie mich bei der „Filmkritik“ nicht mehr wollten. Und die 60er waren die richtige Zeit, in Deutschland eine Filmzeitschrift zu machen, eine linke, die 70er und 80er, in München eine Kinemathek zu machen. Beides hatte seine Zeit, wenigstens für mich; ich habe immer widersprochen, wenn später Leute zu mir gesagt haben: Schade, dass du die „Filmkritik“, schade, dass du das Filmmuseum nicht mehr machst ... Beides hätte ich so nicht weitermachen mögen.
JETZT ALSO DVD. WORIN SIEHST DU DEREN POTENTIAL?
ENNO PATALAS: Ich hab immer gern am Schneidetisch gesessen, Filme protokolliert, zu Fernsehsendungen verarbeitet. Als die Kinemathekszeit zu Ende ging, wenn Freunde da gesagt haben: Jetzt wirst du sicher wieder schreiben - habe ich gesagt: das war einmal, jetzt muss man Filmkritik filmisch machen, im Fernsehen. Das erlaubt aber das Fernsehen heute noch weniger als früher. Dann ist DVD gekommen. Es bezeichnet den bisher radikalsten Bruch in der Rezeptionsgeschichte des Kinos generell. Der Zuschauer sitzt nicht mehr zwei Stunden im dunklen Saal, zusammen mit vielen anderen zur Leinwand aufblickend, auf die aus einer verborgenen Kabine heraus das Bild über seinen Kopf hinweg projiziert wird, unbarmherzig vom Vorspann für zum Ende-Titel. Nur Kinder, Lehrer und Greise, sagt man, lesen ein Buch zum zweiten Mal. Dass man sich einen Film mehrmals anschaut, früher die Ausnahme, wird mit DVD, wenn nicht zur Regel, zu einer vertrauten Möglichkeit. Der Zuschauer wird zum Leser, ein Einzelner, kann vor und zurück blättern, auslassen und wiederholen.
»MAN TAUCHT NICHT ZWEIMAL IN DENSELBEN FILM. JEDE PROJEKTION IST EIN ANDERER, JEDE KOPIE EIN ORIGINAL«, SCHREIBST DU IN DER VORBEMERKUNG ZU DEINEM 2001 ERSCHIENENEN BUCH »METROPOLIS IN/AUS TRÜMMERN«. UND SIE ENDET MIT EINER ART BEWERBUNG: »DAS RESULTAT«, DEIN BUCH, »LÄSST SICH AUCH ALS EXPOSÉ LESEN ZU WIEDER EINER ANDEREN INSZENIERUNG - EINER DVD (DIGITAL VIDEO ODER AUCH VERSATILE DISC). NICHT, WIE ÜBLICH, EINE FASSUNG MIT ‚EXTRAS‘, ‚BONUSMATERIAL‘, SONDERN AUF DEN VERSCHIEDENEN SPUREN, KOMBINIERT, KOORDINIERT, EINSTELLUNGEN UND ZWISCHENTITEL, EINSTELLUNGS- UND SZENENFOLGEN IN IHREN VARIANTEN; EINE AUFZEICHNUNG DER HUPPERTZ-MUSIK (ODER MEHRERE, KLEINE, GROßE BESETZUNG); DIE STAND- UND ARBEITSFOTOS; DREHBUCH, PARTITUR, ZENSURKARTEN ZUM MITLESEN - DEM BETRACHTER ANHEIMGEGEBEN ZUR EIGENEN MONTAGE.«
ENNO PATALAS: Ich muss gestehen, als ich das geschrieben habe, kannte ich DVD eigentlich erst vom Hörensagen. Ein amerikanischer Freund, als ich ihm von dem Buchprojekt erzählt habe, um 95 herum, hat gemeint, daraus ließe sich doch eine DVD machen. DVD, habe ich gefragt, was ist denn das? Er hat‘s mir erklärt und ich habe gemeint, es wäre also eine Art CD-Rom ...
WAS IST DANN PASSIERT UND WAS IST SO INTERESSANT AN »METROPOLIS«?
Der Film war Jahrzehnte lang Gegenstand filmrestauratorischer Bemühungen. Laut Zensurkarte war die im Januar 1927 in Berlin uraufgeführte Fassung an die 4200 Metern lang, was, bei einer Vorführgeschwindigkeit von 24 Bildern pro Sekunde, von der etwa man bei dem Film ausgehen kann, einer Projektionszeit von zweieinhalb Stunden entspricht. So haben den Film gerade mal fünfzehntausend Leute Anfang 1927 in Berlin gesehen, von denen kaum noch einer leben dürfte. Für den Start in den USA hatte die Paramount den Film vorab schon bearbeitet, gekürzt, umgebaut, umgetitelt, und der deutsche Verleih ist dem Beispiel für den Start in der Provinz, Ende 27, gefolgt. Danach ist immer weiter gekürzt und bearbeitet worden. Ähnliches gilt für die meisten alten Filme, die „Klassiker“ -„Metropolis“ ist da nur ein extremes Beispiel. Wir erleben sie nicht als Werk, sondern als Serie - von Fassungen, Kopien, Aufführungen, immer wieder überarbeitet, übersetzt, geprägt von ständig sich ändernden Reproduktionstechniken. Aber die Filmliteratur hält fest an den von Literatur- und Kunstgeschichte geprägten Vorstellungen vom Werk, vom Autor, vom Original. Und wir Archivare und Restauratoren schließen uns ihnen an und freuen uns, wenn wir lesen, wir hätten eine „authentische Fassung“ vorgelegt, wiederhergestellt - Zitat aus dem „Lexikon des Internationalen Films“ zur 1986er „Münchner Fassung“ des „Panzerkreuzer Potemkin“ - „nicht nur die originale Szenenfolge und der historische Wortlaut der Zwischentitel in ihrer ursprünglichen Formgebung“, sondern auch „die als verschollen geltende Musik“, „an Hand eines aufgefundenen Klavierauszugs rekonstruiert“.
SO ÄHNLICH HAT MAN‘S AUCH GELESEN 2002 ZUR DVD-FASSUNG VON „METROPOLIS“.
Die basierte auf der 2001 erstmals bei der Berlinale gezeigten neuen Filmfassung, „Edition Enno Patalas und Martin Koerber“. Die bestand aus den von dem Film überlieferten Einstellungen, vor allem nach dem im Bundesarchiv überlieferten Kameranegativ der Paramount-Fassung, digital - vorbildlich - umkopiert, mehr oder weniger in der ursprünglichen Einstellungsfolge remontiert, die auf Film nicht überlieferten Zwischentitel - das sind die meisten - textgetreu nach der Zensurkarte neu geschrieben, grafisch den wenigen überlieferten nachgebildet, die fehlenden Stellen in Erzähltiteln referiert, so knapp wie möglich, so ausführlich wie nötig zum Verständnis der Filmhandlung. Bei der Berlinale gab es dazu eine neue Musik. (((Diese Fassung des Films wurde dann auf der DVD, die 2002 bei uns von Transit, in Amerika von Kino International, schließlich in einer europäischen Fassung von Eureka herausgebracht wurde - übrigens extrem erfolgreich ... - der neuen Kinofassung wurde auf dieser DVD die von Gottfried Huppertz 1926 für den Film komponierte Musik adaptiert, in einer Bearbeitung, die Bild und Musik natürlich nur streckenweise wieder so in Einklang bringen konnte, wie es bei der Premiere der Fall gewesen war.))) Dieser Fassung wurden beigegeben, wie üblich, Bonus-Materialien in Gestalt eines Audiokommentar (von mir), Features (von mir „Der Fall Metropolis“) und Galerien.
ABER DAS WAR NICHT DAS, WAS DU IN DEM VORWORT ZU DEM BUCH GEMEINT HATTEST?
Konventionelle DVDs, wie die „Metropolis“-Fassung von 2002, tragen den spezifischen Möglichkeiten des neuen Mediums nur sehr zurückhaltend Rechnung. Man hält fest an der Wiedergabe einer filmisch vorgegebenen Variante, einer überlieferter Fassung, einer Rekonstruktion. Damit vergibt man die auf DVD gegebene Chance, das Vorgegebene zu distanzieren, zu analysieren, zu kritisieren. Generell unterschlägt ja die Restaurierung von Filmen die Spuren, die Zeit und Geschichte hinterlassen haben. Lücken in der Überlieferung werden unterschlagen oder verknappt und gefüllt mit verbalen Inhaltsangaben und Standfotos, verlorene Zwischentitel „nachempfunden“, ähnlich die Musik. Als würde man die Fragmente eines antiken Frieses zusammenrücken und in die verbleibenden Lücken Bildtafeln einsetzen. Da ist Filmrestaurierung auf dem Stand des 19. Jahrhunderts, als man bei antiken Plastiken fehlende Gliedmaßen nachmeißelte oder in mittelalterlichen Texten fehlende Zeilen nachdichtete.
Natürlich kann man auch das besser oder schlechter machen - ich bin sehr für die „populäre“, auch interpretierende Edition von Filmtorsos und -fragmenten.
DARAUFHIN HAST DU DIE IDEE MIT DER STUDIENFASSUNG ANGEZETTELT. DU NANNTEST DAS PROJEKT „DIE DVD ALS MEDIUM KRITISCHER FILMEDITIONEN“, HAST DAFÜR DIE BERLINER UNIVERSITÄT DER KÜNSTE GEWONNEN UND ALS GELDGEBER DIE KULTURSTIFTUNG DES BUNDES.
Die „kritische Edition“ eines Buches nennt man im Englischen „annotated version“, also Fassung mit Fußnoten. Die „Metropolis“-DVD-Studienfassung ist das Hauptstück dieses Projekts. Im Prinzip zielt es darauf, der Problematik der konventionellen Restaurierung oder Rekonstruktion von Filmen zu begegnen durch ein Angebot von Fragmenten, Varianten und zusätzlichen Informationen und verschiedenen Möglichkeiten ihrer Kombination. Die „horizontale“ Lektüre eines Films, einer überlieferten Fassung oder Rekonstruktion, von Anfang bis Ende, sollte mit einer „vertikalen“ gekreuzt werden, die andere dokumentierte Stufen von Entstehung und Umgestaltung des Films wiedergibt, seine Werkgeschichte reflektiert, ihn erschließt als historische Erscheinung, Prozesse der Darstellung wie des Dargestellten.
WIE KANN ICH MIR DAS IM FALL „METROPOLIS“ VORSTELLEN?
Unsere Studienfassung erlaubt es zunächst, den Torso, also die überlieferten Fragmente - Einstellungen und in der originalen grafischen Gestalt überlieferte Zwischentitel - zu sehen in ihrer ursprünglichen Reihenfolge, Platzierung und Dauer, ohne Zusätze, stumm, die fehlenden Stücke, die Lacunae, vertreten durch dunkelgraue Flächen. Erstmals werden die Fehlstellen in ihrem zeitlichen Verlauf rekonstruiert - auf der Basis eines kritischen Vergleichs des überlieferten Filmmaterials mit der Partitur der zur Premiere gespielten Musik.
UND DIE GIBT ES AUF DER TONSPUR?
Allen Text- und Bildspuren kann die Musik von Huppertz zugeschaltet werden, hier erstmals in voller Länge zu hören, in einer Bearbeitung für Klavier vierhändig, nach der Klavierdirektion (Klavier- und Direktionsstimme) und der Salonorchester-Partitur. Das sind die einzigen die Premierenfassung des Films durchgehend, wenn auch nur nur partiell, repräsentierenden Dokumenten. Sie enthalten, außer den Noten, Stichworte, „Cues“, Hinweise für den Dirigenten, um die Synchronität von Film und Musik zu gewährleisten, insgesamt 1028, im Schnitt etwa alle neun Sekunden eins. Sie verweisen auf Schauplätze, Personen, Handlungsdetails oder Zwischentitel. Sie können auf der DVD dem Torso mit der Musik zugeschaltet werden, sodass der Rezipient - ich sage lieber „Leser“ als „User“ - filmische Überlieferung bzw. Rekonstruktion mit den Noten vergleichen kann.
Die Cues bilden auch den „harten Kern“ einer weiteren zuschaltbaren Spur, mit „Textinformationen“ zu den Fehlstellen, den Lacunae. Die Cues werden da ergänzt durch „weiche“ Informationen in magerer Schrift und eckigen Klammern, nach dem Drehbuch, das an diesen Stellen der Film vermutlich gefolgt war. Dabei haben wir uns, soweit wie möglich, jeder Interpretation enthalten. Eine weitere Spur kombiniert diese Text- mit Bildinformationen, vor allem Standfotos, auch sie „weiche“ Informationen zu dem Fehlenden; Standfotos entsprechen ja nie genau den Filmeinstellungen, geben wohl Handlungsmomente, aber so gut wie nie Bildkomposition und Blickwinkel wieder. Text- und Bildinformationen und Klavierbegleitung ergänzen einander zu einer Annäherung an die nicht erhaltenen Passagen des Films, suggerieren das Verlorene über eine Kombination aus Worten, Bildern und Musik, ohne den Anspruch einer beschreibenden Komplettierung.
Mit allen Kombinationsmöglichkeiten gibt es insgesamt 13 Textspuren, ihrerseits zu kombinieren mit zwei Bildspuren (Film und Fotos) und zwei Tonspuren (Musik und Stille). Die kontinuierliche „horizontale“ Lektüre dieses hoch geschichteten polyphonen (polyglotten) Gebildes kann der Betrachter, Leser, Hörer unterbrechen und, ausgehend von einer weiterhin zugeschalteten Spur mit Icons, kleinen Pfeilen am unteren Bildrand, wie Sternchen hinter einem Wort in einem Buch, Anmerkungen, Fußnoten aufschlagen, Appendices, kurze Folgen von Texten - von am Film Beteiligten und aus dem Drehbuch - und Bildern mit weiteren Informationen zu der jeweiligen Sequenz oder Lacuna.
WIRD DIESE FASSUNG IN DEN HANDEL KOMMEN?
Vorerst nicht - dreitausend Exemplare sollen für Institute und Forscher zur Verfügung stehen. Diese Studienfassung kann auch nicht das letzte Wort der Beschäftigung mit dem Film sein - erst recht nicht seiner populären Rezeption. Eine „Jubiläumsausgabe“ von „Metropolis“ - 2007, achtzig Jahre nach der Premiere - könnte die Vorzüge der DVD von 2002 mit den in unserer Studienfassung gewonnenen Einsichten kombinieren und durch eine vollständige Einspielung der Salonorchesterfassung „krönen“.
DIE „METROPOLIS“-STUDIENFASSUNG IST ABER NICHT DAS EINZIGE STÜCK DES DVD-PROJEKTS.
Zu der filmischen Rekonstruktion der russischen Originalfassung des „Panzerkreuzer Potemkin“, die in diesem Jahr bei der Berlinale vorgestellt worden ist - mit der daran adaptierten Musik des deutschen Komponisten Edmund Meisel -, und der digitalen Rekonstruktion der deutschen Verleihfassung mitsamt der dafür komponierten Meisel-Musik rekonstruieren wir digital auch die deutsche Ton- („Nadelton-“) Fassung des Films von 1930, mit Dialog, Geräuschen und der von Meisel selbst bearbeiteten und dirigierten Musik - drei Sätze mit den jeweils fünf Schallplatten sind neulich im Wiener Technischen Museum wiederentdeckt worden. Wir hoffen, dass das dann auch alles auf einer DVD zusammenwächst - mitsamt einer Darstellung der weiteren russisch-deutschen Rezeptionsgeschichte des „Potemkin“. Und dann haben wir die Erschließung von einigen zehntausend Metern „Takes und Outtakes“ des Films „Tabu“ in Angriff genommen, die vor allem im Österreichischen Filmmuseum liegen - Fragmente nicht der Nach-, Wirkungs-, Rezeptions-, sondern der Vor- und Entstehungsgeschichte eines Films.
INTERVIEW: Annett Busch
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