Klaus Lemke macht einfach weiter
In den 60ern und 70ern war Klaus Lemke einer der angesagtesten deutschen Filmemacher: seine Fernsehspiele mit Cleo Kretschmer waren Straßenfeger - so was gabs damals noch -, seine Kinofilme Kassenknüller -- Und warum?: Weil Klaus Lemke cool ist, der El Duderino von der Leopoldstraße, der lässigste Mann, der jemals in Deutschland hinter der Kamera stand und sagte, was Sache ist: ein Freibeuter des modernen, des reinen Kinos.
TEXT: OLAF MÖLLER
(2001)
Und Lemke ist immer noch der coolste, das walte Hugo: Lemke macht immer noch Filme wie in den 60ern - wie seine Weggefährten: Rudolf Thome, Eckhard Schmidt, auch solche Querköpfe -, während die Schergen der Verdummung der letzten Dekaden - mal abgesehen von den paar jungen und jung gebliebenen Unverschlechterlichen von der Bilderresistance, die immer noch an das Gute, an das Kino glauben, zum Teil seine geistigen Schüler! - es vorgezogen haben, diese jetzt Scheissfilmkultur in den Orkus der Hollywoodianoverskandinavisierung, der übelsten PseudoSPDvetternwirtschaftsverkleinstbürgerung zu schleppen: und der Koslicker tanzt voran, mit dem Schrammelfritz dicht hintendran... Während also so ziemlich alles den Bach runtergeht, macht Lemke einfach weiter: macht weiter Filme, für die er keine staatlichen Subventionen bekommt, macht Filme mit seinem Geld, mit seiner quasi-Rente (er hat die Rechte an seinen Fernsehspielen verscheuert), in seiner Wohnung und auf der Straße vor seiner Haustür und in der Umgebung, mit Amateuren, die aber Cinegenie, Charisma, Charme haben, die man vorne Kamera stellen kann und die liebt und fickt sie, weil sie einfach fürs Kino geboren wurden. Filme für'n Killefitzbetrag, aber auf 35mm, denn ein Mann braucht Maßstäbe.
Lemke leistet Widerstand. Und das macht er cool wie keiner. Lemke hat jetzt einen neuen Film fertig, »Running Out of Cool«, der so ziemlich das großartigste, das frischeste, das jugendlichste, und das fröhlichste ist, was hier in den letzten Jahren so gemacht wurde -- und den man für's erste wohl nicht zu sehen bekommt, weil die Asche für den Negativschnitt plus Negativ plus Vorführkopie(n) fehlt, aber da arbeitet Lemke dran, denn Lemke arbeitet noch für seine Filme, indem er Filme macht - TV-Dokumentationen im Stil des kommerziellen Realismus: »Die Leopoldstraße Kills Me« & »Never Go to Goa« -, so wie er das immer gemacht hat.
»Running Out Of Cool« ist ein Film über einen Typen, der statt auf die Filmhochschule zu gehen lieber einen Film dreht: den kommerziellen Kunstporno für Cannes, der Film über alles, und mit allem, was man so braucht: coole Typen, coole Mädels, die alle coole Sachen machen, am besten miteinander. Als erstes wird den Burschen & Mädels gesagt, dass sie in dem Film mitspielen, was sie auch gerne tun, und noch vieles mehr; dann klauen sie bei Arri eine Kamera; nach deren Anbetung kommt jemand auf die Idee, dass ein Drehbuch eigentlich auch nicht schlecht wäre; der Türsteher von nem Stripladen spendiert einen Sportwagenkofferraum voll Rohfilm, und wird somit Produzent, wie das halt so geht. Groß ein Film kommt dabei am Ende nicht rum, aber viel gepoppt wird, viel gesoffen, und tierisch viel gelabert. Und das ist schön.
Lemke macht noch echt amerikanisches Kino: alles ist Bewegung. Die Kamera bleibt ruhig auf den Menschen, lässt schön Raum um sie zum Schauen wie zum Atmen (fast alles vom Stativ, fast immer fixe Kader, und im wesentlichen alles mit einem Objektiv, einem 50er, klar, klassisch, so sieht auch alles am besten aus). Bewegung ist das, was die Leute machen wie das, was sie sagen, und das ist immer interessant. Wobei man sich vom ersten Blick - man muss genau zuhören - nicht täuschen lassen darf: »Running Out of Cool« sieht zwar aus wie mit links runtergerissen, ganz cool, hat aber ein ganz feines, brillant ausgearbeitetes Drehbuch -- man muss einfach nur mal sehen, wie Lemke diesen wunderbaren Kunst-Slang für seine Charaktere kreiert, wie Worte aufgenommen werden, wie die Jungs plötzlich mit Worten der Mädels spielen, und umgekehrt, wie ihre Sprache immer verkodifizierter wird und dabei, innerhalb der Logik/Welt des Films, immer innerlich genauer, bis die Sprache die gleiche Körperlichkeit, Präsenz entwickelt wie die Darsteller. Das alles mit Lemkes sehr eigenen, ganz schlichten Technik der Dialogimprovisation in der Schauspielerführung: die Darsteller bekommen nie vorher ihre Dialoge zum Lesen, sondern immer nur kurz vor dem Dreh von Lemke gesagt (so: »Und dann sagst du zu ihm so was wie, dass er, der Cowboy, jetzt doch mal rangehen soll« ...). Lemke macht einfache Filme, die Spaß machen, die nichts wollen, nichts anders wollen als gutes Kino zu sein. Lemke macht immer noch das einzige wahre moderne Kino, das Kino der Zukunft. Lemke wurde vor ein paar Tagen 60.
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