Im Puppenhaus
Von Beginn an kommt in Innocence (2004), dem Debütfilm der französischen Regisseurin Lucile Hadzihalilovic, ein Gefühl des Unheimlichen auf – im Freud’schen Sinn des Wortes: Die beunruhigende Fremdheit des Raumes, den der Film eröffnet, verweist auf etwas, das einmal vertraut war und doch nicht ganz zu fassen ist.
Aus rauschendem Wasser steigt der Blick empor. Ein Parcours durch mysteriöse Räume beginnt. Ein kleiner See, ein märchenhafter Wald. Der nächste Schnitt führt unter die Erde, in düstere Kellergänge, Einstellung für Einstellung wird er durchmessen. Eine Tür erscheint im Bild, danach das menschenleere Innere eines Hauses, eine Standuhr, schließlich ein Zimmer, in dem ein Sarg aufgebahrt steht. Ein hermetisches Terrain dient als Schauplatz des Films, umschlossen von einer hohen Mauer. Zutritt haben nur junge Mädchen, die noch nicht die Pubertät erreicht haben.
Die sechsjährige Iris kommt dort an und wird zu jener Figur, durch deren Augen wir den Ort erkunden. Ihre Vorgeschichte bleibt unbekannt. Als sie die Augen öffnet, liegt sie im Sarg, um sogleich von einer Schar älterer Mädchen ordentlich begrüßt zu werden. Sie erhält wie die anderen ein Haarband, welches ihre Altersgruppe bezeichnen hilft. Bianca, die Älteste, nimmt sich ihrer mit Fürsorglichkeit an. Die Mädchen verwalten den Ort, eine Art Internat, völlig autonom. Die Hierarchie ist erfahrungsabhängig. Keine Autorität muss hier gefürchtet werden, aber es gibt strikte Regeln und Verbote. Niemand darf den mysteriösen Ort verlassen. Wer es trotzdem versucht und dabei ertappt wird, dem droht, so heißt es, die Strafe, ein Leben lang hier dienen zu müssen. „Gehorsamkeit ist der einzige Weg zum Glück“, wird eine der beiden Lehrerinnen, bei denen die Mädchen täglich Ballettunterricht nehmen, so auch später einmal zu Iris sagen. Da weiß sie das aber schon selbst.
Die Disziplinierung von jungen Menschen ist in "Innocence" nicht die Basis eines Dramas, in dem Fragen von Norm und Devianz verhandelt werden. Wie schon in Frank Wedekinds Erzählung „Mine-Haha oder Über die körperliche Erziehung der jungen Mädchen“, die Innocence als Vorlage dient, geht es um ein ästhetisches Programm, das im Tonfall eines geheimnisvollen Erzählung vermittelt wird. Die körperliche Erziehung meint hier keine Form der Züchtigung, sondern die allmähliche Erziehung zu einer artifiziellen Natürlichkeit: zur anmutigen Beherrschung des Körpers, die sich im Tanz ausdrückt. Das lange Zeit in der Schwebe gehaltene Ziel des Unterrichts ist denn auch eine Ballettvorführung in einem Theater, das im Innersten des Internats verborgen liegt. Hier müssen die ältesten Mädchen vor einem anonymen Publikum ihr Können demonstrieren, bevor sie entlassen werden. Den Weg dorthin beschreibt der Film allerdings nicht als Martyrium, sondern als assoziative Passage von der Kindheit ins Erwachsenenalter. Das wiederkehrende Motiv dazu ist die Metamorphose der Raupe zum Schmetterling, das auch der Darbietung der Mädchen am Theater zugrunde liegt.
"Innocence" dramatisiert das Geschehen zwar mittels kleinerer erzählerischer Einschübe – es gibt das renitente Mädchen, das die Flucht versucht; oder jenes, das alles investiert, von der Direktorin erwählt zu werden, damit es den Ort früher verlassen kann. Im Mittelpunkt steht allerdings der alltägliche Ablauf des Internats, mehr noch ein beklemmender Zustand des Nichtwissens und Eingeschlossenseins, den Hadzihalilovic mit einer ungewöhnlichen Bildsprache und einem akzentreichen Sounddesign evoziert. So sind die Cinemascope-Bilder von Kameramann Benoît Debie, der bereits Filme für Dario Argento und Gaspar Noé fotografiert hat, meist streng statisch kadriert, Köpfe und Objekte oft angeschnitten, die Mädchen mithin bereits in der Einstellung in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, ihre Körper bereits einer ästhetisierenden Sichtweise unterworfen. Dass der Blick auf den Himmel erst ganz am Ende frei wird, sei eine ganz bewusste Entscheidung gewesen, verrät die Regisseurin in einem ergiebigen Interview - dem einzigen Extra der nun beim britischen Label „Artificial Eye“ erschienenen DVD –, um das klaustrophobische Gefühl des Ortes noch weiter zu schüren. Der Film solle wie ein Puppenhaus wirken, in dem man sich als Zuschauer frei bewegen kann. Wobei Hadzihalilovic vor allem an einem taktilen Raum gelegen war, der nicht mit gedanklichen Konzepten überladen wirkt.
"Innocence" war im deutschsprachigen Raum bisher nicht regulär im Kino zu sehen. Dabei zeichnet sich die Arbeit, zumal für einen Debütfilm, durch eine kompositorische Qualität aus, die etwas geradezu Verschwenderisches hat – und selbst im so facettenreichen französischen Film ziemlich einzigartig bleibt. Die – stets bei natürlichem Licht – gedrehten Aufnahmen von in Wiesen, Wäldern oder im Wasser spielenden Mädchen erinnern in ihrer gedankenverlorenen Schönheit mitunter an impressionistische Gemälde. Überhaupt haftet der Natur hier eine eigentümlich romantische Aura an, die der artifiziellen Ästhetik des Balletts entgegen gesetzt bleibt. Wenn Bianca am Ende mit einem Zug das Internat verlässt und unter einem Springbrunnen auf einen Jungen trifft, dann verlässt sie endgültig das Terrain, das davor so assoziationsreich heraufbeschworen wurde: jenen von diffusen Ängsten bevölkerten imaginären Raum der Kindheit, in dem man auf unheimliche Weise der Natur noch um so vieles näher war.
Kolik.film 5/2006
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