Neue Filme auf DVD - Söhne, Kinder und Verräter

Was tut der Mann da eigentlich die ganze Zeit? Olivier ist Schreinermeister in einer Resozialisierungseinrichtung für jugendliche Straftäter. Doch von seinem Körper bei der Arbeit sehen wir meistens lediglich den Kopf - oft auch nur von hinten. Die Gebrüder Dardenne erzählen in ihrem Film »Der Sohn« eine im Grunde unmögliche Geschichte vom Schauen und Beobachten.

Eine Geschichte über den Versuch sich aus den Bewegungen der Körper einen Reim zu machen. Olivier geht es da nicht viel anders als dem Zuschauer. Er erschließt sich die Welt im Allgemeinen und seinen Lehrling Francis, mit dem ihn ein ganz besonderes Schicksal verbindet, im Besonderen über ein Massnehmen. Er richtet seinen Blick aus, taxiert, rechnet, versucht nachzuvollziehen. Die Dinge richten sich nicht von allein. Es muss angepackt werden.

Den Dardennes ist mit ihrem Sohn ein weiteres stilles Stück handwerklich bester Filmarbeit gelungen. Bar jeder Musik und sehr indirekt berichten sie davon wie wichtig die Details sind, wie unerhört leise sich von Gewalt sprechen lässt, was es noch bedeuten kann den Gürtel enger zu schnallen und das sich ein Stück Holz nicht von alleine in einen Fensterrahmen verwandelt. Unterstützung finden sie dabei vor allem von einem atemberaubend ungerührt spielenden Olivier Gourmet, dessen teilnahmslos, trauriger Blick jeden Ansatz von Sensation und Exzess in der Geschichte vom verlorenen Sohn unter sich begräbt. Das Gegenteil von Zeigen ist Schauen und das Gegenteil von epochalen Dramen die Schicksale ins dramaturgische Korsett, zwängen sind drängende, viel zu nahe und aufmerksam entschleunigte Filme wie dieser.


Sehr nah drängt sich auch Miranda July mit ihrem Debüt „Me and You and Everyone we know“, einem verschroben schönen Ensemblefilm, der wirkt als wäre Todd Solondz über Nacht ein klein wenig zum herzensguten Humanisten geworden. Da gibt es zum Beispiel die glücklose Künstlerin Christine Jesperson, gespielt von July selbst, die sich ihr Geld als Altenpflegerin verdient und im Zuge dessen den introvertiert mehrdimensionalen Schuhverkäufer Richard Swesey kennenlernt. Jener wiederum ist single-dad und seine beiden Söhne Peter und Robby nutzen ihr zu viel an Alleinzeit um die ersten Erfahrungen mit ihrer Sexualität zu machen. Das gelingt im Fall des älteren in Form seines ersten Blow-jobs, während sein jüngerer Bruder eine kindlich naiv verschobene Cybersex-Affäre mit einer Unbekannten pflegt. Wiederum unmögliche Ereignisse wie beim Schreiner Olivier.

Die Irrungen und Wirrungen der Liebe und des Sexes stellt July dabei so unverfroren charmant und trotzdem nicht unproblematisch dar, dass es einem beim bloßen zuschauen wie Schuppen von den Augen fällt: Es gab tatsächlich seit den 70ern und da vor allem seit Jaromil Jires „Valerie a tyden divu“ keinen Film mehr der sich adoleszentem Triebleben mit so viel Humor und Selbstverständlichkeit genähert hat. Und das ausgerechnet in den vereinigten Staaten von Amerika.

Dass Miranda July bisher noch nicht von einem wütenden Midwest-Mob am nächstbesten Baum aufgeknüpft worden ist verdankt sie vermutlich ihrer ganz und gar unexplizit zurückhaltenden Art sich mit wiederum sehr ausdrücklichen Situationen zu befassen. Nach all den zwar gefeierten aber letztlich viel zu selbstverliebten Nichtssagern der letzten Jahre, von Lost in Translation bis Mean Creek, braucht es wohl eine junge Dame die noch gar nicht so richtig weiß, ob sie überhaupt Filme machen will, um dem so genannten amerikanischen Independentfilm, jenseits von Gus van Sant, noch ein klein wenig Existenzberechtigung angedeihen zu lassen.

Unmöglich ist auch was sich der New Yorker Polizist Frank Serpico in den frühen 70er Jahren herausnahm. Ein einsamer Don Quixote dessen Windmühlen gegen die es anzureiten gilt die korrupten Praktiken der lieben Kollegen waren. Wiedermal eine wahre Geschichte. Doch weil Biopics früher noch mehr waren als lustlose Geschichtsumschreibung, gelang es Sidney Lumet seinen „Serpico“ als traurige Ikone der Gegenkultur zu inszenieren. Al Pacino glänzt dabei als Wüterich am Rande zur Resignation und das bescherte ihm auch postwendend den Durchbruch in den Massenmarkt.

Lumet gelingt es die alte Geschichte vom einzig ehrlich Tor unter lauter abgefeimten Lügnern als Bild für den Marsch durch die Institutionen zu inszenieren. Egal wohin sich Serpico wendet, in welches neue Revier er versetzt wird, sein Ruf eilt ihm voraus und die Korruption ist schon vor ihm da. Ein schluffig, bärtiger Kämpfer für die gute Sache mit leichtem Hang zur Naivität. Und das nur weil er der einzige ist der die wohlmeinende Rede bei seiner Vereidigung ernst nimmt und nicht wie seine Kollegen als bloße Makulatur abtut. So bleibt er dazu verdammt anzurennen gegen den scheinbar übermächtigen Feind. Am Ende hat er zwar ein klein wenig gesiegt, ist aber dazu verdammt ins Exil nach Europa zu flüchten.

Mit „Dog Day Afternoon“ gibt es sicher den widersprüchlicheren und dadurch spannenderen Lumet-Pacino Film über einen Outcast der sich entgegen aller Chancen aufbäumt weil er nicht wahrhaben will was wahr ist. Trotzdem bleibt Serpico ein ebenso guter wie wehmütiger Abgesang auf die handvoll ehrlicher Spinner die versuchen ihren Mitmenschen das eigene falsche Leben schwer zu machen. So schwer wie es eigentlich sein müsste.

Autor: Hias Wrba
Dieser Text ist ursprünglich in der Spex erschienen