Ein Film von James Cameron

Ein Trailer vorneweg. Was alles passieren wird. Auf uns zukommt. "Genrelust", "Gewalt als Grenze des Mediums", "Männerspiele". In: KÖRPEREINSATZ. DAS KINO DER KATHRYN BIGELOW". Schüren 1999. Bei einem Buch sagt man gewöhnlich Einleitung, in diesem Buch über Filme von Kathryn Bigelow heißt es Trailer. Es soll um Bilder gehen. Die AutorInnen des Aufsatzbandes interessieren sich nicht so sehr für den "schlichten Plot". "Wer sich auf die Oberfläche der Geschichte konzentriert, verpaßt eine Menge". Man achte auf die Bilder.

Trailer auch deshalb, weil zunächst ein Trailer beschrieben wird. Der Trailer zu "Strange Days", dem bislang letzten Film von Kathryn Bigelow. Ein Film von 1995 über das Ende von 1999. Daß Bigelow bei diesem Film Regie geführt hat, war nicht leicht mitzubekommen. Die Geschichte vom Marketingkonzept zu "Strange Days" ist wie aus dem feministischen Bilderbuch. In den Werbeanzeigen machte das unverfängliche 'ein-Film-von' einen der beiden Drehbuchautoren und Mitproduzenten kurzerhand zum Regisseur. Und alles, was dieses 'von' in Frage stellte, mußte weg: 'Kathryn Bigelow'. Bigelows Name sei nur wenigen bekannt, begründete der Verleih sein Vorgehen. 'James Cameron' stehe hingegen - die "Titanic" war noch nicht unterwegs - für die Kassenschlager "Terminator 2" und "True Lies". Wenn er dafür steht, warum dann nicht alleine? Warum noch die großen Filme aufzählen? Wozu die beiden Stützpfeiler? Könnten die nicht überhaupt allein werben? Wie bei Gale Anne Hurd etwa, wo auf den Plakaten zu "Das Relikt", auch nicht mit dem Namen der Produzentin geworben wurde, sondern bloß mit den von ihr produzierten Filmen. "Aliens" und "Terminator 2" kamen da ganz gut alleine klar.

Eine Frage der Perspektive. ("I thought his guts fell out of his vagina", sagt die Serien-Heldin Rosanne über ihren ersten Anblick eines nackten Jungen). Wenn in Bigelows "Blue Steel" Jamie Lee Curtis ihren Widersacher und Ex-Geliebten zum Duell stellt, dann sieht man in Nahaufnahme, wie sie den Reißverschluß ihrer Jacke öffnet, und eine mehrfach wiederholte Großaufnahme zeigt die riesige Smith & Wesson im Schulterhalfter neben ihrem Busen. Alles ist da zusammen. Eine Drohgebärde, die zugleich eine Verlockung ist. Busen wie Colt laden sich gegenseitig als Fetisch auf. Bigelow arbeitet in Hollywood. Sie macht Genre-Kino und Mainstream. Genres sind für sie gegeben. Und damit: veränderbar. "Film [...] ist für sie die Arbeit mit gefundenem Material, deren Neukontextualisierung neue Effekte hervorbringt" schreibt Wolfgang Struck in "Körpereinsatz 1"). Ein Etikett wie 'Actionfilm' kann da nicht mehr als eine Annäherung sein. Eine Schublade, begrenzt wie alle Schubladen. Auch mit 'Polizistenfilm', zeigt Gabriele Jofer, kriegt man von "Blue Steel" nicht sonderlich viel zu fassen. Hauptfigur Megan Turner hat schon durch die Besetzung mit Jamie Lee Curtis eine Menge von Halloween und Horror mit im Gepäck. Und das wäre bloß ein Anfang. Selbst mit Mehrfach-Etikettierungen wie bei dem als 'Vampir-Western' bekannt gewordenen "Near Dark" erhält man nur unbefriedigende Beschreibungen. Dabei sind es nicht nur weitere Genre-Versatzstücke, die aufzuzeigen wären. Was mit solchen Einordnungen nur schwer rüber kommt, ist das, was Film sonst noch, was er vor allem kann. Die Musik von Tangerine Dream, die stille dunkle Nacht, die grellweißen Lichtkegel, das Blut, das sich im Verlauf des Films mehr und mehr mit dem Ruß von verkohlter Vampirhaut vermischt. Near Dark eben.

Arbeiten am Genre geht nicht ohne das Bearbeiten von Ikonographien. Sonnenlicht fällt in die Scheune, auf einen Sattel, ein Zaumzeug. Und auf einen Cowboy-Hut. Von dem samt Besitzer jedoch nur einen Schatten zu sehen ist. Caleb hatte seinen Hut verloren, war bei den Untoten. Jetzt hat er ihn zurück. Und einen Schatten wirft er nun auch wieder. Ein Bild aus "Near Dark", ein Bild, das man auch in "Körpereinsatz" findet. Als Videoprint, unter vielen, vielen anderen Fotos. Durch die weiträumige Arbeit mit Bildern kann in dem Band gerade Bigelows Arbeit mit und am Bild gezeigt werden. Ein Bild mehr hätte ich mir gewünscht: Die Frau aus "Point Break", die Keanu Reeves zusammenschlägt. Als die Schießerei losgeht, steht sie unter der Dusche. Die Glaskabine wird zerschossen und sie hockt schreiend da ohne alles. Reeves duckt sich weiter durchs Haus. Da taucht sie plötzlich von rechts auf. Genauso nackt wie vorher prügelt sie nun Reeves zu Boden, daß die Titten wackeln. Die Wendung von nackter Hilflosigkeit in schiere körperliche Überlegenheit ist eins. Hinzu kommt eine visuelle Überraschung: ein gutausehender Frauenkörper, der die von ihm erwarteten Formen nicht wahrt. Die Hauptfiguren in Bigelows Filmen abgesehen von "Blue Steel" sind Männer. Doch die Frauen in diesen Filmen sind ebenso aussagekräftig. Tyler etwa. In "Point Break" ist sie (gespielt von Lori Petty) eine Randfigur. Als 'Frau zwischen zwei Männer' ist sie eine Projektionsfläche, über die der Bankräuber Bhodi und der verdeckt arbeitenden FBI-Agent Utah die erotisierte Rivalität zwischen sich mediatisieren. Im Gerangel der männlichen Eitelkeiten steht sie außer Konkurrenz, darf nicht stören. Frau paßt, soweit ganz klassisch. Doch Tylers Randpostion wird auch als Blick eines Dritten auf die Männer genutzt. Sie beobachtet und urteilt. Und diese Eigenständigkeit wird ihr am Ende nicht einfach mit einem Happy-End genommen. Zwar liegt sie dann in Utahs Armen, doch nicht ohne Merkwürdigkeiten. Die hell seidenen Dessous, die sie trägt, hätte man während des Films nicht unter ihren abgeschnittenen Jeans vermutet. Und wie drangeklebt, so Welf Kienast in "Männerspiele", kommt dann noch ein zweites Ende hinterher. Mit den Männern unter sich. Tyler? Who? Das abrupte Nicht-Mehr-Vorkommen Tylers hat etwas unbekömmliches, bereitet Unwohlsein. Mit Geschlechterrollen geht Bigelow wie mit Genregrenzen um. Sie arbeitet mit gefundenem Material. Die Spuren einer Vampirmahlzeit werden von ihr geschlechtsspezifisch inszeniert. Bill Paxton hat schlechte Manieren. Er redet beim Essen. Und das Blut quillt ihm dabei aus dem Mund. Wenn Mae dagegen sich das Blut von den Lippen wischt, wirkt das Rot auch wie das eines Lippenstiftes. Das hat viel von Klischees, doch im Rahmen dieser unorthodoxen Nahrungsaufnahme treten die auch aus ihrer Selbstverständlichkeit hervor, werden so markiert.

"Körpereinsatz" ist allein schon als Buch über eine Hollywood-Regisseurin eine Seltenheit. "'Liegt Ihnen daran, daß das Publikum in ihren Filmen eine spezifische "weibliche Handschrift" erkennt?' 'Nein. Ich hoffe, daß ich keine geschlechtsspezifischen Filme mache'". Bisweilen gingen Bigelows Reaktionen auf Fragen in diese Richtung auch über bloße Dementis hinaus. "Können Sie ein Gespräch mit einem weiblichen Regisseur führen, das sich nicht ums Geschlecht dreht?". Es liegt Bigelow viel daran, als Regisseur zu gelten. Daran, daß man ihr Frau-sein aus dem Spiel läßt. Aus der Perspektive einer feministischen Literaturwissenschaft, die eine weibliche Autorschaft als ein schweres Unterfangen begreift, läßt sich das sehr wohl verstehen. 'Autor' und 'Frau' gehen traditionell nicht zusammen. Der 'Autor' ist 'Schöpfer', ist autonom. In seinem Tun er erhebt sich über alles. Die Frau soll das nicht können, faßt Barbara Vinken zusammen, "weil ihr Schreiben nicht Kreation, sondern nur Ausfluß ihres Seins ist". Und Frauen sind vor allem eins: Bilder. In der aufgeschriebenen Geschichte des Abendlandes kommt 'Frau' als Akteurin so gut wie nicht vor. In der Bilderwelt wird sie dafür im Überfluß verhandelt. Entsprechend gestalten sich Denken, Wahrnehmung und Erwartungen. Assoziationsketten, die gebildet werden.
Welche Bilder sie macht, ist nicht so sehr das, was Bigelow als Frau auszeichnet. Auch die Bilder, die man sich von ihr macht, sind da nicht groß aussagekräftig. Es ist viel mehr der Umstand, daß Bigelow zum Bild wird, der sie zur 'Frau' macht: "'Big Bad Bigelow'" und "'die härteste Frau Hollywoods'" zitiert "Körpereinsatz". Die "universelle Bildfunktion der Frau" (Sigrid Weigel, Topographien der Geschlechter) greift augenblicklich, sobald jemand als Frau wahrgenommen wird. Die Bilder, die Bigelow selbst macht, treten hinter diesem Bild zurück. Anders als bei einem James Cameron. Bei ihm stützen sich sein Bild und sein Agieren gegenseitig. "Körpereinsatz. Das Kino des James Cameron" läßt Actionfilme, Schlägerein usw. erwarten. Bei Bigelow scheint ein Bild, ihr Tun erklären zu müssen. Wieso macht eine Frau sowas? Und schafft sie das überhaupt alleine? (Steckt da nicht ein Ehemann dahinter, ein Ex-Ehemann oder welcher Mann auch immer?) Ihre Arbeit wird zur Dienstleistung: "'the world's highest-priced dominatrix'". Auch ein zunächst unscheinbarer Titel wie "Körpereinsatz" kann in Kombination mit einem Frauennamen Assoziationen à la 'Sexgewerbe' auslösen. Wollte man andererseits einen von Bigelows Filme kennzeichnen: 'dominatrix' käme nicht in den Sinn. Die Filme haben keinen Platz. Obwohl dieser Titel "Körpereinsatz" gerade für sie gerade eine feinsinnige, über 'Actionfilm' hinausgehende Beschreibung bietet. Daß Bigelow selbst Bilder macht, verschwindet bisweilen sogar ganz. Wie bei der Werbekampagne von "Strange Days". Die ist ärgerlich. Aber sie läßt sich auch als Rohstoff nutzen. Es läßt sich daraus ein Bild machen. Keines von Kathryn Bigelow. Eines von ihrem Verschwinden: Ein Film von James Cameron.

Verena Mund