Die Buße des Vaters
Le fils, Belgien/Frankreich 2002, 103 Min.
Regie: Jean-Pierre und Luc Dardenne, mit Olivier Gourmet und Morgan Matrinne
Wo ein Sohn ist, ist auch ein Vater nicht weit. Dieser hier ist in fast jeder Einstellung zu sehen, so fasziniert ist die Kamera von ihm. Die Regisseure Jean-Pierre und Luc Dardenne schreiben: »Wir könnten uns den Film nicht mit einem anderen Körper, einem anderen Schauspieler vorstellen.« Entschlossen und ziellos, wütend und verzweifelt bewegt sich dieser Körper. Die Augen hinter dicken Brillengläsern verborgen, die Arme frei schwingend an der Seite, der massige Leib mit einem Hüftgürtel gestützt und eingesperrt. Das Leder dieses Gürtels mit den drei Verschlüssen knarrt und knackt bei jeder Bewegung. Einmal nimmt er diesen Gürtel auseinander und prüft, mit der fachlichen Zärtlichkeit des Handwerkers, jede der Ösen einzeln, schlägt dann eine neue Niete ein, um ihn noch fester zurren zu können. Die Kamera bleibt der Figur stets im fleischigen Nacken, so aufdringlich, dass man als Zuschauer fast ein Gefühl der Bedrohung empfindet: er könnte sich umdrehen und uns entdecken.
Olivier Gourmet, der auch als Filmfigur so heißt, spielt den Tischler als tragischen Vitalisten, zu viel Kraft, zu wenig Hoffnung. Als Lehrmeister in einer Schreinwerwerkstatt für schwer erziehbare Jugendliche ist er Vater für viele Söhne. Als er eines Tages einen Neuen aufnehmen soll – wie sich bald herausstellt, der jugendliche Mörder seines einzigen Sohnes, auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen – weigert er sich zunächst, entwickelt dann zu dem nichtsahnenden Jungen aber doch ein seltsames Vertrauenverhältnis. »Nicht Fleisch und Blut, das Herz macht uns zu Vätern und Söhnen« (Schiller, Die Räuber). Ein simpler Plot, mit den Mitteln, die man für gewöhnlich »kühlen Sozialrealismus« nennt, spärlich inszeniert. Weniger als um das Soziale geht es aber ums Menschliche, oder genauer: das Körperliche. Wie man ein Holz anfassen, seine Maserung fühlen muss, um seine Herkunft zu bestimmen, so geht dieser Film quälend nah an seinen Hauptdarsteller heran, der sich umso verschlossener gibt, je näher die Kamera ihm zu Leibe rückt. Erzählt wird in Bewegungen des Zögerns, einen Schritt vorwärts, einen Schritt zurück.
Jean-Pierre und Luc Dardenne haben über zwanzig Jahre Dokumentarfilme zusammen gedreht. Seit sie auch Spielfilme realisieren, sind sie die Lieblinge von Cannes geworden: Goldene Palme für »Rosetta« 1999, Nominierung und Darstellerpreis (Olivier Gourmet) 2002 für »Le Fils«. Bei allen sozialkritischen Hintergründen ihrer bislang drei Spielfilme – Armut und Alkoholismus in »Rosetta«, das Schicksal illegaler Immigranten in »La Promesse«, Rehabilitation straffällig gewordener Jugendlicher in »Der Sohn« – zieht sich durch alle Filme ein roter Faden: die Beziehung des Söhne/Töchter zu ihren Vätern/Müttern. Immer ging es um Rebellion, Flucht, Enttäuschungen, den Verrat der Eltern an ihren Kindern. In »Le Fils« scheinen die Dardennes die Generationen wieder einander annähern zu wollen. Warum sich der (verwaiste) Vater ausgerechnet für diesen denkbar ungeeigneten Ersatz-Sohn entscheiden wird, ist das große Geheimnis in diesem Film, in Zusammenhang mit den anderen Filmen der beiden Regie-Brüder drängt sich jedoch ein Erklärung auf: die Buße des Vaters am Sohn, eine Wiedergutmachung dessen, was Olivier Gourmet in »La Promesse« als Vater seinem Sohn angetan hat.
Dietmar Kammerer
Der Text ist ursprünglich in der "jungen Welt" erschienen
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LE FILS, nicht L'ENFANT
Der Text handelt von LE FILS, nicht von L'ENFANT. Übrigens ist LE FILS auch wirklich der bessere Film. Korrigieren bitte!
C.H.