Die Illusion Sie kennengelernt zu haben war schön

ENKI BILIAL: Immortal (ad vitam)

Wir schreiben das Jahr 2095. Eine junge Frau mit kurzgeschorenen blauen Haaren, milchig weißer Haut und einem langen dunklen Mantel passiert mit energischem Schritt eine virtuelle Buchstabenwand, die Normalsterbliche vor dem Betreten der dritten Dimension warnt. Auf einer Art Laufsteg weit über den Häuserschluchten eines grünstichig metallicfarbenen New York eilt Jill Bioskop einer komplett schwarz verhüllten Figur entgegen: »John!« Die ehemalige Miss France, Linda Hardy alias Jill wirkt verunsichert während sie vor ihrem geliebten Mentor steht. Der durchquert die Erde bereits seit Jahrhunderten und verträgt kein Licht. Sie war in die Fänge des faschistisch strukturierten Organimperiums »Eugenics« geraten. Nur der Genforscherin Elma Turner (Charlotte Rampling) verdankt sie ihren Job als Versuchskaninchen, den sie ausübt, um nicht in Gefangenschaft zu darben. Elma Turner hatte an dem entrückten Wesen mit dem melancholischem Blick und den blauen Tränen Gefallen gefunden und sich zur Aufgabe gemacht, ihrer Gedächtnislücke auf die Spur kommen. Jill hat Angst: »My organs are not in the right place.« – »Nach wessen Kriterium?« fragt John zurück und deutet auf eine über der Stadt schwebende Pyramide.

Die Ordnung der Dinge und der Narration ist längst aus den Fugen geraten. Nichts und niemand scheint zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wir befinden uns im Universum von Enki Bilal, in »Immortal (ad vitam)«. Einer Comicverfilmung, wenn man so will, basierend auf einer Trilogie, an der Regisseur Enki Bilal über 15 Jahre gearbeitet hat. Drei Geschichten aus der Zukunft, rund um die Figur des Alexander Nikopol: »Die Geschäfte der Unsterblichen«, »Die Frau in der Zukunft« und »Äquatorialkälte«. Der erste Teil spielt im faschistisch regierten Paris 2023 während eines »neuerlichen sinnlosen Wahlspektakel«. Zwei Atomkriege sind über die Erde gefegt, während Alexander Nikopol 30 Jahre unbeschadet und ohne zu altern in einem Kälteschlaf dämmerte. Nun hat er einen Sohn, der so alt ist wie er, während der ägyptische Gott Horus sich seines Körpers bemächtigte, um die Regierung zu stürzen. Der zweite Teil, angesiedelt in Berlin während dem sogenannten »Eierkrieg«, handelt von der Journalistin Jill Bioskop und ihren Recherchen zum Krieg zwischen »Islamochristen« und »Afropakistanis«, der dritte Teil schliesslich spielt in einem fiktionalen afrikanischen Land, während der Dreharbeiten zur Biografie einer Figur namens Alexander Nikopol. Dort schließt sich ein Kreis. Auf den ersten Seiten des letzten Teils erzählt der Produzent der Dembi Dolo Studios: »Stellen Sie sich vor – in 40 Jahren als Produzent und Regisseur habe ich nie einen (Film) zu Ende gebracht! ... Immer war was – Krieg, Krisen, Konkurse, Selbstmord einer Schauspielerin, Liefersperre von Filmmaterial – und aus der Traum ... da, sehen sie: Der Farbfilm war alle ... Ich habe die Szene in Schwarzweiss abgedreht ... kurz darauf hat Nikopol uns sitzengelassen, Jill und mich. Ist einfach mit seiner grüngestreiften Katze abgehauen ... hab nie mehr was von ihm gehört ... der Film war natürlich im Eimer.«

Aber nun gibt es ihn, den Film. Fast 200 Seiten Zeichnungen in DIN-A-3 übersetzt auf die Leinwand. Über 20 Grafiker waren mit den Vorlagen für die 3D-Animation beschäftigt, Enki Bilal hat sie verfeinert. Die Bilder wurden ein weiteres Mal überarbeitet und dann erst animiert. Die Schauspieler agieren vor der Blue Box und schliesslich wird all das auf 35mm abgefilmt. Ein vergleichsweise sorgfältig ausgearbeitetes Verfahren und doch geht viel Spezifisches verloren. Die zusammengezurrte Trilogie ist nun eher eine Art universelles Sci-Fi Märchen, das deprimierend düster gezeichnete Paris weicht einem futuristisch geschäftigen New York und all die langen, einst speckig schattierten Mäntel sehen nun aus wie von Comme des Garcons. Aus der robusten Journalistin Jill wird ein beinahe opakes Wesen und aus den zig Nebensträngen der Comichandlung filtert Bilal vor allem die schizophren-göttlich-freigeistige Liebesgeschichte. »Love is a matter of time«.

Der Weg der Adaption ist lang und ein komplexer Prozess. Enki Bilal verbringt in den 50ern seine Kindheit in Belgrad. Als er neun ist, ziehen seine Eltern mit ihm nach Paris. Er treibt sich viel im Kino rum, hier wie dort. 1972 hat er seine erste Bildergeschichte fertig, Anfang der 80er wird er zum Star der französischen Comicszene. Ausserhalb Frankreichs bleibt er eher ein Geheimtip. Der Krieg im ehemaligen Jugoslawien bringt Enki Bilal in gewisser Weise wieder zurück nach Belgrad, auch wenn sein Hauptwohnsitz in Paris bleibt. »Ich bin in Belgrad einem politisch bewussten Kontext aufgewachsen, in einer Welt wo es einen Helden gab, nämlich Tito, und wo man ständig mit den Erinnerungen an den Krieg konfrontiert war. Gegenüber von unserem Haus befand sich das Waffenmuseum. Das war ein alltäglicher und bewusster Bezugspunkt, direkt verbunden mit der Politik um die sich alles drehte. Im Kino muss Politik nicht im ideologischen Sinne sichtbar werden. Ein amerikanischer Film über die Mafia ist ein politischer Film. Es erscheint mir bizarr, die Politik nicht als etwas wichtiges zu integrieren. Ich habe die Tendenz, viel über Diktaturen und Diktatoren zu sprechen.« Und auch die Unsterblichkeit, wie Bilal sie interpretiert, ist nicht viel anderes: »Immortality is a form of dictatorship of life over death.«

Mit einem anderen französischen Comic-Autor, Jacques Tardi, verbindet Enki Bilal die Vorliebe, historische Ereignisse aufzugreifen. Bei Bilal ist es der Spanische Bürgerkrieg, von Tardi ist just die Geschichte der Pariser Commune auf deutsch unter dem Titel »Die Macht des Volkes« erschienen. Enki Bilal arbeitet mit Michael Mann und Alain Resnais (»La vie est un roman«) zusammen, 1989 realisiert er seinen ersten Film, »Bunker Palace Hotel«, 8 Jahre später folgt »Tykho Moon«. Dass die Kinoindustrie ihm nicht die selben Freiheiten lässt wie die Bande Dessinée weiß Enki Bilal, dafür kommen neue hinzu. Die Realität in Form von Nachrichten bildet sein Ausgangsmaterial für jede Projektion der Zukunft. »And if my readers don’t follow current political events, they are sometimes likely to get lost.«

»Es ist sehr seltsam, aber will ich eine grausame Szene darstellen, fühle ich mich völlig gehemmt, wenn sie in der Gegenwart spielt. Wenn ich sie 20 oder 30 Jahre später imaginiere, wie auch immer, finde ich Gefallen am kreativen Prozess. Die grausamen Bilder aus Afrika und Tscheschenien die wir jeden Tag in den Medien sehen (ich will hier nicht in die Debatte über ihre Qualität involviert werden) bringen uns Informationen in Realzeit. Diese Bilder kommen zu uns über zwei Vehikel von Realität, Fotografie und Reportage. Sie sind Teil einer Sprache, die sich von der des Künstlers weit unterscheidet. Da gibt es also das Gefühl von persönlichem Unbehagen genauso wie das Bedürfnis einen Schritt von der Realität abzurücken, um von ihr abgeschnitten zu werden. Aber das hält mich nicht davon ab, zur realen Welt zurückzukehren. Ich besuche die Zukunft, um in die Gegenwart und Vergangenheit zurückzukommen.« http://www.unesco.org/courier/2000_04/uk/dires.htm

Den Göttern ist das Benzin ausgegangen. Ihre Pyramide schwebt über New York, während sich die Unsterblichen die Zeit mit »Monopoly« vertreiben. Man mag sich während der ersten halben Stunde in »Immortal« erstmal verloren fühlen. Konfrontiert mit einer Oberfläche voll an Zeichen, Details und Zitaten, umgarnt von einem somnambulen, untergründigen Sound, der nur minimal in seinen Tonlagen variiert, nie etwas ankündigt, keine Emotionen verrät. Ein Sound, der zwischen Zeit und Raum, Wach-, Traum- oder Schlafzuständen nicht unterscheiden mag, eine akkustische Indifferenz, die mit »Donnie Darko« fast zur Mode wurde. Doch »Immortal (ad vitam)« wird es schwer haben im Kino. In jeder Einstellung überlappen Zeitebenen – in Form von Architektur, Design, Theorie, Biopolitik und Namen. Die Figuren Horus, Alexander Nikopol und Jill Bioskop bilden eine bizarre ménage à trois: Horus, ein griechischer Gott mit Falkenkopf, Nikopol, auch der Name einer ukrainischen Stadt und Bioskop heißt auf serbisch Kino. Göttliches, Animiertes und Menschliches gehen eine neue Komplizenschaft ein, möglicherweise für Bilal ein Versuch, den neuen Menschen darzustellen.

Aus der Rezeption zum Starttermin in Deutschland konnte man vor allem Irritation herauslesen. Nach kurzer Zeit wieder abgesetzt, blieb der Film für eine breiterer Wahrnehmung völlig irrelevant. Die Überforderung gegenüber einer Welt, die sich nicht auf den ersten Blick erschließt, wollte kaum jemand als Potential begreifen. Möglicherweise ist der Film tatsächlich das Produkt sympathischen Scheiterns. Man sieht ihm die Anstrengung an, etwas Neues zu schaffen, aber es trifft keinen kollektiven Nerv und bleibt somit im Abseits und taugt nicht zum Hype. Dabei ist der Film eine wunderbar sperrige Fährte zu einem anderen Universum. Dass »der Eindruck des Altmodischen nur entstehen kann, wo auf gewisse Art an das Aktuellste gerührt wird«, wusste bereits Walter Benjamin und es mag charmante Ironie sein, dass ein Film über Zeit und Unsterblichkeit im Moment seiner Aufführung auf schwer definierbare Weise altmodisch anmutet. Das Neue mag so flüchtig sein wie die Erinnerung an eine verlorene Liebe. Die postmodernen Figuren des Enki Bilal sind abgeklärt genug, Romantik keinen Raum zu geben. Niemand macht sich mehr was vor, und doch scheint dieses trügerische Gefühl eine der ganz wenigen menschlichen Fähigkeiten, denen der Autor ernsthaft Bedeutung abgewinnt. Der letzte Satz: »Die Illusion Sie kennengelernt zu haben war schön ....« – »Das Vergnügen wäre ganz meinerseits gewesen.«