Da ist nichts definiert, da ist alles im Werden begriffen

»Da ist nichts definiert, da ist alles im Werden begriffen«
(Abbas Kiarostami)

»Ohne Zweifel sage ich zu schnell zu viel gleichzeitig. Aber so ist das mit einem Film. Ein Film ist die Simultaneität einer Abfolge: das Paradox des Kontinuierlichen.« Mit Jean-Luc Nancy, Abbas Kiarostami und dem Verleger Erich Brinkmann treffen drei Experten aufeinander, die Film als etwas begreifen, das über sich hinausweist. Also keine Nerds. Nicht an Filmkritik oder Filmanalyse ist Nancy interessiert, sondern an einer Art Transkription und die orientiert sich vom Stil her an der Flüchtigkeit von Kino, als etwas, das unaufhaltsam vorbeizieht. So erscheint auch Nancys Text erstmal als verdichtete Oberfläche und weniger als ein Ordnungssystem, um etwas in den Griff zu bekommen. Bedruckt sind die Buchseiten allein auf einem breiten Mittelstreifen, 16:9 als Text, während in der Mitte des Buches ein acht seitiges Leporello mit 62 tatsächlichen Bildern den Text von einem Gespräch des Autors mit dem Filmemacher trennt. Da wird nichts bebildert, nichts belegt. Und so esoterisch diese Produktionsweise auch anmuten mag, die Wahrnehmung auf den Text verändert sich zweifellos.

Das neue Buch der britischen Filmtheoretikerin Laura Mulvey liegt hier nun zufällig daneben, ganz im Stil von Cultural Studies: Academy mit Pop-Appeal (auch wenn »Death 24x a Second - Stillness and the Moving Image« nicht bei Rutledge sondern bei Reaktion Books erschienen ist). Dreissig Jahre sind seit ihrem Essay »Visual Pleasure and Narrative Cinema« nun vergangen, aber noch immer wird Mulvey vor allem als diejenige wahrgenommen, die mit ihrem Erstlingswerk einen entscheidenden Schritt innerhalb der feministischen Filmtheorie vollzogen hat. Auf Umwegen treffen sich Mulvey und Nancy heute bei Abbas Kiarostami und ihrer Bezugnahme auf Deleuze, was die Bestimmung des Neorealimus angeht. Als Herausforderung, die Verhältnisse zwischen dem Sozialen, Realen, dem Bild und seiner offenen Narrativität neu zu beschreiben. Das Kino des Abbas Kiarostami scheint dafür wie kaum ein anderes geeignet. Erst zwei Jahre nachdem Gilles Deleuze mitte der 80er seine beiden Kinobücher, »Das Bewegungs-Bild« und »Das Zeit-Bild« herausbrachte, reüssierte Kiarostami mit »Wo ist das Haus meines Freundes?« in Cannes und schien eine Tür aufzustoßen; wie dafür gemacht, die Kino-Philosophie von Deleuze weiterzutreiben, ohne Deleuze in die Quere zu kommen.

Auch wenn Jean-Luc Nancy zu Beginn seines Essay darauf verweist, die Filme von Kiarostami in seiner Videothek zu haben, scheint es doch, als schreibe er aus der Erinnerung ans Kino, als bildeten sich die Filme, über die Nancy schreibt, erst im Nachdenken über Film. Das soll nicht heißen, er würde sich etwas ausdenken, das hat auch nichts mit Wahrheit oder Täuschung zu tun, im Gegenteil. Nancy rückt den Begriff »regard« in die Nähe von »égard«, Blick und Bezugnahme, und öffnet die Leinwand hin zur Welt. »Es handelt sich nicht um die Faszination des Bildes: es handelt sich um das Bild, insofern es sich auf das Reale öffnet und darum, wie nur das Bild sich auf dieses Reale öffnet.« Nancy geht nicht ins Kino, um die Welt zu vergessen, die Illusionsmaschine läßt ihn kalt und so hält er sich auch nicht damit auf, sie zu dekonstruieren. Das schafft ihm Freiraum. Es geht ihm um den »Blick im allgemeinen: nicht der Blick als Standpunkt«.

Mit Mulveys früherer Defintion des Blicks als »Visual Pleasure« hat das wenig zu tun. Dass im Kino ein Blick fortgeschrieben werde, der die Geschlechter trennt. Ein männlicher Blick, gerichtet auf den weiblichen Star des Hollywood Kino der 40er und 50er Jahre. »Nicht zuletzt trägt der extreme Kontrast zwischen der Dunkelheit des Zuschauerraums (die auch die Zuschauer voneinander trennt) und der Helligkeit der wechselnden Licht-und Schattenmuster dazu bei, die Illusion voyeuristischer Distanziertheit zu befördern.« Je nachdem, Dunkelheit mag auch Auflösung befördern. Nancy macht den Eindruck eines schwerelosen Zuschauer, was zählt ist der Film und seine Evidenz. »Evidenz im strengen Sinne ist nicht, was unter den Sinn fällt, sondern das, was unmittelbar touchiert, und diese Touchierung eröffnet dem Sinn eine Chance. Es handelt sich um eine Wahrheit, die greift, und die keinem gegebenen Kriterium korrespondieren muss.« Und als Defintion: »evidentia: das merkmal dessen, was sich schon von weit er sehen läßt (indem man der aktiven Bedeutung von video, »ich sehe«, eine passive Bedeutung gibt).«

Was bei Nancy die Evidenz, ist bei Mulvey Delay. Die Verzögerung als Potential. Mulvey greift hier wieder auf Lacan zurück: »Delay here is not only a fact but also a factor in the film's aesthetic. There is a correlation between aestetic and trauma and exegesis in psychoanalysis.« Wie eng Mulvey mitte der 70er Jahre Psychonalayse, Schaulust und die Bedeutung der Kinosituation zusammenführte, so konsequent geht sie nun von dem relativ neuen Datenträger der DVD aus, als Möglichkeit, einen neuen Blick auf die alten Filme zu werfen. Die Unterscheidung von einem männlichen und einem weiblichen Blick spielt hier nun keine Rolle mehr. Filmgeschichte unter anderen Vorzeichen, für ein Publikum, das eingreifen kann in den Ablauf von Narration und Zeit.

Auf diese Weise lösen sich allerlei Dichotomien. Bei Mulvey folgt das Kiarostami- Kapitel dem über Rossellini und Ende und Anfang der beiden Kapitel liegen auf einer Doppelseite zufällig gegenüber: Am Ende des Rossellini Kapitel stehen sich die beiden Enden von »Journey to Italy« nun als zwei Frames gegenüber. Einmal das Hollywood Ende, Ingrid Bergman und George Sanders in Großaufnahme zueinandergewandt, in der Erwartung eines Kusses, darunter ein Platz voll mit Menschen, von oben aufgenommen, daneben steht jeweils: »Hollywood Ending« und »Life goes on«. Es ist genau die Form von Illustration, die Erich Brinkmann und Jean-Luc Nancy vermeiden würden, und doch treffen diese beiden Bilder auch mitten ins Werk von Kiarostami und den Fragestellungen Jean-Luc Nancy's. Was es alles bedeuten kann, einem Film den Titel zu geben: »Das Leben geht weiter«.

erschienen in SPRINGERIN 04/06
Text: Annett Busch

Jean-Luc Nancy: Evidenz des Films - Abbas Kiarostami, Brinkmann & Bose, Berlin, 2005. 20,00 € (Fabelhaft übersetzt von Rike Felka.
Laura Mulvey: Death 24X a Second - Stillness and the Moving Image«, Reaktion Books, London, 2006, £14.95.