Ousmane Sembene: 1. Januar 1923 - 9. June 2007

I am really unable to talk about my life - I don't know my life. I've travelled a lot and this is the life that I have lived, but that doesn't mean that I know myself.« (OS)
Im Jahr 2003 präsentierte das Londoner Magazin black filmmaker den Mann mit der Pfeife im Profil und stellte die Frage „Ousmane Sembene: The World’s Greatest Filmmaker?“ Eine Frage, die einem weißen europäischen oder amerikanischen Publikum wohl kaum in den Sinne gekommen wäre, waren doch die Filme von Ousmane Sembene in vielen Ländern der Erde nicht sehr präsent gewesen seit "Borom Sarret", seinem Debut von 1963. Für ein afrikanisches Publikum mag die Frage entweder rein rhetorisch klingen oder bereits nach Ideologie. In der Tat dürfte es weltweit kaum einen Filmregisseur geben, dessen Rezeption so sehr abzuhängen scheint von der Zusammensetzung eines jeweils nationalen oder kontinentalen Publikums. Es dürfte aber auch nur wenige Künstler geben, die die unterschiedliche Rezeption so bewusst herausforderten.

Ende der 70er Jahre war es vor allem der französische Filmkritiker Serge Daney, der entscheidend zur Verschiebung der Rezeption beitrug, indem er in "Ceddo/Outsiders" (1977) etwas sah und beschrieb, was nicht das exotisch Andere oder Unzugängliche betonte, sondern Sprache in ein neues Verhältnis setzte. Mit und durch Sembene, dem Marxisten, der die Priester hasste, und anhand einer Geschichte aus dem 17. Jahrhundert, zu einem Moment, wo sich die religiöse Macht in die politische putschte und christliche und islamische Würdenträger in einem Land, das später Senegal heißen wird, alles dafür taten, um die Machtverhältnisse zu ihren Gunsten zu wenden, theoretisierte Daney eine Transformation von Sprache, die die oft beschworene Unterscheidung einer Kultur der Schrift gegen die des gesprochenen Wortes grundlegend zu fassen versuchte. »Was uns Sembene vor Augen führt, ist eine afrikanische Form der Rede, in einem Maße, wie sie dem Schreiben ebenbürtig ist. Because one can also write with speech

Der Schriftsteller Sembene hatte Anfang der 60er Jahre das Kino gewählt, um vor allem mit Leuten zu kommunizieren, die das Schreiben nie gelernt hatten. Mit "Ceddo" war ihm nach neun Filmen nun eine eigenständige Sprache gelungen, die lang nicht mehr den Charakter eines dialektisch angeordneten Lehrstücks hatte, wie teilweise "Mandabi/Die Postanweisung" (1968), "Emitai/God of Thunder" oder "Xala/Impotence" (1975). "Ceddo" war im Zenit einer produktiven Phase entstanden und es wird zehn Jahre dauern, bis sich Sembene offiziell mit einem neuen Film zurückmeldet, »Camp de Thiaroye". Solche Pausen sind nicht unbedingt ungewöhnlich und wenn der burkinische Regisseur Idrissa Ouedraogo davon spricht, jeder afrikanische Film sei ein Wunder, weil seine individuelle Entstehungsgeschichte mit all seinen organisatorischen und finanziellen Problemen kaum zu fassen sei, verkennt er natürlich, dass hinter jedem afrikanischen Film – bis heute – Arbeit in herkulischem Ausmaß steckt. Einige der Kollegen Sembenes sind sprichwörtlich an Erschöpfung gestorben. Aboubacar Samb-Makharam (1934-1987) oder Djibril Diop-Mambety (1945-1998) sind nur zwei dieser Beispiele. Viele der Filmemacher des Kontinents haben irgendwann aufgegeben, weil die Produktionsbedingungen zu hart und mitunter auch zu entwürdigend waren.

Ousmane Sembene war Pionier des afrikanischen Kinos und blieb bis zum Ende sein Zeitgenosse. Aber auch der disziplinierte Arbeiter hatte einen Traum und der hieß "Samory". Geplant war Afrikas erste Superproduktion, ein zweiteiliger Film, insgesamt drei Stunden Dauer, über den Mandingo-Chef, der sich den französischen wie englischen Armeen widersetzte und Westafrika einte. Samory Touré gilt als Vorfahr des damaligen guineeischen Präsidenten Sekou Touré. In Interviews hatte sich Ousmane Sembene vielfach auf sein ehrgeiziges Lieblingsprojekt bezogen und das Kulturmagazin "Bingo" brachte mitte der 80er Jahre schließlich einen zahlreich bebilderten und ausführlichen Artikel über die bevorstehenden Dreharbeiten. Ein Jahr später ist in Cannes nicht "Samory" sondern "Camp de Thiaroye" zu sehen.

Eine Erklärung hatte Sembene stets verweigert, Samory wird zum Tabu und auch von Superhelden wollte er nichts mehr wissen. Stattdessen eröffnete er mit seinen beiden letzten Filmen "Faat Kiné" und "Moolaadè" eine neue Ebene: "Helden des Alltags". Eine Redeweise, die er von seinem Counterpart Djibril Diop Mambety hätte übernehmen können, der wenige Jahre vor seinem Tod eine ähnliche Bewegung vollzog: weg von den großen Erzählungen über Macht, Geld und Geltungssucht, hin zu den Geschichten der "kleinen Leute". Für den alten Ousmane Sembene waren die Helden schließlich die Frauen, diejenigen, die den Kontinent am Leben erhalten. Verabschiedet hat er sich mit einem Film, Moolaade, der nochmal alles zusammenbringt, die Freiheit des Kinos und die sozialen Kämpfe, Farbe, Wiederholung und die mannigfaltige Schattierung der Rede. All das beginnt in der Mitte einer Erzählung und hat weder einen Anfang noch ein Ende.

Text: Annett Busch & Max Annas

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