Same Time, Same Place

Laurence Cantet hat sich immer für das interessiert, was es den Bildern schwer macht abzubilden. Zuerst war da »Ressource Humaine«, ein Film über die affizierenden und enervierenden Mechanismen innerhalb eines mittelständischen Familienbetriebs in der Provinz. Dann, »L'emploi du Temps«, die Arbeit der Zeit, eine Geschichte über die Anstrengung, eine Farce aufrecht zu erhalten. Und nun geht es um die Beschreibung einer Richtung: »Vers le Sud.« Es geht nicht darum, »den Süden« zu zeigen, sondern es geht um eine Blickrichtung, eine Bewegung hin zum Süden und diese Bewegung stellt sich gleichzeitig dar als ein Begehren.

»Vers le Sud« ereignet sich auf Haiti Ende der 70er Jahre. Das Land hat 20 Jahre Militärdiktatur hinter sich, der Staats-Chef Jean Claude Duvalier, der Sohn des Diktators Francois Duvalier, ist gerade mal Ende 20 und die berüchtigten Todesschwadrone, die Tontons Macoutes, lassen wie schon zu Papa Docs Zeiten all jene verschwinden und ermorden, die nicht so recht ins Bild und System passen - das konnte die unterschiedlichsten Gründe haben. Im Mittelpunkt von Cantets Geschichte allerdings stehen drei Touristinnen, Amerikanerinnen, Ellen, Brenda und Sue, alle drei zwischen Ende 40 und mitte 50. Sie haben etwas anderes im Blick.

Der Film basiert auf einem Buch von Dany Laferriere, ein Journalist und Schriftsteller, geboren in Port au Prince, aufgewachsen in einem kleinen Städtchen namens Petit Goave. Mitte der 70er Jahre hat er Haiti richtung Norden verlassen hat und ist nach Kanada ausgewandert. Laferriere weist nationale Kategorisierungen weit von sich, gute Literatur sei gute Literatur und schlechte eben schlechte. Nostalgie hält er für ein Problem, Humor für unabdingbar. Was die Kombination aus Vorlage und Film gut macht, ohne das Buch gelesen zu haben, ist die subtile Gewichtung scheinbar nebensächlicher Situationen.

Laurence Cantet schert sich recht wenig um historisches Dekor. Im Gegenteil, er zeigt bewusst lange Aussenaufnahmen, aktuelle, dokumentarisch wirkende Strassenszenen beim Blick aus dem Autofenster. Mit dem nächsten Schnitt sehen wir Ellen (Charlotte Rampling) auf dem Rücksitz des Taxis, auf dem Weg zum Flughafen. Sie sitzt aufrecht, beinahe statisch, verzieht keine Miene, ihr Blick scheint nach innen gewandt. Was die Kamera unmittelbar vor diesem Schnitt gezeigt hat, war nicht ihre Subjektive, sondern ein insistierender aber selbstverständlich flüchtiger Blick auf eine komplett andere Realität, die die Touristin nicht imstande ist wahrzunehmen.

Laurence Cantet zeigt sich dabei nicht moralisch, er zeigt auch kein ethnographisch anmutendes Interesse, er richtet nicht voller Neugier seinen Blick auf das Fremde. Er ist vielmehr am Dazwischen interessiert, was sich im Aufeinandtreffen zweier oder mehrerer Bilder ereignet, am Missverständnis und der Schnittmenge - an der Übersetzung zwischen creolisch, englisch und französisch, an Nuancen.

Ellen, Sue und Brenda machen kein Hehl aus ihrem Interesse, sie suchen nach Gesten der Aufmerksamkeit und nach Körperlichkeit, nach Sex. Aber Sextourismus wäre das falsche Wort - es hört sich zu simpel an. Der Tauschhandel ist kompliziert und fragil. Alle drei sind sie nicht zum ersten mal an diesem idyllisch anmutenden Ort, dem kleinen Hotel am Strand, aber Ellen und Brenda sind vor allem an einem jungen Mann interessiert: Legba. Übersetzt heisst das soviel wie, »Leben«. Charlotte Rampling (Ellen), Professorin für Französisch, macht sich nichts vor. Ihr Vergnügen ereignet sich in einem relativ klar abgesteckten Rahmen, es basiert auf unausgesprochenen Regeln. Und wie um es nicht zu vergessen, benennt sie die Grenzen immer und immer wieder, meistens im Scherz. Eine Frau ihres Alters... Die angehme Zeit mit Liebe zu verwechseln wäre fatal. Sie beginnt und endet mit dem Urlaub. Brenda wirft sie schließlich genau das vor, sie habe ihren ersten Orgasmus mit klebriger Romantik verwechselt. Doch so deutliche ihre Worte auch sein mögen, die Kamera von Cantet zeigt immer noch etwas darüber hinaus.

Alle spezifische Kenntnis, die Cantet von Haiti hat, weiss er vermutlich aus dem Buch dessen Autor sich weigert als haitianischer Autor wahrgenommen zu werden. »Haiti besteht nicht nur aus Voodoo und Diktatur.« Es gibt auch Popmusik. Und so kristallisieren sich in verschiedenen Tanz-Szenen genau die Spannungen und Missverständnisse. Wie Brenda mit ihrem Liebesbedürfnis die Grenze zum Spaß überschreitet, mehr will als »having a good time«, so verliert sich ihr Körper beim Tanz in einer Ekstase und sie vergisst das Öffentliche an diesem Ereignis, die Platform. Als die Hotelkapelle zwischen die eher ruhigen Rhythmen eine Trommellage einlegt, geraten Brendas Bewegungen ausser Kontrolle. Sie windet sich in einer Weise, wie sich die Hippies in den 70ern die Befreiung vorstellten, womöglich abgeschaut von authentisch anmutenden Vodoo-Tänzen. Um sie herum gruppieren sich die anderen Gäste, Hotelangestellte und andere Anwesende schauen belustigt aus einer gewissen Distanz. Es ist Legba, der sich unauffällig an die Combo wendet und um einen Rumba bittet. Damit ist die Ordnung sofort wieder hergestellt.

Wenn man so will stellt Cantet mit solchen Szenen auch die Tradition einer (Experimental)film-Faszination auf den Kopf, eine Übertragung auf Zelluloid der ekstatischen Tänze finden zu wollen - gerade auf Haiti. Was so viel physische Präsenz hat, zerlegt Cantet nicht in Fragmente, sondern zeigt auch den Tanz als eine Art Abkommen der Bewegungsabläufe. Ähnlich wie das Sexlife, pleasure. Für alles gibt es einen Rahmen, das ist der Deal, wohl auch mit dem Regime. Dass die Sache tödlich endet, hat weniger mit Brendas Liebesbedürfnis zu tun, als mit den politischen Verhältnissen in Haiti, von denen die Touristinnen nur die fatalen Auswirkungen mitbekommen. Der Polizeibeamte bringt den Unterschied auf den Punkt und Albert, der Restaurantchef, die gute Seele, der stille Beobachter, übersetzt: »Touristen sterben nie.« Aber das war erst der Anfang. Brenda wird mit dem Schiff weiterreisen. Sie steht an der Rehling und zählt auf: Guadeloupe, Kuba, Bermuda, Belize.... »So wohlklingende Namen« - der Sextourismus hat grade erst begonnen.