A Song starts walking by itself

Wir könnten mit dem Ende beginnen, mit den letzten Minuten des Abspanns wo schließlich weiß auf schwarz geschrieben steht, was zuvor mit aller Diffusität und Wiedererkennbarkeit zwischen den Bildern hing. Songtitel, Interpret, Autor, Erscheinungsort - mit diesen vorbeiziehenden Credits, der scheinbaren Lesbarkeit, setzt ausgerechnet einer jener Dylan Songs ein, der eigentlich unmöglich hätte sein müssen. Es geht um "Knockin'on Heaven's Door". 1973 komponiert für Sam Peckinpah's "Pat Garrett & Billy the Kid", zig mal bis zur Schmerzgrenze nach- und wiedergespielt und nun für Todd Haynes von Antony and the Johnsons reanimiert. Keine Gitarren, keine Mundharmonika, nur wenige vorsichtig angeschlagene Tasten auf dem Klavier. Antony Hegarty, der Mann mit der androgynen Eunuchenstimme dehnt Intonation und Tempo bis nicht mehr Gewissheit, sondern eine Frage im Raum steht. Ein Tonfall, der die Haltung des gesamten Films sehr genau trifft: "I'm not There". Erst durch die Verzerrung hindurch wird das scheinbar viel zu bekannte überhaupt wieder hörbar und rührt, durch alle Zeitebenen hindurch, auf eine schwer zu bestimmende Weise an Aktualität.
"Today, we bring you face to face with the real Jack Rollins". Auch das wäre ein Anfang. Von Angesicht zu Angesicht mit dem echten Jack Rollins, den das Publikum in Folge eine Missverständnis für Bob Dylan halten könnte. Eine Fernsehreporterin steht nachts in irgendeiner Straße irgendwo in Manhatten und ihr aufmunterndes Kopfnicken verspricht das Unmögliche. Es ist eine kurze Szene, umrahmt von Sequenzen, die teilweise tatsächlich dokumentarisches Material aus der Zeit Mitte der 60er enthalten, teilweise nur den Stil Fernsehreportage zitieren. Ein Fernsehmoderator mit dicker Hornbrille wird Jack Rollins als jemanden einführen, mit dem sich viele aus seiner Generation, er macht eine Pause, "identifizieren" und unterstreicht "identify" noch mit einer galanten Handbewegung. "In Amerika hast du dieses unglaubliche Bedürfnis nach Authentizität. Dabei gibt es nichts was künstlicher ist als das Authentische. Bei Dylan splittet sich dieses Bedürfnis auf, als gäbe es verschiedene Dylans und gleichzeitig lebt er völlig für den Augenblick und gibt dabei alles. Er engagiert sich hundert prozentig und wendet sich sich dann wieder komplett ab. Er will in der Tat um keinen Preis zurückblicken."
Todd Haynes rückt Dylan nicht auf den Leib, er will nicht erklären. Der Name Bob Dylan kommt nicht vor. Stattdessen gibt es Woody, Billy, Jude, Arthur und Robbie, gespielt von Cate Blanchett, Richard Gere, Heather Ledger, Christian Bale, Marcus Carl Franklin und Ben Wishaw, und jeder dieser Namen referiert wiederum auf andere Sänger, Schriftsteller, Westernhelden, historische Figuren wie Woody Guthrie, Arthur Rimbaud oder Billy the Kid und dahinter eröffnen sich neue Biographien, Welten, Epochen, Lieder, Gedichte und soziale Kämpfe. Ich ist immer schon ein anderer. "Ich begann alles zu sammeln und zu lesen was ich in die Finger bekam, jede Form von Material. Dann bin ich zu den Leuten vorgedrungen die ihn beeinflusst haben. All die Essenzen eines Dylan. So saß ich am Ende mit Unmengen Material da und teilte den jeweiligen Charakteren ihre Musik zu. Jede Geschichte wurde imgrunde ein eigenes Konzeptalbum."
Haynes behandelt Gefundenes und Inszeniertes in gleicher Weise als Material, das jeweils nach einer Form von Wahrheit strebt, die über das Missverständnis Authentizität hinausweist. Ohne Kameramann Ed Lachman würde das kaum funktionieren. Bei Haynes letztem Film Far from Heaven hat er den Technicolor-Look der 50er Jahre mit all seiner stilisierten Farbenlehre von Douglas Sirks Original in sein Remake übertragen - und damit das melodramatische Potenzial ein Stück weit ausgestellt, ohne der kühlen Komposition ihr Pathos zu nehmen. "I'm not there" enthält eine riesige Palette von Referenzen. Da verdichten sich Anspielungen über die Dauer eines Songs zu einer eigenen Erzählung, um mit dem nächsten Schnitt wieder im Fake einer Dokumentation anzukommen. Europäisches Arthouse Kino aus den 60ern, Fellinis 8 1/2, Godard, "FemininMasculin", "Ein oder zwei Dinge die ich von ihr weiß", späte Western, "Hippiewestern" wie Todd Haynes sie nennt, "Pat Garrett and Billy the Kid". "Ist es notwendig die Quelle zu kennen, um die Arbeit am Zitat zu erfassen? Ist der perfekte Zuschauer für diese Filme der alerte Cinephile mit einem spezialisierten und in gewisser Weise geheimen Wissen?" fragt die Filmtheoretikerin Mary Ann Doane in einem Text zu "Velvet Goldmine" (1998) und "Far from Heaven" (2002) und kommt schließlich zu dem Schluss: "Das Kino von Haynes zeigt weniger, dass das Bild innerhalb eines Genre angesiedelt ist, sondern dass das Generische ins Bild eindringt, seine Singularität verringert, es für die Wiedererkennung verfügbar macht. So macht das Zitat nur einen Mechanismus explizit, der überall im Kino präsent ist."
Das bedeutet auch: Todd Haynes hat wenig mit Quentin Tarantino gemein. Während Tarantino Genre an sich zitiert, aktualisiert, auf- oder umwertet, aber mit all seiner Fertigkeit wenig Ambitionen zeigt, etwas anderes als ein postmodernes Update des Kinogenres zu feiern, so macht Haynes alles Material produktiv, um es zu prüfen und neu zu erzählen. Look, Stil, Dokument und Zitat sind immer auch eine Form von Sprechposition durch die hindurch etwas erzählt wird, was etwas Weitreichenderes aufscheinen lässt als die Stimme einer Generation. Wie der elfjährge Woody alias Marcus Carl Franklin alias Woody Guthrie, der selbstbewusst mit der Attitüde eines weitgereisten Songwriter spricht und von Gewerkschaften und dem blutigen Streik der Minenarbeiter aus West Virginia erzählt, von Ereignissen, die in den 20er Jahren stattgefunden haben, während die Szene Ende der 50er spielt. "This is really a joke on passing." Der Begriff des Passing meint eigentlich das "Durchgehen" in die andere Richtung, die Bewegung der Minority zum Mainstream, Schwarze die als Weiße, Frauen die als Männer durchgehen. "Dylan passing as a middleclass jewish kid from Minnesota as some grassroots original with this wild troubadour history. Und Fakt ist, dass er dabei so in seiner Performance vertieft war, dass sich niemand darum scherte, wie vollkommen unlogisch das Ganze war, dass es keinen Sinn ergab. Sie waren völlig eingenommen von der bloßen Macht seiner Einbildungskraft."
Es geht noch um ein anderes Missverständnis. Der Titel "I'm not there" gibt erste Hinweise: "Es dauert nicht lange, und der Zuhörer gerät in den unheimlichen Sog der Musik, in ihren Strudel aus kaum hörbaren und kaum artikulierten Wörtern und der dahinterliegenden, ständig zunehmenden Verbitterung. Doch das Gefühl, daß eine so sonderbare Musik kein Ende haben muß, das Gefühl, daß diese Musik überhaupt keinen richtigen Schluß haben kann, stellt sich mindestens ebenso schnell ein, wie es wieder verfliegt; ein Zeitgefühl wäre für diese Musik fast schon etwas Unanständiges" schreibt Greil Marcus in "Basement Blues - The invisible Republik". Und weiter: "'I'm not There' ist ein Memphis Blues, verwandt mit Noah Lewis' 1930 erschienenem 'New Minglewood Blues' oder mit dem 1929 erschienen 'K.C.Moan' der Memphis Jug Band, und das bedeutet, daß sich die Präzision des Rhythmus hinter einer Art Taumeln und Dahingleiten verbirgt". Greil Marcus findet viele Worte für all das Genuschelte, eigentlich Unverständliche und für die Ausdrucksweisen einer Stimme, die auf diffus andere Weisen kommuniziert. Todd Haynes betont gerne, dass Film nach einer Ökonomie verlangt, aber damit ist hier nicht gemeint, dass ohne eine Produzentin wie Christine Vachon Todd Haynes vielleicht lange keinen Film mehr gemacht hätte und dass "I'm not There" über Jahre unmöglich erschien. Das wäre eine andere, lange Geschichte, die Robert Sullivan für das New York Times Magazin aufgeschrieben hat. Eine Geschichte, die von persönlichen Krisen handelt, von New York und von Portland. In dieser Geschichte taucht Todd Haynes auch als Produzent auf, der seiner alten Freundin Kelly Richardt geholfen hat, ihren ersten langen Film "Old Joy" zu drehen. Ein Hinweis, dem man unbedingt nachgehen sollte - aber das führt zu weit ab. Ökonomie meint hier Verdichtung. "Film ist kein intellektuelles Medium, es ist eher wie Musik."
"Es spielt keine Rolle was mir passiert, wichtig ist, was jetzt passiert. Hier passiert etwas, aber du weißt nicht was es ist. Ihr wisst, dass etwas passiert, aber es passiert ohne euch." Zeilen aus der wiederkehrenden "Ballad of a thin man", jener Ballade, die im Film auf die Demaskierung von Jude Quinn durch den Journalisten Mister Jones hinsteuert, aber auch die Kluft zwischen Interpretation, Analyse und Produktion aufzeigt. Die Filmsprache von Todd Haynes steht gern auf der Seite derer, die sich maskieren und Identität als eine Form von Fashion begreifen, die sich der Eindeutigkeit entziehen. Genau arrangeierte Images, die zwischen der Norm und den Geschlechtern hängen. Etwas, was noch nicht zu Ende formuliert ist. Farben, Kleidung, Handbewegungen, Blicke, Körperhaltung all dem widmet Todd Haynes mindestens so viel Aufmerksamkeit wie der gesprochenen Sprache. In "I'm not There" sehen wir mehrere Methoden, wie sich die verschiedenen Dylan Figuren den Vetretern der Presse entziehen, aber auch den aggressiv enttäuschten Fans, und später, wie Richard Gere, der Welt. Den Moment zu treffen, das richtige zu sagen, die Kunst des richtigen Zeitpunkts. Es ist ein fragiles Konstrukt. Slogans, die viel zu schnell vernutzt sind, ein Lied, das zu schnell zum Ohrwurm wird, vergessen und dann in einer Neuauflage wieder zurückkommt. Womöglich zum genau richtigen Moment. Cate Blanchett aka Jude Quinn sitzt in einer schwarzen Limousine und rezitiert Passagen aus einem Interview, das Bob Dylan 1966 dem Playboy gegeben hat. Der Film ist fast zu Ende. "Die Leute denken sich Namen aus, aber Folkmusik ist nur ein Wort, das ich nicht mehr verwenden kann. Wovon ich spreche, das ist traditionelle Musik, das heisst, es ist mathematische Musik, die auf Hexagons basiert. Songs über Rosen, die aus den Köpfen der Leute wachsen, es sind politische Songs."
Annett Busch
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