Abkoppelungsprozesse und Imaginäre Landschaften
Paul D. Miller a.k.a. DJ Spooky that Subliminal Kid hat längst die Kunstfertigkeit perfektioniert, ein reichhaltig multimediales Archiv beständig zu aktualisieren, in verschiedenen Formen neu aufzuführen und zugleich weiterzuschreiben, als Text, der sich weniger in kritischer Distanz befindet, sondern eher Geschwindigkeit und Flow eines MC imitiert, um Referenzen, Zeichen und Namen zu droppen und auf den ersten Blick weit auseinanderliegende Wissensfelder miteinander zu verschränken. In seinem letzten und ersten Buch, dem schmalen Band "Rhythm Science" (2004) proklamierte Miller diesen Stil als Manifest, was schliesslich in dem Satz kulminierte: "Dj-ing is writing, writing is Dj-ing. (...) Writing is music."
Mit Sound Unbound - Sampling Digital Music and Culture, einer vierhundert Seiten schweren Kompilation, öffnet Miller diese Haltung und macht sie als Herausgeber produktiv. Über fünfunddreissig Autorinnen und Autoren hat er versammelt: von Steve Reich bis Jonathan Lethem, von Pauline Oliveros, Saul Williams, Scanner aka Robin Rimbaud, Lee Hirsch bis Chuck D., Erik Davis, Dirk Hebdige, Bruce Sterling, Manuel DeLanda, Vijay Iyer, Ken Jordan und manche andere. Kaum jemand der AutorInnen betreibt Kultur als Wissenschaft, sondern versteht sich im weitesten Sinne als ProduzentIn, die meisten bewegen sich an ähnlichen Schnittstellen wie der Herausgeber, zwischen Kunst, Popkultur, Noise und Science-Fiction.
Miller nimmt eine weitere Verschiebung vor, die einer Metapher: während »Rhythm Science" um das Verhältnis von Sprache und Musik kreiste, bewegt sich "Sound Unbound" um das Verhältnis von Architektur und Sound. "Gebäude innnerhalb von Architektur sind nichts anderes als Korrespondenzen zwischen Beziehungen - Anwesenheit und Abwesenheit, Form und Formlosigkeit - und diese Vorstellungen wurden von Diagrammen extrahiert, die in einer auf Information basierenden Umgebung gezeichnet und konfiguriert wurden - Menschen, die zusammen arbeiten, leben und atmen um eine Struktur zu erschaffen. Ich wette, dass der Remix von der Idee von Architktur im 21ten Jahrhundert ein FTP-Server sein wird. Archive fever wird der Napster Impuls für die konzentrationsschwache Generation. FTP — File Transfer Protocol. Es ist eine einfache Triade von Wörtern, aber eine gute, um ein Buch über Sound und Multimedia zu beginnen. Man denke an den Begriff des Archiv (die selbe Wurzel wie Architektur), und denke an Struktur im Sinne von Austausch.« So Miller in seinem einleitenden Beitrag »In Through The Out Door: Sampling and the Creative Act".
Die These, die Miller zusammen mit Ken Jordan formuliert, lautet in etwa: Sound, im Sinne eines Hörbarkeitsraum, einer Geräuschästhetik, wird und wurde auf intelligente Weise schon immer mit und durch Netzwerke, Vernetzung und Kommunikation generiert, lange bevor Internet zuende gedacht und file sharing zum guten Ton gehörte (in wiederholter Bezugnahme auf John Cage' "Imaginary Landscape" und Antonin Artauds "The Theater and its Double"). Eine Welt, die sich der Sichtbarkeit entzieht, und hinter der Oberfläche des Interface und Sound Design entfaltet.
Ken Jordan treibt das Forschungsunternehmen in seinem Beitrag Stop. Hey. What's That Sound? weiter. -- "Was ist Folk Musik? (...) Wir hatten über Folk als eine Musik nachgedacht, die spontan aus der Menge entsteht, ohne einen einzelnen Komponisten. Etwas, das geteilt wird und jedem gehört. Nichts beschreibt besser, wie elektronische Musik heute erschaffen wird, nämlich durch den Austausch von Musik Dateien über Internet. Einst wäre eine alte englische Melodie nach Nord Amerika per Boot migriergt, wo sie in unzähligen Variationen wieder aufgetaucht wäre. Auf dieselbe Weise mag heute ein einziger Sample in hunderten verschiedenen Mix-Versionen auftauchen." Jonathan Lethem wiederum dekliniert das postmoderne Spiel gegenseitiger Einflussnahme auf literarischer Ebene durch, "The ecstasy of influence", streift elegant den langen Schatten des Kopierschutz ab und folgt der Argumentation, dass das Verwenden von fremdem oder zusätzlichem Material nie Mangel, sondern immer Bereicherung bedeutet.
Wahrlich neu mag das alles nicht mehr sein, produktiv bleibt das Verfahren allemal, ein Zurück gibt es eh nicht und so taucht vermehrt das Wort "meaning" auf. Bedeutung wird eingesetzt wie eine Art Scharnier, um die politische Intelligenz des Sampling zu stützen. Goethe und Schelling zitierend, Architektur sei nichts anderes als gefrorene Musik, unternimmt Miller eine Kehrtwendung, macht daraus: "Musik wird flüssige Architektur" und folgert: "Sound becomes unbound." Die Sprache der Architektur, die einer Struktur, eine Sprache, die Räume, Zwischenräume und Leerstellen zu fassen und zu beschreiben versucht, mag helfen, entkoppelten Informationsströmen, Oberflächen, digitalisierten Archiven, Geräuschen, Memoiren, Sound, der durch den Prozess der Digitalisierung längst von seiner Quelle losgelöst ist, eine neue, vielleicht stabile Bedeutung zurückzugeben. Eine Denkstruktur. Wir könnten alle zu Architekten unserer eigenen Remixe werden, wenn man so will.
Die Metapher der Architektur wiederum legt nahe, das Buch selbst (mitsamt der dazugehörigen CD) als eine Art Sampler, einen Klangerzeuger zu begreifen, der die unterschiedlichen Texte, die nur teilweise für den Sammelband geschrieben wurden, durchschleift und leicht verzerrt wieder ausgibt. Sie könnten aber auch als Bausteine gesetzt und in diesem Sinne wie Samples untereinander agieren. Die meist präzise gesetzten Metaphern vermögen es mühelos, die Assoziation zwischen Software, Sound und sozialem Umfeld herzustellen, aber auch zu unterbrechen, was immer wieder Erkenntnis prodzuiert, so dass sich hinter Gebrauchswörtern wie "login" oder "ping" plötzlich eine ungeahnte Geräuschgeschichte auftut. Wer mithilfe von Suchmaschinen die Metaphern nach ihrer technischen Bedeutung abfragt oder Wikipedia Einträge abgleicht, der wird sich schwer tun, bei all der weiterführenden Offenheit und Reichhaltigkeit zum Moment der Kritik zu gelangen. Die Zerstreuung erscheint endlos. "Sound Unbound" ist vor allem ein Fundus, eine souveräne Setzung eines "State of the Art", mitsamt der Tendenz ins Esoterische abzudriften. "You can think of sampling as a story you are telling yourself."
Text: Annett Busch
Erschienen in Springerin 04/08
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