Showtime
»Our lives should be so exciting.« Ein Satz den sich zwei im Kino zuflüstern. »Fulltime Killer«, eine postmoderne Variante des Lonesome Profikillergenre, ist längst nicht mehr der neueste Film von Johnnie To. Dem Produktionswütigen gelang in diesem Jahr nichts geringeres als sowohl in Berlin, Cannes und Venedig einen jeweils neuen Film zu plazieren.
»People think, the easiest way to move a person out of their lives, is, to let kill them. ... Aber sie vergessen, dass die Erinnerung bleibt.«(räsoniert O aus dem Off, während er über den Friedhof läuft)
»Seit einigen Tagen kommt ein komischer Kerl in den Laden, der immer so Masken trägt wie in diesem Hollywood-Film .....«. ---- »Ich habe noch keinen Videorekorder.« - »Aber sie leihen sich jeden Tag Filme aus.« - »Ja, deswegen leihe ich mir auch nur Filme aus, die ich schon kenne. Ich bin noch nicht lange in Hongkong« - »Ah, Sie sind Geschäftsmann?« - »Ich bin Profikiller.« Über die Mundwinkel der jungen Dame hinter der Videoladentheke huscht ein verwundertes Grinsen. »Sie machen Witze?« - Chin hat schon den ein oder anderen Film gesehen. Und Profikiller sind Leute, die man am ehesten aus Filmen kennt. Aber vor ihr steht heute Bill Clinton. d.h. ....
... wie in diesem Hollywoodfilm: »Point Break« von Kathryn Bigelow – dessen Poster im Videoladen hängt. Eine Art Surf-Film, der auch ein Thriller sein könnte, oder umgekehrt, über die Ex-Presidents. Vier Jungs, die ihre Wellenphilosphie und -bewegungslehre erfolgreich am Bankraub erproben (»nicht wegen des Geldes, sondern um dem System den nackten Arsch zu zeigen«), dabei Gummi-Masken amerikanischer Ex-Präsidenten tragen und zwei FBI-Beamte an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben. »You can’t catch them, they’re like ghosts.« Johnnie To hat sich von Kathryn Bigelow nicht nur die Idee mit der Maske ausgeliehen, sondern auch die dreiste, vorlaute Freiheitsgeste mit der Tok (Andy Lau) seine Aufträge erledigt. Es geht nicht ums Geld. Es geht um Show und Wettbewerb. Als Gegenspieler tritt der eher melancholische O (Takashi Sorimachi) auf, der ebenfalls präzise und professionell tötet. Und es fehlt auch nicht der besessene, aber erfolglose Cop, der sich schließlich resigniert in einer neuen Rolle versucht. Er will die Geschichte derer erzählen, die er nicht zu fassen bekommt. Aber ein Buch, das irgendwann verfilmt wird, braucht verdammt nochmal ein Ende – und was für ein Ende kann eine Geschichte haben, die noch nicht zu Ende ist? Ja, »Fulltime-Killer« ist ein post-irgendwas selbstreferentieller Zitatwettbewerb. »Ich möchte, dass die Zuschauer die artifizielle und stilisierte Welt des Films wahrnehmen und schätzen lernen.«
Sätze wie: »xy hat das Genre xy revolutioniert« gehören ja eigentlich in die Mülltonne. Bei Johnnie To kommt man nur schwer drum rum. Zuletzt hat er mit »The Mission« und »Running our of Time« das temporeiche Genre der Schießfertigkeiten mit lethargischer Komik und Momenten des Stillstands ausgebremst und wurde international mit Lob und Preisen bedacht. Was von Johnnie To jedoch in europäische Kinosäle gelangt, ist nur ein Bruchteil dessen, was der Arbeitswütige seit Jahren inszeniert und produziert. Seit Mitte der 80er sind es grade mal 38 Filme, bei denen To seine Finger im Spiel hat. Anfang der 90er gründete er seine eigene Produktionsfirma »Milkyway Image«, im selben Jahr stellte er sein legendäres »Heroic Trio« fertig und zeichnete sich als Produzent für so bezaubernde, narrativ gebrochene Killer-Dramen wie »Beyond Hypthermia« (1996) oder »The Odd One Dies« (1997) verantwortlich. Bei »Fulltime Killer« scheiden sich die Geister. Stephen Teo, Autor von »Hong Kong Cinema - The Extra Dimensions«, meint, in »Fulltime Killer« To’s Burn Out zu sehen.
Zuletzt war es wohl Jim Jarmush, der mit »Ghost Dog« das Koordinatensystem des Genres neu vermessen hat. Er trotzte den Klischees vor allem qua Rhythmus. Der federnde Gang Forest Whitakers zu RZAs Minimalismus-Rap zur Kapitel-Struktur des Samurai-Lehrbuchs formten sich zur cinematographischen Bewegungslehre. Den »einsamen Wolf« wurde er allerdings nicht los. Das wiederum spart sich Johnnie To. Er komponiert zig Ebenen, verschachtelt sie durch Rückblende, Parallelmontage, bleibt nicht in Hongkong, sondern lässt Aufträge in Thailand, Singapur und Kuala Lumpur erteilen, wartet nicht nur mit Film-, sondern auch Videospielzitaten auf, changiert die Erzählperspektiven und stattet seine Figuren gar mit Vergangenheit aus. Die Dichotomien von Action und Kitsch, Skrupellosigkeit und Ehrenkodex, Einsamkeit und Liebessehnsucht überführt er in eine konkurrierende Dreierkonstellation - Tok, O und Chin. Keine Erholung nirgends. Auch wenn die drei allein sind, meint räumlich voneinander getrennt, inszenieren sie sich ständig voreinander, beziehen sich aufeinander, beobachten sich wissentlich und unwissentlich gegenseitig. Während To in »Mission« die Tempowechsel vor allem mit optischen Stilmitteln choreographierte, löst er sie diesmal anhand der Psychologie seiner Figuren auf. Die Erinnerung an zwei Tote scheint O innerlich verlangsamt zu haben. Und Melancholie ist ein prekäres Gefühl in einem Beruf, in dem es ums Töten geht.
Tok hingegen bekämpft seine Dämonen mit unerschrockener Extrovertiertheit und To überzeichnet dessen Auftritte mit mehrdeutigem Pomp. Mit seiner Clinton-Maske über dem Kopf, im roten Lederjacket, schreitet Tok beschwingt, tänzelnd über eine mehrspurige Auffahrtstrasse, zaubert aus dem Nichts eine imposante Uzi hervor und knallt einige »Looser« ab, die vergeblich aus ihrem dunkel getönten Mercedes fliehen wollen. Aus dem Off begleitet ihn eine Opernsequenz und auf der anderen Strassenseite wird er von seinem Kontrahenten O fotografiert. Diese Foto-Session, die man im ersten Moment für einen Triumph O's halten könnte, scheint mit einkalkuliert. Am Ende der Vorführung zieht Tok sich die Maske vom Gesicht und verneigt sich mit einem triumphierenden »na, wie war ich?«-Grinsen vor dem für ihn unsichtbaren Teleobjektiv. »Als Cover könntest du dieses Foto nehmen, das O von mir gemacht hat«, wird er dem Cop später sagen, der eh schon mit den Nerven runter ist. »Wie in diesem Hollywoodfilm, der ..... «.
Text: Annett Busch
In einer Spex von 2002 erschienen
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