Insel im Nacken
THE ISLE ist ein koreanischer Film. Die Kamera nähert sich einer Gruppe flottierender Häuschen auf einem dampfenden See im Morgengrauen. Ja, das könnte Korea sein. Wasser und Festland, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Hell und Dunkel. Alle haben sie Schlitzaugen. So ist das mit Asiaten. Dann essen sie rohen Fisch. Man weiß ja um so manche grausame Zubereitung in nahe und fern. Ab und zu fällt ein bedeutungsloser Satz. Am Ufer des Sees haust eine jung Frau, die nicht spricht. Sie hört, auch Musik von Platte, irgend eine Rockmusik. Das kann überall auf der Welt passieren. Sie fährt ihre Gäste mit dem Boot zu den schwimmenden Inselhäusern und versorgt sie mit Essen und Trinken. Hier sind Männer zum Angeln gekommen und trinken, dort möchte sich jemand ins Nirwana schießen, hier ist ein Gauner untergetaucht. Manchmal macht die Stumme die Beine breit oder fährt Mädchen zu den Freiern.
Das Auskundschaften der Grenze zwischen Sozialvertrag und Instinkt, hat stets die Neugier und die Fantasie beseelt. Die Anschläge in den USA haben im veröffentlichten Wortschatz zum Aufleben einer ähnlichen Grenze geführt, die das Bestialische vom Zivilisierten (das westliche Zentrum vom Rest der Welt) zu trennen verspricht. Die hübschesten und berühmtesten Stars spielen Werwolf, Kanibale oder Wildkatze, dazu kommt eine Nerven stimulierende Orchesterdröhnung. Nastassja Kinskis nächtliches Raubkatzendasein versinnbildlicht diese Lust am Töten, die dann selbst der Tod ereilen muß, während in Luc Bessons nachapokalyptischem ménage à trois LE DERNIER COMBAT (F 1983) etwa männliche und weibliche Verhaltensweisen als Urstoff gesellschaftlicher Strukturen phantasiert werden; dort beschränken sich die Instinkte auf den Sexualtrieb: Rann an das Weibchen, weg mit dem Nebenbuhler. Dann regnet es noch Fische und Madame hält ganz modelliertes Blondchen ihren Rock auf Knielänge. Wenn es also um die Existenz des menschlichen Geschlechts geht, gelten Tilgung animalischer Kräfte, Darwinismus bzw. Schutz des schwachen Geschlechts. Es ist die Geburtsstunde der aus Todes- und Sexualtrieb abgeleiteten Geschlechterdifferenz. Sind nun tatsächlich solche Grundängste und Triebe Grundlage gesellschaftlicher Ordnung? Wollte man nationale Spezialitäten feststellen wollen, so müßte man behaupten, in den USA werde der ungebändigte Trieb (von WERWOLF bis FATAL ATTRACTION) getötet, in Frankreich werde er gezähmt und also formschön zurecht gemacht.
Die Leitfrage dieser Spekulationen lautet also, ob und in welcher Art das Umfeld, in dem man verweilt, auf die Triebe einwirkt. "Ja" würde heißen, daß in Frankreich eine andere Grenze zwischen instiktivem und sozialem Verhalten besteht als in den USA, und dann, daß das limbische System (dieser Teil des Großhirns, in dem alle gefühlsmäßigen Dinge, auch Schmerz und Sex bearbeitet werden) je nach Ort und Kultur qualitativ andere Reize verarbeiten muß, d.h. das Tierische unter der Schicht Zivilisiertheit, die von Ort zu Ort verschieden ist, ein jeweils anderes Tier schlummert, mit jeweils anderem Haß, anderem Quälsinn, anderen Gelüsten. Das würde bedeuten, Kultur hat Auswirkungen auf den Ausdruck der Instinkte.
THE ISLE zufolge müsste man feststellen, daß in Korea ganz andere Reglen gelten. Indes ist es zwecklos zu fragen, ob dieses Korea in THE ISLE irgend einem echten Korea entspricht, wie es absurd ist zu fragen, ob es also eine anständig koreanische Art gibt, seinen Wickelrock zu tragen, ein Boot zu lenken, zu essen, Wasser zu lassen oder Sex zu haben und den Tod zu finden und welches Tier sich unter dieser mehr oder weniger eingehaltenen Artigkeit verbirgt. Doch. Man ist versucht zu sagen, daß die Stumme einen sehr knackigen Hintern und auch lockig fallendes schwarzes Haar hat, das ihr Gesicht etwas wild umrahmt, daß sie einen ganz schön tiefen Ausschnitt hat und sich auch nicht besonders ziert, wenn sie breitbeinig und den Rock hochgezogen das Boot lenkt, daß sie sich in diesen Selbstmörder verliebt und ihn auf seinem Inselhäuschen besucht. Aber ist das Verliebtsein? Will sie ihn? Warum sticht sie ihm ins Bein? Und warum reißt er an ihren Kleidern? an der Angelschnur? Was ist das, Liebesspiel oder Vergewaltigung? Was tun sie sich an? Ist das SM? Nein, nein, nein.
THE ISLE erstaunt und gewinnt seine Großartigkeit aus dem Eindruck, in einer vormoralischen und vorsozialen Sphäre gelandet zu sein, in der solche Urteile nicht im mindesten angelegt sind. Die unvermittelten Ausbrüche von Zärtlichkeit oder rohen Brutalitäten, manischen Hackereien oder auch versunkenen Momenten, sind in Reinform präsentiert. Es stört kein gesteigertes Orchestergedröhne, keine Schuß- Gegenschußmontage. Die Kamera kreist wie eine unsichtbare Figur um die Protagonisten, und wenn es wieder los geht, nimmt sie langsam Abstand, als bestünde Ansteckungsgefahr. Auf dem Floß mit dem gelben Haus leuchtet von Weitem nackt der Oberkörper der Stummen. Es ist eine helle Form vor dunkelgrün-blauem Grund, eine ausgewogene Farbkomposition. Der Film ist wie die Spiegelfläche dieses Sees, die sich von zwei Seiten sehen läßt, von oben und von unten. Er zeichnet die Naht zwischen Schmerz und Lust, zwischen Leben und Tod, Freiheit und Gefangenschaft. Hierauf prasselt der Regen, hieraus ragt eine Hand oder hierein taucht ein toter Körper langsam weg. Im Gegensatz zu diesen Worten und Begriffen ist das, was man zu sehen bekommt, viel mehr als ein Statement und immer viel leiser und eindringlicher. Und so fühlt man sich erst sprachlos, dann auch schockiert über die Konsequenz, mit der der Film fotografisch und bar jeden Vor-Urteils gedacht ist.
Die Wasserfläche des Sees, die Szenerie des gesamten Films, ist die dünne Schicht des Bewußtseins zwischen Unbewußtem und dem Willen und Wunschdenken. Sie leugnet nicht das Individuelle, denn ein jeder hat seine Spezialitäten. Sie stellt zur Wahl, wieviel wir eigentlich davon wissen, warum wir fühlen, denken, überlegen und manchmal in einer Geschwindigkeit oder Aufgebrachtheit reagieren, die uns selbt unheimlich sein muß. THE ISLE treibt nicht aus und will nicht zähmen, baut keine Gegensätze, sondiert dafür die Funktionen des Stammhirns, das aus welchem Zufall auch immer auch "Insellappen" (Lobus insularis) genannt wird: Von dieser Insel im Nacken entspringen jene zwölf Hauptnervenpaare, die unsere gesamte Wahrnehmung ausmachen. Deren Eigenschaften ruft der Film tatsächlich einzeln zu Bewußtsein. Er macht das in bewußter Leugnung narrativer Verfahren. Zum Beispiel kämpfen dort diese beiden Männer auf dem Floß. Die Kamera beobachtet sie ahnungslos. Einer geht ins Wasser, und - obwohl er schwimmen kann - geht er rasch unter. Plötzlich taucht die Stumme im Wasser auf, die wohl herangeschwommen sein mußte. Sie hat ein kurzes Messer in der Hand und sieht in die Kamera. Es ist nicht anders denkbar, als daß sie den Kämpfer unter Wasser hielt. So tritt ein tödlicher Stoß, Beischlaf oder das lauernde Unheil vollkommen ohne Spannung und schon längst geschehen zu Bewußtsein. Wer aber unmittelbar reagiert ist der Körper, der unwillentlich mitzappelt, würgt, zuckt. Ein paar Szenen arbeiten extrem mit diesem Verfahren. Und dann setzt ebenso unvermittelt ein raffiniertes Ende ein. Wie in einem komischen Moment, der alles Vorherige wie einen Alptraum aussehen läßt, fährt das kleine gelbe Haus auf seinem Floß und mit seinen Bewohnern davon.
TEXT: Marie-Hélène Gutberlet
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