Wie stirbt man in den siebziger Jahren ?

»The Man who left his will on Film« (1970) ist ein seltsam seltener Film von Nagisa Oshima (»Realm of Senses«) der sich letztlich die Frage stellt: Wie kommt die Relevanz ins Bild? Nagisa Oshima hat diesen Text im Juli 1970 für eine japanische Filmzeitschrift geschrieben. Er beantwortet die Frage nicht, doch möglicherweise geht es schlicht darum, sie öfter wieder zu stellen. »Die Geheime Geschichte der Kriegs- und Nachkriegszeit von Tokio« trägt den Untertitel »Geschichte eines Mannes, der einen Film als Testament hinterließ«. Damit ist alles über den Inhalt des Films gesagt. Eines Tages im letzten Herbst kam mir ein Bild in den Sinn, das mich unentwegt verfolgte: das BIld eines Mannes, der bei seinem Tod ein Testament in Form eines Films hinterließ. Und wie immer, wenn ein Bild mir nicht mehr aus dem Kopf geht, regte es mich zu einem Film an.
Manchmal werde ich gefragt: »Wo ist bei Ihnen die Quelle der sogenannten Inspiration?« Ich bin außerstande, eine solche Frage zu beantworten. Es kommmt mir eines Tages, in einem bestimmten Augenblick, plötzlich in den Sinn - das ist alles. Ich sehe ein unwirkliches Wesen, höre eine unwirkliche Stimme - und ich kann wohl behaupten, daß ich nur deshalb Autor bin, weil ich unwirkliche Wesen sehe, weil ich unwirkliche Stimmen höre. Diejenigen, die mit mir teilen, was ich sah und was ich hörte, sind die Mitglieder des Filmteams und die Zuschauer.
Welcher Art aber sind diese Bilder, dies Stimmen? Ihre »Ursache« muß enweder in mir selbst oder in meiner Beziehung zur Außenewelt liegen. In diesem Zusammenhang mag das Wort »Ursache« merkwürdig erscheinen, aber es ist absolut unmöglich, daß diese Bilder in mir aufsteigen, ohne etwas mit meiner ureigensten Subjektivität zu tun zu haben. Obwohl ich wirklich nicht erklären kann, weshalb mir das Bild eines sterbenden Mannes in den Sinn gekommen ist, glaube ich einiges über die psychische Verfassung zu wissen, in der ich mich befinde, wenn ein unwirkliches Bild Besitz von mir ergreift.
Die Entdeckung und Analyse der psychischen Voraussetzungen, die als Quelle für die Inspiration eines Filmemachers in Frage kommen, sind im Grunde Aufgabe der Kritiker und Zuschauer, die sich für die Filme interessieren; es ist nicht Sache des Regisseurs, Erklärungen über sich selbst abzugeben. Aber die Eigentümlichkeit des Kinos besteht genau darin, daß das, was in anderen Bereichen der Kunst das ABS der Kritik ausmacht, hier nicht gegeben ist. Immer wieder wird der Regisseur gezwungen, Journalisten ( und manchmal sopar Kritikern, die sich zu ihnen gesellen ) Rede und Antwort zustehen, die ihm Fragen wie: »Was hat Sie zu diesem Film bewegt?«, »Weshalb mamchen Sie diesen Film?«.
Ich kann mich gegen diese Gewohnheit ebensowenig wehren wie die anderen Filmemacher auch. Da ich aber unfähig bin, meine Inspiration selbst zu erklären, ziehe ich es vor, den Fisch auf andere Weise zu ertränken: durch Erklärungen über die psychische Verfassung, die meiner Ansicht nach zu der Inspiration geführt hat.
Was den oben erwähnten Film betrifft, stellen sich zwei Fragen: was bedeutet die Realisierung eines für mich persönlich ? Wie kommt der Mensch dazu, sich selbst terrorisieren ? Auf die erste Frage werde ich nicht antworten - zum einen, weil ich es nicht kann, und zum anderen, weil sie Privatsache ist. Die zweite dagegen hängt mit dem Titel zusammen: daß wir im Augenblick des »Tokio Krieges« (wie diei Mitglieder der Roten Armee ihn nannten; ein Krieg, dessen Höhepunkt in dem Versuch bestand, Sato im letzten Herbst an seiner USA-Reise zu hindern), als alle Gruppen entschlossen waren, im Kampf auch den Tod in Kauf zu nehmen (schließlich gab es keinen einzigen Toten ) - daß wir in diesem Augenblick ansehen mussten, wie der Vorhang fiel und unsere Niederlage besiegelte, hat mich zutiefst getroffen. Auch ich bin mit der Kamera in der Hand durch die Hallen von Haneda geirrt, aber natürlich habe auch in den Tod nicht gefunden. »Wie stirbt man in den siebziger Jahren?« ist die Antwort auf die Frage: Wie werden wir in der nächsten Zukunft leben?«
Text: Nagisa Oshima Erschienen in: Yushu-Eiga, Filmrevue des Monats, 1. Juli 1970. Auf deutsch: Nagisa Oshima Schriften - Die Ahnung von Freiheit. Wagenbach, 1982, Berlin.