Fast wie immer
Ein gewöhnlicher Tag in einer amerikanischen High School. Jugendliche erleben ihre persönlichen, kleinen Geschichten. Eli läuft durch den Park und macht Photos, Michelle wird aufgrund ihres Aussehens von Mitschülerinnen gehänselt. John kümmert sich um seinen alkoholisierten Vater und kommt zu spät zum Unterricht. Alltag.

Gus Van Sandt, alteingesessener amerikanischer Independant-Filmer, hat sich schon immer für Menschen auf dem Weg ins Erwachsensein interessiert. In Arbeiten wie »Drugstore Cowboy« oder »My Private Idaho« portraitierte er junge Outsider, die ihre Wege in den Gesellschafts-Körper abgeschlossen haben.
Das bleibt auch in »Elephant« so. Als die beiden Freunde Alex und Eric die Schule betreten, beginnt ein schreckliches Blutbad, bei dem mehrere Menschen getötet werden. Die Schulmorde von Columbine, deren Bilder durch die internationalen Medien und Michael Moores Dokumentarfilm geisterten, sind das Thema von Van Sandts mehrfach preisgekröntem Werk.
In poetischen Bildern, die an Photographien William Eggelstons erinnern, fühlt sich »Elephant« in die Schul-Atmosphäre ein. Elliptisch verzahnen sich die kleinen Episoden der Protagonisten ineinander und lösen eine chronologische Narration auf. Anders als bei vielen Vertretern des postmodernen Kinos ist dies aber kein formaler Effekt. Vielmehr wehrt sich der Film gegen die Konstruktion einer linearen Erzählung, da sie eine geschlossene Erklärung der Ereignisse implizieren könnte. Das bedeutet aber nicht, dass er sich im naiven, poetischen Allerlei verliert, im Gegenteil: Van Sandt, der mit Laiendarstellern arbeitete und auf der Basis von Drehbuchfragmenten improvisierte, beobachtet sehr genau. Dass die jungen Mörder auf ihrem Laptop die notorischen Ego-Shooter spielen oder vor dem Fernsehen eine Nazi-Dokumentation anschauen, wird genau so observiert wie das Frühstück zu Hause oder die letzte Übung am Klavier. Überhaupt bleibt die Story von Alex und Eric nur eine von vielen.
Gegen die ideologische Instrumentalisierung zu kurz gegriffener Analysen setzt Gus Van Sandt damit eine empathische Sensibilität. Der Position eines Michel Foucault nicht unähnlich, scheint er sich einen Ort zu wünschen, an dem nicht jedes Handeln des Subjekts von der Macht klassifizierbarer Bedeutungen durchdrungen ist. »Elephant« argumentiert, dass man für komplexe soziale Phänomene vorgefertigte Urteilsschablonen ablegen muss, um sich der Wahrheit zu nähern. Und macht einen sanften aber reifen, ersten Schritt dahin.
Text: Tim Stüttgen
Der Text ist ursprünglich in der konkret erschienen.
- new_images's blog
- Printer-friendly version
- Login or register to post comments
