Wie ein anderer werden?
Im Falle von Jose Henrique Fonsecas »The Man of the Year« durch eine kleine ästhetische Korrektur. Nach einer verlorenen Wette lässt sich Miguel die Haare blond färben und sieht nach einem gekonnt lacanschen Blick in den Spiegel, das Potenzial, sein neues Äußeres mit neuem Inhalt aufzufüllen.
Sein erster Schritt in ein anderes Leben ist der Mord an einem Kleinkriminellen, den die bleiche Haarfarbe zu gewagten Spekulationen über Miguels sexuelle Orientierung genötigt hat. Das ohne jeden Affekt, fast zögernd ausgeführte Verbrechen zieht seltsame Konsequenzen nach sich.
Miguel sieht sich nicht nur mit der kaum trauernden Geliebten des Opfers konfrontiert, die ihn nun als verantwortlich für sich bestimmt, sondern avanciert über Nacht zum Helden seiner ärmlichen Nachbarschaft. Als segensreicher Racheengel, in dessen Rolle er sich, unterstützt und gelenkt von einer mysteriösen Kamarilla reicher Bürger Rios, schnell zuhause fühlt, exekutiert er einen »Public Enemy« nach dem anderen. Dass er dabei nur zum willkommenen Instrument jener Verschwörung alter Männer wird realisiert er erst viel später. Fonseca zeichnet mit seinem Debüt ein stilsicheres Bild eines fremdbestimmten Selbstjustiziars, mit beißenden gesellschaftskritischen Untertönen. Miguel muss erst seine Ehe scheitern und einige seiner besten Freunde zugrunde gehen sehen, bevor er in der vermeintlichen Erlangung der Kontrolle über seine Persönlichkeit, den ultimativen Kontrollverlust erkennt.
Vor dem Hintergrund der südkoreanischen Militärdiktatur, und basierenden auf einer wahren Begebenheit vollzieht sich in »Memories of Murder« von Joon-ho Bong eine andere Wandlung. Ein ambitionierter Seouler Kommissar reist in die Provinz um sich an der Aufklärung einer Reihe mysteriöser Mordfälle zu beteiligen. Er trifft auf eine eingeschworene Riege lokaler Beamter, die wenig auf seine modernen Ermittlungsansätze geben und mehr einer bewährten Mischung aus Intuition und kruden Verhörmethoden vertrauen. Mit der zunehmenden Zahl der Opfer steigt der Druck. Falsche Verdächtigungen mit tragischem Ausgang, der gescheiterte Versuch dem Mörder eine Falle zu stellen, die buddieske Annäherung der Ermittler und die unterirdische Angst vor der kommunistischen Bedrohung der gedeihenden industriellen Idylle, verdichten sich zu einem gespenstischen Unsittenbild. Mit der Zeit wächst auch die Bereitschaft des rationalen, westlich geprägten Grosstädters, sich der faschistischen Methoden seiner Kollegen zu bedienen um die Illusion einer möglichen Lösung des Rätsels aufrechtzuerhalten. Ein moralisches Dilemma mag sich dennoch nicht einstellen. Die Grenzüberschreitungen der Protagonisten sind genau wie die bildgewaltigen Einstellungen des Himmels über Korea nur ein weiterer Hinweis auf die immanente Unentwirrbarkeit dieses enigmatischen Reigens, der seinen Höhepunkt in einer ebenso leise tragischen wie grandios fatalistischen Schlussszene findet. Tragisch geht es auch an der Adria zu. Wiederum wird sich verändert, und weil es auf der Hand liegt wenn man ein armer Schlucker wie Tom Ripley ist, gleich die Rolle des reichen, eigens dafür ermordeten besten Freundes Phillipe Greenleaf eingenommen. Altmeister Rene Clement brachte den »Talented Mr. Ripley« von Patricia Highsmith 1960 unter dem schönen Titel »Plein Soleil« auf die Leinwand.
Unter jener sengenden Sonne entwickelt sich ein nervenaufreibendes Duell zwischen Mr. Ripley und seinen Jägern, das angenehmerweise weitaus weniger gezwungen psychologisieren muss als die amerikanische Adaption aus dem Jahre 1999. Vor allem der blutjunge Alain Delon trägt mit seiner makellosen, beinah dämonischen Schönheit, seiner gespielten Naivität und seinen kaltherzigen Winkelzügen dazu bei, aus einer klassische Variation auf die Bürde der Geburt und den resultierenden Neid auf die Upper Class kein reißerisches Rührstück, sondern einen sanften Thriller zu machen. Der klassengesellschaftliche Januskopf Ripley befriedigt seine höchst nachvollziehbare Sehnsucht nach sozialem Aufstieg mit teuflischem Verve und skrupellosem Charme. Doch entkommen wird er seinen Verbrechen nur scheinbar.
Gänzlich untalentiert, wenn auch durchaus ähnlich geht Sean Crawley vor um den Platz eines anderen einzunehmen. Ein zwielichtiger Baumagnat beauftragt ihn zunächst einen städtischen Beamten zu observieren, nur um ihn kurz darauf um dessen Ermordung zu bitten. Crawley, ein hochgradig naiver all american boy, willigt ein und erfüllt die ihm gestellte Aufgabe ebenso gewissen- wie tölpelhaft. Im weiteren Verlauf der Handlung verscherzt er es sich, wie könnte es anders sein, mit seinen Auftraggebern, und bandelt leicht unbeholfen mit der Gattin des Verblichenen an. Stuart Gordon, der in den letzten Jahren eher mit unangenehmen Versuchen auffiel an den Erfolg seines Debüts »Re-Animator« anzuknüpfen, liefert mit »King of the Ants« ein Paradestück von einem kleinen, gemeinen Film, der sich klammheimlich einreiht in die Dynastie großer US-amerikanischer Revenge-Movies. Dem tut auch die beizeiten etwas wackelige Erzählweise keinen Abbruch. King of the Ants ist nihilistisch, unnötig gewalttätig und mit viel zu viel Sympathie für seinen blindlings wütenden Protagonisten ausgestattet, einfach ein Vergnügen für die ganze Familie.
Text: Hias Wrba
Der Text ist ursprünglich in der Spex erschienen.
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