This is Hardcore!

Am Anfang eine kurze Szene aus Martin Scorsese's Taxi Driver aus dem Jahr 1976. Travis Bickle, der Soziopath, der den Peckinpah Weg zurück in die Mitte der Gesellschaft gehen wird, hat seine Liebe, die engagierte Wahlkampfhelferin Betsy zum ersten Date ins Kino geladen. Prekärerweise in einen Pornofilm. Betsy, die als erfolgreiches, selbstbewusstes Karrierewesen auch einen neuen Typus Frau verkörpert, verlässt empört die Vorstellung. Travis eilt ihr nach. Er merkt, dass er etwas falsch gemacht hat, scheint aber nicht wirklich zu wissen was. Auch wenn die Szene im Taxi-Driver-Kosmos vornehmlich dazu dient, Bickle's Grad der Entfremdung von gesellschaftlich akzeptiertem Verhalten zu zeigen, steckt in ihr einiges mehr. Warum flieht Betsy? Warum versteht Travis nicht wo das Problem ist? Und wann war das letzte Mal ein Porno im Kino zu sehen?

Vor den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts war der Konsum sexuell expliziter Filme zum allergrößten Teil auf exklusive Herrenrunden beschränkt in denen sogenannte stag films gezeigt wurden. Verbotene, kurze genitale Schauen, die seit ihrer Entstehung um 1900 herum auf versteckten Vertriebswegen ihren Weg in Bordelle und Clubs fanden. Erst in den 60er Jahren, getragen auf der Welle grassierender Freizügigkeit entstanden die ersten Pornokinos, in denen zunächst nur ein stag nach dem anderen zu sehen war. Zielgruppe waren die spöttisch “Raincoaters” genannten, einsamen Herren, deren lange Mäntel genug Sichtschutz boten um sich in der Dunkelheit des Kinosaals in aller Ruhe zu befriedigen. Die Idylle kollektiven Wixens wurde jedoch mit dem Beginn der 70er Jahre empfindlich gestört. Zum einen hatte Russ Meyers “Vixen” 1968 als erster, wenn auch Softcore-, Sexfilm auch zunehmend Pärchen in die Kinos gelockt und zum anderen sahen sich die Mitchell Brothers 1971 mit einer Klage konfrontiert die ihnen vorwarf Sex um des Sex willen ohne “socially redeeming value” zu zeigen. Es schien im Interesse der Produzenten etwas mehr Rahmenhandlung in die Filme einfliessen zu lassen. So enstand 1972 mit Deep Throat einer der ersten abendfüllenden Pornos, gedreht auf 35 mm, mit ansehnlicher Handlung und einer nicht weniger ansehnlichen Linda Lovelace auf der Suche nach sexueller Erfüllung. Der Film wurde ein bahnbrechender Erfolg und leitete eine neue Epoche ein.

Die New York Times brachte den Bergriff “Porn Chic” in Umlauf und eine zunehmende Zahl Mainstream-Stars, wie Sinatra, bekannten sich öffentlich zu ihrem bis dato geächteten Hobby. Porno schien im Mainstream angekommen zu sein. Die frühen Filme des “Golden Age” wirken, so unterschiedlich sie im einzelnen was Qualität und Message betrifft sein mögen, bis heute angenehm stilsicher. Dem Sex wurde ein Kontext gegeben und die schauspielerischen Leistungen der Darsteller reichten teilweise sogar über B-Movie Anforderungen hinaus. “The Opening of Misty Beethoven”, Shaws Pygmalion als Porno, inszeniert von Radley Metzger ist ein Vorzeigebeispiel für Humor und Leichtigkeit der damaligen Herangehensweise. Dabei stehen die Produktionen der siebziger Jahre ihren Nachfolgern in Sachen Explizität in nichts nach, im Gegenteil, sie übertreffen sie teilweise noch. So war Sodomie, mittlerweile eines der letzten großen Tabus der Industrie, ein wenn auch exotischer, so doch vorhandener Gegenstand mancher Film. Der dänische “Animal Lover” bespielte immerhin mehrer Wochen ein New Yorker Kino. Trotz allen Tabubrüchen, besticht das gros der Filme durch einen hippieesk utopischen Blick auf eine Welt der ungehinderten sexuellen Freuzügigkeit. So wurde größtenteils mit völliger Selbstverständlichkeit gezeigt, dass auch Frauen Spass am Sex haben sollen. Das der Porno gerade bei der Darstellung dieser Lust, sprich eines weiblichen Orgasmus, an die Grenzen der Darstellbarkeit stösst, bleibt eines seiner Hauptprobleme. Dort endet die Diktatur der totalen Sichtbarkeit. Um immerhin im Fall der Männer Beweise zu liefern, etablierten sich die “money shots”. Großaufnahmen des auf die Partnerin ejakulierenden Penis, ohne die heute kein Porno mehr denkbar ist. Die damit verbundene übertriebene Konzentration auf den Phallus, als Symbol, nicht als anatomische Tatsache, sorgt nicht zu unrecht immer wieder für Kritik. Die Problematik weibliche Lust “authentisch” darzustellen, war und ist gepaart mit dem ohnehin schon schwierigen heterosexuell-patriarchialen Verhältnis gegenüber dieser Lust, das bis heute geprägt ist von blumigen Mythologien bis zur völligen Negation ihrer Existenz. Erst mit der sexuellen Revolution der 60er Jahre und den Veröffentlichungen von Masters und Johnson in den frühen 70ern, wurde Frauen überhaupt auf breiter Basis zugestanden physiologisch in der Lage zu sein einen Orgasmus zu haben. Das Frauen auch Sex wollen, war und ist für manche Männer diesseits und jenseits der Sexindustrie allem Anschein nach ein ziemliches Problem. Die Forderung nach der Zurkenntnisnahme weiblicher Sexualität wurde somit zu einem Hauptmotiv femministischer Diskurse.

Por-No und Video

Zwei Entwicklungen beendeten jedoch den Ausflug des Pornofilms in den Mainstream abprubt. Die Einführung von Heimvideogeräten Ende der Siebziger führte zu einer Verlegung und Erweiterung des Marktes. Die Branche boomte. Und um dem zunehmenden Bedürfnissen der Konsumenten nachzukommen, mussten exponentiell mehr Filme produziert werden als zuvor. Als erstes gingen aus Kostengründen aufwändige Rahmenhandlung und Ausstattung über Bord. Der gesteigerte Output sorgte für einen qualitativen Verfall. Zudem wurde Porno wieder zur Privatangelegenheit gemacht und verschwand aus der öffentlichen Wahrnehmung. Der inhärenten Doppelmoral eines äusserlich prüden Kleinbürgertums, das sich innerhalb der eigenen vier Wände umso heftiger auslebt, wurde Vorschub geleistet. Damit wurde auch das Ende der sexuellen Revolution eingeleitet. Durch den Rückzug ins Private wurde ihr der politische Zahn gezogen.

Fast zeitgleich setzte innerhalb der feministischen Bewegung eine erbitterte Bewegung gegen Pornographie ein. Angeführt von den radikalfeministischen Vorreiterinnen Andrea Dworkin und Catharine MacKinnon stritten unzählige Aktivistinnen und Gruppierungen für ein generelles Verbot der von ihnen als Erniedrigung und Diskriminierung empfundenen Filme und Magazine. Eines der gewichtigsten Argumente war der angeblich direkte Zusammenhang zwischen pornographischem Material und der realen Vergewaltigung von Frauen. Mitte der 80er Jahre versuchte die von Reagan eingesetzte Meese Comission, unterstützt von Dworkin und MacKinnon, diesen Zusammenhang ein für alle mal zu beweisen. Einschneidend war dabei vor allem jedoch der Flirt mit der christlichen Rechten in Amerika, die seitdem eine enge Verbündete radikalfeministischer Pornogegner ist und die damit einhergehende notwendige Verdammung homosexueller Pornographie. Sich mit den alten, weißen Männern zusammenzutun, eigentlich erklärten Vertretern der patriarchialen Ordnung, die es zu bekämpfen gilt, bleibt die große Ungereimtheit der dworkinschen Schule des Feminismus.

Ende der 80er Jahre kam es innerhalb der feministischen Bewegung zum Backclash. Linda Williams veröffentlichte ihr Buch “Hard Core” und forderte jenseits moralischer Debatten, Porno als Genre lesen zu lernen. Im Zuge dieses neuen Blicks entwickelten sich eine Bewegung von Feministinnen gegen Zensur und eine Pro-Sex Fraktion. Letztere, nimmt die These von der Zukenntnisnahme weiblicher Sexualität wieder auf, und vertritt, abgeleitet von Mulveys feministischer Filmtheorie, die Forderung, nach einem verstärkten “weiblichen Blick” im Pornofilm. Wichtige Vertreterinnen sind unter anderen die amerikanische Aktivistin Susie Bright, und die Ex-Pornodarstellerin, Filmerin und Theoretikerin Veronica Hart. Die Industrie kam nicht darum herum dieses Tendenzen wahrzunehmen und produzierte verstärkt für den Markt der Pärchen die gemeinsam Pornos ansehen, um den vermeintlichen Erwartungen weiblicher Zuschauer gerechter zu werden. Eine der ersten die heterosexuelle Pornographie mit aussschließlich Frauen hinter der Kamera produzierte war die ehemalgie Darstellerin Candida Royalle mit ihrer Produktionsfirma Femme.

Das Pärchen im Baumhaus

Doch gerade als zunehmend Frauen sich begannen mit dem Thema auseinanderzusetzen, löste das einen Gegentrend aus der heute den Großteil der Mainstreamproduktionen beherrscht. Der Amerikaner Max Hardcore sorgte Anfang der 90er mit grotesk überzeichneten karrikaturesken Clips für neue Maßstäbe. Fellatio mit anschliessendem Erbrechen, Analverkehr und nichtendenwollende verbale Erniedrigung der Protagonistinnen wurden zu seinem oft immitierten Markenzeichen. Die gespielte Unschuld der Frauen kontrastiert dabei nur noch die Härte der folgenden Nummern.
Für Frauen, die begehren, gibt es auf dieser dunklen Seite der Pornographie nur die Rolle der “verdorbenen Ficksau”, die erniedrigt/für ihre Lust bestraft werden will. Auf frappierende Weise eigentlich eine Spiegelung der These von Dworkin und der Meese Commission innerhalb des Mediums. Grundlage dieser Verschärfung, war die Mentalität vieler männlicher Pornofans, die sich ähnlich kleiner Jungs die an ihr Baumhaus ein Schild hängen auf dem “keine Mädchen” steht, in ihrer Männerbündelei empfindlich gestört sahen. Zumal die vermeindliche Abnormität der Praktiken auch nur auf geschicktem Marketing beruht, das dem Konsumenten suggeriert nie dagewesene Perversionen zu sehen zu bekommen. Rougher ist wenn überhaupt vor allem jenes Marketing und damit die nach aussen gerichtete Sprache dieser Spielart der Pornografie geworden. Nicht der Inhalt.
Was die Couple-Porn Industrie bisher an von Frauen inszenierten Filmen dagegensetzt, ist, wenn auch von der Zielsetzung ambitionierter, leider oft nicht viel gelungener. Entweder ergehen sich Filme wie Eyes of Desire in schwülstigen sexuellen Erweckungsphantasien oder in aufwändigeren Produktionen, die sich mit ihrem Plot brüsten, wird einfach ein zumeist asexuelles Kinogenre wie Action-, Historien- oder Westernfilm mit Hardcoreszenen versehen, um den Anschein zu geben, es ginge ja nicht nur ums ficken. Gerade in der letzteren Variante wirken klischierte Plotlines umso lächerlicher, wenn der Geheimagent sich im Zuge seines Auftrags durch Reihen gegnerischer Spione vögelt und dabei innerhalb der Nummern wieder exakt die Dramaturgie reproduziert die der Zuschauer aus No-Plot Filmen gewohnt ist. Für den Zusschauer fühlt sich das an wie Action-Kino in dem immer nur Steven Segal läuft und nie Die Hard. Im Golden Age waren die Plots immerhin noch zum großen Teil thematisch bei sich selbst. Es ging auch in der Handlung zwischen den Hardcoreszenen um Sex. Wenn der Porno schon „lügt“, wie oft behauptet wird und Lust vorspielt wo keine sein kann, dann war damals immerhin der Kontext in dem die Lüge stattfand ein Aufrichtiger.

No Future
Dass Pornos gerade eine diskursive Rennaisance erleben verdanken sie nicht zuletzt dem Internet, das ihnen zu wiedergewonnener Präsenz verholfen hat. Allein in den USA setzt die Branche jährlich 2 Milliarden Dollar im Netz um. Auf diesem neuen halb privaten, halb öffentlichen Weg hat Pornographie eine nie dagewesene Reichweite und Verfügbarkeit erreicht. Pornosites waren in der Blütezeit des Netzes die einzigen, die tatsächlich Geld mit dem Medium verdienten und die deshalb den Crash Anfang 2000 relativ schadlos überstehen konnten. Die begrenzten Bandbreiten der Anfangszeit verlangten außerdem, dass nur kurze Clips, zumeist aus diversen Videoproduktionen herausgeschnitten, feilgeboten wurden. Die kurzen rahmenlosen stags und loops der Gründerzeit erlebten ihre Wiederkehr als avi und mpg4 files. Die Ausdifferenzierung und größere Verbreitung sorgte auch dafür, das neue Zielgruppen geworben wurden. Ein gewichtiger Einfluss dabei waren und sind die, mit dem Reiz des Authentischen lockenden, zahlosen Amateurseiten, deren wackelige Lo-Fi Optik und DIY-Attitüde einen nachhaltigen Einfluss auf die Branche hatten. Auch dadurch schleicht sich eine neue Punk Cinema Ästehtik in die Pornographie ein, die langsam aber sicher das Bild der schönheitoperierten Pornoqueen unterminiert. Zaghaft beginnen sich so immer mehr unabhängige Produzenten mit der nötigen Ironie und Aufmerksamkeit für Genderthemen gegen die Übermacht der Majors zu stemmen, die das Geschäft scheinbar völlig kontrollieren. In dieser Entwicklung des Marktes, verbunden mit der sicherlich vorläufig hype-bedingten Entdämonisierung liegt eine Chance nicht nur immer abstrusere Nischen zu bedienen, sondern vor allem auch endlich wieder Pornographie zu produzieren, die intelligent, ästhetisch und cool ist. Gerade die junge englische Regisseurin und Filmhochschulabsolventin Anna Span macht vor wie es auch anders gehen könnte. Ihr „U.N.I.F.O.R.M. B.E.H.A.V.I.O.U.R.“ aus dem Jahr 2003 nimmt sich humorvoll gebrochen eines sehr expliziten Fetischthemas an. Das Ergebnis ist ein Post-Post-Porno der sich der eigenen Schwächen bewusst ist und beginnt mit ihnen zu spielen, nur um wieder beim Kern seines eigentlichen Anliegens zu landen. Dass die Feuerwehrmänner, die eine junge Dame mittels klappriger Holzleiter vom Baum retten, nur ein Quartett Pornodarsteller sind versucht Span nicht zu verbergen. Sie offenbart stattdessen die im Grunde lächerliche Annahme, dass was es zu sehen gäbe könnte echt sein und erfüllt sie trotzdem, innerhalb der Lüge die der Film ist. Die Kostüme wirken erbärmlich, die Schauspieler, vor allem auch die weiblichen, feixen ununterbrochen und die alte Pornofantasie vom schnellen anonymen Sex wird so überzogen aufgearbeitet, dass sie gar nicht mehr verlangen kann ernst genommen zu werden. Was Span bleibt sind die Körper und ihre Reflexe. Jeder innerweltliche Pomp fällt weg. Die Feuerwehr kommt und mit ihr selbstverständlich auch die Damen die gerettet werden. Das ist alles was wir wissen müssen.