Schaut her, ich habe Fidel Castro getroffen

Politik und Geschichte anhand großer Männer zu inszenieren und zu interpretieren, ist bei Oliver Stone nichts Neues. Nun ist er zum ersten Mal richtig nah dran, physisch. Oliver Stone und sein »Comandante«.

Aus gebührender Distanz umkreist eine wackelige Kamera ein wie zufällig herumstehendes Grüppchen. Leute laufen durch die weitläufige Säulenhalle, manchmal bleiben sie im Bild stehen. Mit dem Licht scheint sich niemand Mühe gegeben zu haben. Das Arrangement wirkt improvisiert, fast unprofessionell. An der Situation jedoch ist wenig zufällig. Die da zusammenstehen, sind Fidel Castro, seine Übersetzerin und Oliver Stone. Und zum ersten Mal kehrt so etwas wie Ruhe ein, obwohl "Comandante", der Dokumentarfilm von Oliver Stone über Fidel Castro, schon eine Stunde läuft.

Wunderbare Maskerade

Wer nach Natürlichkeit sucht, sucht im Kino des Pedro Almodóvar vergebens. Worum es in »La mala educación« geht, ist schwierig zu benennen. Um Missbrauch in einer Klosterschule? Sicher. Doch wer nun ein Drama erwartet, das Täter- und Opferrollen klar verteilte, wird enttäuscht.

Von Zahara sieht man zuerst nur den Rocksaum. Er hat die Farbe heller Haut und ist mit Fransen dicht besetzt. Langsam und aus nächster Nähe fährt die Kamera nach oben. Am Hintern ruht sie sich einen Moment aus, Pailletten zeichnen die Rundung der Backen nach. Der Körper dreht sich um die eigene Achse und ein Dreieck aus braunen Perlen taucht zwischen den Beinen auf. Auf Brusthöhe dann zwei Hügel, die Spitzen mit rosa Perlen besetzt. Aus dem Dekolletee heraus schaut endlich die Figur: Zahara, verkörpert von dem mexikanischen Schauspieler Gael García Bernal. Ihre wasserstoffblonde Perücke ragt in die Höhe, ihr Lidstrich reicht von hier bis zur Ewigkeit, und wenn sie die Augen aufschlägt, hat man für immer begriffen, was das Wort kokett bedeutet.

Das Nichts für einen Schnauzbart

Karikatur oder Aneignung ?: "Die Dialektik ist subtil, aber unabweisbar, die Strategie unbesiegbar. Erster Schritt: Hitler nimmt Charlie seinen Schnäuzer weg. Zweite Runde: Charlie holt sich seinen Bart zurück, aber dieser Bart war nicht mehr bloß ein Bart à la Charlie, er ist mittlerweile zu einem Hitlerbärtchen geworden", schrieb Andre Bazin 1945 in seinem Kommentar zu "The Great Dictator" von Charles Chaplin. Die Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch nimmt den Faden auf und zeigt, warum es effektiver ist, Hitler im Kino abzustellen als ihn verstehen zu wollen. Das beste Antidote zum "Untergang".

Film/Sound

Was macht Musik mit Bildern? Was stellen Sprache und Geräusche mit unseren Sehgewohnheiten an? Was vermag der Popsong? Was wird sichtbar durch den Ton? Meist stehen Bilder und Geschichten im Vordergrund, hier wird der Fokus verschoben und jede Selbstverständlichkeit negiert, dass Bild und Ton von Haus miteinander zu tun hätten.

Kurz danach war schon

An dem neuen Film von Kar-Wai Wong erscheint nicht viel neu und entweder ist das das spannende daran oder unfreiwillige Ironie. Dreimal der Versuch Zeit zu filmen: »2046« (Kar Wai Wong), »Histoire de Marie et Julien« (Jacques Rivette), »Elephant« (Gus van Sant).

Zwischen bunten Lichtschlieren und utopischen Räumen, zu einer Zeit die schon war und noch nicht ist, erzählt eine Stimme aus dem Off von der emotionalen Beschaffenheit alter/neuer Lebewesen. Sie befinden sich in einer Art Zeitreise-Zug namens 2046. Eingestiegen sind sie irgendwann, um ihr verlorenes Gedächtnis wieder zu finden. Doch was an den alten/neuen Erinnerungen wahr sein könnte, werden die Androiden nie erfahren, denn niemand kehrt zurück in die alte Zeit, um sie zu überprüfen. Allein der Erzähler: »Because I need to change.« Und so findet sich Tony Leung alias Chow Mo-Wan als Journalist und Schriftsteller im Hongkong Mitte der 60er wieder, verstrickt in halbgaren Liebesgeschichten. Das Problem der Androiden, so heißt es, sei die zeitliche Verzögerung die zwischen Empfinden und dem Ausdruck jener Empfindung liegt. »2046« ist jedoch keine Science-Fiction. Die Zahl ist auch und vielmer die Nummer eines Hotelzimmers und die Reaktionsverzögerung der Androiden beschreibt weniger die emotionale Verkrüppelung des neuen Menschen als die Melancholie des alten.

History Lessons

»Wie Film Geschichte anders schreibt« fragte die Filmkritikerin Frieda Grafe. Wie bekommt Film Geschichte zu fassen, ohne sich mit ihr zu versöhnen? Wie vermag Geschichte sich im Film zu aktualisieren ohne nostalgisches Seufzen? »Bedarf die Darstellung der historisch relevanten Kollektive immer des Narrativs, des Spielfilms und seiner Konventionen?« fragt Diedrich Diederichsen. Wer macht wen zum Held oder Heldin und setzt jene wie in Szene? Wie werden Bilder aus Archiven zum Beweismaterial? Fragen über Fragen in einem zugegeben unendlich weiten Feld. Ziel wäre es, nach und nach ein möglichst heterogenes Konglomerat von Texten zu sammeln, die um jene Fragen kreisen und noch ganz andere stellen.

Wie stirbt man in den siebziger Jahren ?

»The Man who left his will on Film« (1970) ist ein seltsam seltener Film von Nagisa Oshima (»Realm of Senses«) der sich letztlich die Frage stellt: Wie kommt die Relevanz ins Bild? Nagisa Oshima hat diesen Text im Juli 1970 für eine japanische Filmzeitschrift geschrieben. Er beantwortet die Frage nicht, doch möglicherweise geht es schlicht darum, sie öfter wieder zu stellen. »Die Geheime Geschichte der Kriegs- und Nachkriegszeit von Tokio« trägt den Untertitel »Geschichte eines Mannes, der einen Film als Testament hinterließ«. Damit ist alles über den Inhalt des Films gesagt. Eines Tages im letzten Herbst kam mir ein Bild in den Sinn, das mich unentwegt verfolgte: das BIld eines Mannes, der bei seinem Tod ein Testament in Form eines Films hinterließ. Und wie immer, wenn ein Bild mir nicht mehr aus dem Kopf geht, regte es mich zu einem Film an.
Manchmal werde ich gefragt: »Wo ist bei Ihnen die Quelle der sogenannten Inspiration?« Ich bin außerstande, eine solche Frage zu beantworten. Es kommmt mir eines Tages, in einem bestimmten Augenblick, plötzlich in den Sinn - das ist alles. Ich sehe ein unwirkliches Wesen, höre eine unwirkliche Stimme - und ich kann wohl behaupten, daß ich nur deshalb Autor bin, weil ich unwirkliche Wesen sehe, weil ich unwirkliche Stimmen höre. Diejenigen, die mit mir teilen, was ich sah und was ich hörte, sind die Mitglieder des Filmteams und die Zuschauer.

Insel im Nacken

THE ISLE ist ein koreanischer Film. Die Kamera nähert sich einer Gruppe flottierender Häuschen auf einem dampfenden See im Morgengrauen. Ja, das könnte Korea sein. Wasser und Festland, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Hell und Dunkel. Alle haben sie Schlitzaugen. So ist das mit Asiaten. Dann essen sie rohen Fisch. Man weiß ja um so manche grausame Zubereitung in nahe und fern. Ab und zu fällt ein bedeutungsloser Satz. Am Ufer des Sees haust eine jung Frau, die nicht spricht. Sie hört, auch Musik von Platte, irgend eine Rockmusik. Das kann überall auf der Welt passieren. Sie fährt ihre Gäste mit dem Boot zu den schwimmenden Inselhäusern und versorgt sie mit Essen und Trinken. Hier sind Männer zum Angeln gekommen und trinken, dort möchte sich jemand ins Nirwana schießen, hier ist ein Gauner untergetaucht. Manchmal macht die Stumme die Beine breit oder fährt Mädchen zu den Freiern.

Repetition is the Mother of Zombification

Warum Zombies loopen, was anders werden sollte und warum es tödlich ist, jeden Abend in dieselbe Bar zu gehen: erklärt mit Edgar Wrights »Shaun of the Dead« und einigen anderen Highlights aus dem Reich der lebenden Toten.

»There is a girl in the garden.« Eine scheinbar recht linkische junge Dame, dreht Shaun und Ed ihren Rücken zu. Auf mehrmaliges Zurufen reagiert sie nicht, also fasst sich Ed ein Herz und bewirft sie mit einer Kastanie. Da dreht sie sich unbeholfen um und die beiden blicken in eine graue, verzerrte Fratze mit ausdruckslosen Glupschaugen, als es Shaun entfährt: »Oh my god look at her...she’s so drunk!«.

In der Knarre ein Kleeblatt

Kino der Attraktionen: Guillermo Del Toros Comicverfilmung »Hellboy« freut sich am Crossover der Genres, Stile und Filmfiguren. Dem Helden bleibt dabei sogar noch Zeit für philosophische Exkurse.

Gleich geht es los. Hellboy (Ron Perlman) steht vor einer schweren Tür, nachdem ihn ein Alarm - so rot wie der behörnte Spezialagent selber - auf den Plan gerufen hat. Nur noch eine kurze Bedrohungsanalyse durch seinen Agentenkollegen mit den Schwimmhäuten: Hinter der Tür lauert ein »dunkles Wesen, böse, alt und hungrig«. Und schon ist Hellboy auf dem Weg, diesem »Wesen« amtlich ein paar zu verpassen. Come on, let's fight some monsters - genau, immerhin ist uns ein Action-Spektakel versprochen worden, reines Attraktionskino.

Nuevo Cine Argentino

Gut drei Jahre ist es her, als die immergleichen Bilder aus Buenos Aires über die Fernsehschirme flimmerten. Zu sehen waren Menschen, die Supermärkte plünderten, Strassen und Banken besetzten. Etwa zeitgleich entstand ein junges argentinisches Kino, das sich von der Last der Symbole befreite. Es hatte wenig Interesse an den großen Geschichten des Erzählkinos und widmete sich stattdessen dem Alltag. Cristina Nord, Filmredakteurin der taz, hat in den letzten Jahren eine Menge Filme gesehen und sich desöfteren in Buenos Aires getummelt. Zu unterschiedlichen Anlässen sind dabei diese heterogenen Texte und Interviews entstanden.

Du tust etwas, was ich nicht seh‘

Wann beginnt die Arbeit, wann hört sie auf? Wir sitzen im Kino und sehen das Produkt harter, vielteiliger Arbeit - doch genau das sehen wir nicht. Some connections between »Time Out« und »Loin«.

Eigentlich ein Slapstick-Klassiker: jemand schließt sich unbemerkt einer zufällig vorbeilaufenden Gruppe an, Schrittgeschwindigkeit, Armschlenkerradius und Gesichtsausdruck imitierend. Man nimmt das schnell als komisch wahr. Die Gruppe erkennt ihren Fremdgänger nicht und dieser wiederum macht der anderen toten Winkel sichtbar. In André Techinès »Loin«, pirscht Said über das Hafengelände Tangers. Einige LKW-Fahrer bieten ihm ein paar entscheidende Sekunden lang Schutz. Jemand sagt: »Hier, in Tanger, gibt es keine Arbeit. In Laurent Cantets »Time Out« steht Vincent in Anzug und crèmefarbenem Trenchcoat vor einem großzügig verglasten Gebäude. Es ist die UNO in Genf. Ihm bietet eine hektisch, schwätzende Vierer-Gruppe Tarnung, um unbemerkt die Empfangstheke zu passieren. Niemand scheint auf Vincent zu achten. Er passt ins Bild.
Said löst sich von dem Moment der Imitation, pirscht weiter, versteckt sich, sucht neuen Schutz. Er hat zwei Ziele: Europa und Arbeit. Vincent bleibt Imitation. Eigentlich hat er nichts tun. Das heißt, er ist vollauf damit beschäfitigt, sein Fake-Leben zu perfektionieren. Er IST die Erscheinungsweise seiner früheren Arbeit.

Showtime

»Our lives should be so exciting.« Ein Satz den sich zwei im Kino zuflüstern. »Fulltime Killer«, eine postmoderne Variante des Lonesome Profikillergenre, ist längst nicht mehr der neueste Film von Johnnie To. Dem Produktionswütigen gelang in diesem Jahr nichts geringeres als sowohl in Berlin, Cannes und Venedig einen jeweils neuen Film zu plazieren.

»People think, the easiest way to move a person out of their lives, is, to let kill them. ... Aber sie vergessen, dass die Erinnerung bleibt.« (räsoniert O aus dem Off, während er über den Friedhof läuft)

»Seit einigen Tagen kommt ein komischer Kerl in den Laden, der immer so Masken trägt wie in diesem Hollywood-Film .....«. ---- »Ich habe noch keinen Videorekorder.« - »Aber sie leihen sich jeden Tag Filme aus.« - »Ja, deswegen leihe ich mir auch nur Filme aus, die ich schon kenne. Ich bin noch nicht lange in Hongkong« - »Ah, Sie sind Geschäftsmann?« - »Ich bin Profikiller.« Über die Mundwinkel der jungen Dame hinter der Videoladentheke huscht ein verwundertes Grinsen. »Sie machen Witze?« - Chin hat schon den ein oder anderen Film gesehen. Und Profikiller sind Leute, die man am ehesten aus Filmen kennt. Aber vor ihr steht heute Bill Clinton. d.h. ....

Trouvé: »La Sirene de Mississippi«

»Wegen seiner second-hand Qualitäten müsste mir dieser Film eigentlich gefallen. ...
Truffaut hat einen Krimi von William Irish auf Réunion und nach Frankreich verlegt. Die Mississippi ist ein Schiff, das auf dem Indischen Ozean Liniendienst tut, die Sirene Catherine Deneuve. Das latent Pathologische in ihrer Erscheinung, eine gewisse Jungfräulichkeit gegen den Strich, die Bunuel und Polanski so inspiriert, wird bei Truffaut einfach als evident vorausgesetzt. Belmondo versucht, Gabin noch rechts zu überholen. Denkt man an ›A bout de souffle‹ und sieht ihn hier pomadig agieren, dann ist der Vergleich mit Jean Gabins Weg vom ›Quai des brumes‹ bis zum ›Président‹ nicht mehr von der Hand zu weisen . Nicht nur, weil Belmondo bei Truffaut einen Tabakplantagenbesitzer spielt.

Japan ist überall

»Japón« ist das Debüt von Carlos Reygadas und anders als seine Kollegen Alejandro Gonzáles Inárritu und Alfonso Cuarón schert sich Reygadas einen Dreck um den Wiedererkennungseffekt popkultureller Ästhetik des jungen mexikanischen Kino.

Eine Autokolonne wälzt sich über eine vierspurige Ausfallsstraße. Auffallend sind die vielen grünen und gelben VW-Käfer - wir sind auf der Periferique von Mexiko-City. Es geht richtung Norden. Die Straßen werden schlechter, dann holprig und staubig, sind längst nicht mehr asphaltiert. Berge, Geröll und Kakteen. Der Reisende, ein Fremdkörper, abgesetzt in einer scheinbar so verlassenen Gegend ist auch hier nicht allein. Er trifft auf Männer mit Jagdgewehr. Was für den einen die Flucht, bereitet den anderen Vergnügen. Der Ton ist rau und misstrauisch. Ein Junge versucht, einem angeschossenen Vogel den Kopf abzureißen. Seine Hände seien zu schwach. Für den Reisenden ist das kein Problem. Später erfahren wir, dass er Maler ist. Die Großstadt ist längst vergessen. Etwa fünf Minuten sind vergangen und noch immer kein Titel. Wo sind wir?

Was hörst du so

»All about Lily Chou Chou« ist ein unaufgeregtes Porträt japanischer Jugendlicher in den späten 90er Jahre, das es verdient hat mehr als nur Geheimtip zu sein. Die erste Hälfte widmet der Film von Shunji Iwai, Hoshinos Wandlung vom klassenbesten Wunderkind und Sonderling ohne Freunde, zum brutalen Bully, der seine Mitschüler erpresst, quält und in die Prostitution zwingt.

Sublime Excess

»Laurel Canyon« spielt in L.A. und handelt von der Musikindustrie, von Arbeit, Nervensträngen und davon, wie Begriffe stets am Leben vorbeischliddern.

Mit dem Namen Frances McDormand denken die meisten wohl noch immer an die Polizistin aus »Fargo«, wie sie mit einer Tasse Kaffee und hochschwanger am Unfallsort durch den Schnee stapft. Nichts scheint sie aus der Ruhe zu bringen. Stets einen spröde charmanten Konter auf den Lippen, so hält sie sich ihre Umwelt auf Distanz - und doch gerät ein jeder in ihren Bann. In »Laurel Canyon« sieht man sie vor allem am Swimming-Pool oder im Aufnahmestudio - mit einer Tasse Kaffee in der Hand und einer Kippe im Mundwinkel. Frances McDormand diesmal in der Rolle einer Musikproduzentin.

Nur so tun als ob

Some connections between: »Grand Hotel«, »This is Spinal Tap«, »Alphaville« and »Une femme est une femme«

Es hätte noch mal was werden könnte mit der Karriere. Leidend räkelt sich die alternde russische Ballerina Grusinskaya auf einer Chaislonge im Berliner »Grande Hotel« zwischen den Kriegen. Mit einer unverkennbaren suizidalen Lethargie gespielt von Greta Garbo, drapiert von Edmund Goulding und fahl ausgeleuchtet von William Daniels. Erst die Bekanntschaft mit dem äußerst galanten Weltmann Baron Felix von Geigern verspricht die Hoffnung auf einen zweiten Frühling. Aber auch der ist längst abgebrannt und verdingt sich als Juwelendieb. Charakterliche Oxidationsprozesse im Nobelhotel. Goulding beschreibt nach dem Roman von Vicki Baum die Übergangsphasen von fünf Menschen in andere Stadien des Seins. So wie das Hotel nur ein Übergangsort ist. Aufenthalt auf Zeit mit keiner Chance sich zu etablieren, denn das Abgereist wird ist ohnehin schon klar. »People come. People go. Nothing ever happens.« resümiert der kriegversehrte Dr. Otternschlag lakonisch. Ballerina und Baron versuchen den Glanz vergangener Tage als Simulation des eigenen Lebens, vorbei an ihrer akuten Situation zu inszenieren. Der Industrielle Preysing erschwindelt sich mit ähnlichen Taktiken, dass was vor einigen Jahren als Venture Capital auf die Konten windiger Internet Pioniere floss. Er gaukelt seinen Verhandlungspartnern vor die Fusion mit einem Konkurrenten hätte bereits stattgefunden. Eben die scheitert dann aber und dem preysingschen Imperium droht der sichere Untergang.

Kitchen Stories

Im August wäre die Filmkriterin Frieda Grafe 70 Jahre geworden. Im Verlag Brinkmann&Bose werden derzeit ihre gesammelten Werke in 12 Bänden verlegt. Just sind erschienen: »Film/Geschichte - Wie Film Geschichte anders schreibt« und »Zwei Jahre aus meinem Leben mit Getrude Stein.«

»Die Perspektive aufs Thema ist exklusiv weiblich. Der Gegenstand wird ernst genommen.« (1) Textanfänge aus dem Jahre 1977: »Mein Blick auf Marlene ist beschränkt und parteiisch. Mich interessiert an ihr nur, was das Kino weiterbrachte.« (2) Das Sehen ist vom ersten Satz an Teil der Sprache, wie der Blickwinkel. Mein Blick auf Frieda Grafe ... . Auf ihre Fotos? Ihren Blick in den Bildern? »Das Bild : Der Text« hieß ein Symposion über Fotografie auf dem Steirischen Herbst 86 und »Bilder illustrieren« der Beitrag von Frieda Grafe, abgedruckt in der Camera Austria 24. Auf den Doppelpunkt hatte sie geschaut, den Link, das Moment der Übersetzung zwischen Bild und Text. »Aber Bilder können auf Gedanken bringen. So lässt sich nämlich der Doppelpunkt auch noch verstehen: sagten die Bilder Doppelpunkt. Und dann, als wörtliche Rede kommt der Text.« Auf dem grobkörnigen schwarzweiß Foto darunter, sieht man von Frieda Grafe eigentlich nur den schemenhaften Umriss ihrer Haare, und die Hand, auf die sie leicht ihren Kopf stützt, ihre Brille kann man erahnen. Eine konzentriert Lesende.

Jack Black: Diese Krankheit ist ein Segen

»Manche Leute machen sich halt gerne zum Narren«, bemerkt der Trinkbruder abschätzig nach ein paar Gläschen Wodka, als ich ihm erzähle, dass ich Jack Black interviewen möchte.

Die Bluesbrüder John Belushi und Dan Aykroyd sollen einander nach ein paar Nasen Koks geschworen haben, auf der Beerdigung des jeweils anderen das Ventures-Stück »2000 pound-bee« zu spielen. Ob Aykroyd das Versprechen 1982 eingelöst hat, weiß ich nicht. Bei dem Stück könnte es sich aber um jenes »beste Lied der Welt halten«, das Jack Black und Kyle Gass anno 2003 partout nicht erinnern können, als der Teufel (Dave Grohl) genau dieses von ihnen hören will. Der intelligente Einfall der beiden, dem besten Lied der Welt dehalb mit einer Eigenkomposition Tribut zu zollen, ist der Clou der Tenacious D-Single »Tribute«. Die affigen Grimassen, die lächerlichen Posen, den wahnsinnigen Blick und die euphorisierende Bruststimme; den vollen Körpereinsatz eben, mit dessen Hilfe Jack Black den Teufel im Videoclip in die Knie zwingt, hätte auch der selige Belushi kaum besser hinbekommen.

Amerikanische Verhältnisse

Drei Jahre vor den »Sopranos«, startete in den USA eine Serie namens »OZ«, ebenfalls von HBO produziert, die nie ihren Weg ins deutsche Fernsehen schaffen wird. Dabei lässt sich an ihr wunderbar zeigen, was wo falsch und woanders richtig gemacht wird. Also schnall dich an Dorothy...

Die schlimmsten Filme, die es nicht gibt

Wer hat Angst vor der Heraufkunft einer neuen »visuellen Kultur«? Die Schriftsteller und Künstler jedenfalls nicht, wie der Umgang mit dem gigantischen Bildervorrat der Gegenwart beweist. Das meint zumindest Dietmar Dath.

Wenn es heute in akademischen oder kunstbetriebsnahen Veröffentlichungen, auf Symposien und an Seminaren um »visuelle Kultur« oder, noch flotter, »visual culture« geht, ist damit nicht die fade Klage vom bücherfressenden Fernsehmonster, der »Abschied von der Gutenberg-Galaxis« (Marshall McLuhan via Norbert Bolz) oder biedere Logopädenpanik wegen Comics gemeint. Auch die Behauptung, Analphabeten fänden sich im Internet leichter zurecht als Lesekundige, vertritt vorerst - aber man weiß nie, womit sich irgendwann jemand interessant machen wird - kein Mensch. Worauf man es neuerdings vielmehr überall abgesehen hat, ist ein kulturanalytischer, bisweilen auch -kritischer Anspruch: Wer mitreden will, ist gehalten, »Konventionen und Codes zu untersuchen, die nichtlinguistischen Symbolsystemen zugrunde liegen«, wie das W. J. T. Mitchell vor zwölf Jahren in einem die ganze Sache inaugurierenden »Artforum«-Aufsatz zum von ihm so getauften »pictorial turn« gefordert hat.

Weder Mensch noch Bestie

Ein düsteres, karges Endzeit-Szenario dient als Rahmen und Kulisse für Michael Hanekes Götterdämmerung »Time of the Wolves«. Ist die Welt nicht mehr zu retten? Michael Haneke hat mit »Funny Games«, seiner das Publikum quälenden, scheinbar plump medienkritisch konnotierten Thriller-Variation von 1997, einige böse Kritik auf sich gezogen. Denn dort werden bürgerliche Subjekte von kriminellen, weiß gekleideten Clockwork Orange-Epigonen einer psychischen und physischen Tortur ausgesetzt, in der mancher Betrachter die sinnlose Zerstörung einer ursprünglich heilen Welt sehen wollte. Und sinnlos, so der Vorwurf, sei auch Hanekes genüssliche Gewaltdarstellung.

Die Tür muss zu sein

Die Pubertät beginnt, wenn die Socken plötzlich nicht mehr in Ordnung sind, sondern furchtbar altmodisch wirken: Als Regiedebüt erzählt Catherine Hardwicke in ihrem Coming-of-Age-Film »Thirteen« von den Ökonomien der Jugend. Es geht um den Moment, wenn James Dean seinen irgendwie verständnisvoll dreinblickenden Vater am Hausmantelkragen packt und durch das Wohnzimmer schleudert, während die Mutter mit einem Gesichtsausdruck daneben steht, als ob genau jetzt die Welt unterginge.

Doppelte Präsenz

Es ist wichtig, dass Bob und Walt uns mit Gags begegnen. Beim Frühsport schaut sich einer der beiden an der Hüfte zusammengewachsenen Zwillinge nach einer Joggerin um, weshalb der andere vor einen Laternenpfahl knallt. »Ich hatte Drinks mit ihr!« - »Aha, und wo war ich da?« Egal. Keine Zeit für Erklärungen, es wartet der Quickee Burger, ihr überaus beliebter Provinz-Diner. Als Besitzer und Köche erledigen sie mit einem Kalauerlächeln auch eine Mammutbestellung in knappen 180 Sekunden. Burger, Salat, Tomaten, Senf- und Ketchup-Quetschen werden so sicher jongliert, wie ihre Kontrahenten im Tenniseinzel düpiert oder die Gegner im Boxring hemmungslos versohlt werden: »Das schaffen wir mit drei Händen auf dem Rücken!« Na ja, nicht ganz.

Wie ein anderer werden?

Im Falle von Jose Henrique Fonsecas »The Man of the Year« durch eine kleine ästhetische Korrektur. Nach einer verlorenen Wette lässt sich Miguel die Haare blond färben und sieht nach einem gekonnt lacanschen Blick in den Spiegel, das Potenzial, sein neues Äußeres mit neuem Inhalt aufzufüllen.

Fast wie immer

Ein gewöhnlicher Tag in einer amerikanischen High School. Jugendliche erleben ihre persönlichen, kleinen Geschichten. Eli läuft durch den Park und macht Photos, Michelle wird aufgrund ihres Aussehens von Mitschülerinnen gehänselt. John kümmert sich um seinen alkoholisierten Vater und kommt zu spät zum Unterricht. Alltag.

Großer Fisch im kleinen Teich

Was windschief ist, soll gerade werden: Tim Burtons neuer Kinofilm "Big Fish" erzählt eine Vater-Sohn-Geschichte. Die lebt zwar von der Fabulierfreude und dem schwarzen Humor seiner Hauptfigur. Doch am Ende meldet sich das Realitätsprinzip mit Nachdruck zu Wort: "Du erzählst Lügen, Dad!"

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